Leben im Wohnmobil : Freud und Leid der Wohnmobilisten

Für den 72-jährigen Horst ist sein Wohnmobil seit sieben Jahren Wohnung auf vier Rädern – hier auf dem Stellplatz neben dem Colosseumplatz.
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Für den 72-jährigen Horst ist sein Wohnmobil seit sieben Jahren Wohnung auf vier Rädern – hier auf dem Stellplatz neben dem Colosseumplatz.

Besuch auf Besuch auf den Wohnmobilplätzen am Colosseumsplatz in Wilster und am Elbdeich in Brokdorf.

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15. August 2017, 05:00 Uhr

Das Leben im Wohnmobil ist für die meisten mit Urlaub und Reisen verbunden, für manche bedeutet es hingegen der pure Alltag in Einsamkeit und Langeweile. Das wurde bei einem Besuch auf den Wohnmobilplätzen am Colosseumsplatz in Wilster und am Elbdeich in Brokdorf deutlich.

In Brokdorf machte auf dem fast täglich wechselnd voll belegten Wohnmobilplatz die Familie Leibl aus dem badischen Reute (Kreis Emmendingen) Station. Auf einer dreiwöchigen Reise in den Norden waren sie in mehreren Etappen bis nach Büsum gekommen – zum ersten Mal an die Nordsee. Von dort erreichten die Betriebswirtin Christine (37), der gleichaltrige Software-Entwickler Robert und ihre Kinder Johan (sechs Monate) und Amelie (3) nach einer Zwischenstation in der Seehundstation Friedrichskoog schließlich Brokdorf. Spaziergänge am Deich und „Schiffe gucken“ hatten es den Eheleuten Leibl am meisten angetan. „Das könnte ich hier den ganzen Tag tun“, zeigte sich die Betriebswirtin der Freiburger Verkehrsbetriebe von den großen Containerschiffen auf der Elbe sichtlich beeindruckt. „Wir können bei uns nur zum Titisee fahren, um wenigstens einige Tretboote zu sehen“, scherzte die 37-Jährige. Ihr und ihrem Mann gefielen auch die flache Landschaft mit weiten Ländereien und viel Platz für die Kühe. „Das ist schon sehr interessant“, sagte Robert Leibl.

Er lobte auch die Infrastruktur auf dem Brokdorfer Wohnmobilplatz. Frischwasseraufnahme und Abwasserentsorgung sowie sanitäre Anlagen – alles stehe den Wohnmobilisten preiswert zur Verfügung. Und das Einkaufen im Dorfladen biete die Möglichkeit, den Proviant für die Weiterfahrt wieder zu ergänzen. Von Brokdorf ging es am nächsten Tag weiter in Richtung Bremerhaven, um dann die Fahrt über weitere Stationen zurück bis Reute fortzusetzen.

Ganz anders ist die Motivation für den 72 Jahre alten Rentner Horst – seinen Nachnamen wollte er nicht verraten. Früher lebte er mit seiner Familie in Rostock, war der Diplom-Ingenieur für Schiffsmaschinenbetrieb viele Jahre in der Containerschifffahrt zur See gefahren. Als er vor sieben Jahren Rentner wurde, trennte sich die Familie. Zu seiner Frau, mit der er immer noch verheiratet ist, hat er ebenso keinen Kontakt mehr wie zu seinen drei erwachsenen Kindern. Weil er einen Teil seiner Rente als Unterhalt an seine Frau zahle, reiche der Rest nicht einmal für eine Mietwohnung.

Von einem Teil seiner Lebensversicherung kaufte er sich ein gebrauchtes Wohnmobil, das seit sieben Jahren sein Zuhause ist. Von Oktober bis April fährt er damit nach Nordspanien – nach Diara in der Nähe von Barcelona. „Ich suche mir immer einen Stellplatz, an dem ich nichts bezahlen muss“, verrät er. Das ist auch der Grund, dass er im Sommerhalbjahr vorwiegend in Wilster oder in Itzehoe, wo er zuletzt gewohnt hatte, sein Wohnmobil parkt. „Mit dem Wohnmobil unterwegs zu sein, ist immer noch besser als mit Rucksack und Wanderstock“, meint er. Allerdings bedauert er, dass man „mit den Mitcampern als Single kaum ins Gespräch“ komme. Die Einsamkeit mache ihm zu schaffen. Das ändere auch nicht die Unterhaltung aus seinem Fernsehgerät.

In Wilster fühlt sich Horst dennoch gut aufgehoben. Hier habe er für den Stellplatz noch nie Geld bezahlt, aber für Frischwasser und Entsorgungsautomat. „In Itzehoe kommt nach einer Nacht schon das Ordnungsamt und jagt mich vom Platz.“ So etwas sei ihm in Wilster noch nie passiert. Lob findet er auch für die Einkaufsmöglichkeiten in der Marschenstadt. Da sein Kühlschrank kaputt sei, müsse er sich vorwiegend auf Fertiggerichte aus der Konserve beschränken. Außerdem müsse er immer wieder Geld zurücklegen für den Unterhalt seines Wohnmobils – für Ölwechsel, Reifen, Treibstoff und unerwartete Reparaturen. „Das ist alles sehr teuer“, erzählt er. Dennoch sei er alles in allem mit seiner „Wohnung auf Rädern“ zufrieden, fügt der 72-Jährige hinzu.


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