Freiwillig: Für ein Jahr zur Sozialarbeit in die USA

Für junge Menschen immer noch ein kleines Abenteuer: Jennifer Herrmann auf der Brookly Bridge.
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Für junge Menschen immer noch ein kleines Abenteuer: Jennifer Herrmann auf der Brookly Bridge.

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12. November 2010, 08:11 Uhr

Dägeling/New York | Ein Jahr ins Ausland, am liebsten nach Amerika - Jennifer Herrmann erfüllt sich damit einen Traum, den viele in ihrem Alter träumen. Die 19-Jährige aus Dägeling startete nach ihrem Abitur an der Itzehoer Kaiser-Karl-Schule zu einem Freiwilligen Sozialen Jahr in einer US-amerikanischen Behinderten-Einrichtung. Hier ihr ganz persönlicher Erfahrungsbericht nach den ersten Wochen:

Ein Jahr Ausland, ein Jahr New York, ein Jahr in einer Community mit besonderen Menschen. Am 31. August begann mein Abenteuer und ich flog über den großen Teich Richtung Amerika und landete auf dem John F. Kennedy Flughafen in New York. Mit dem Bus, Zug und dem Auto dauerte es weitere vier Stunden ehe ich mein neues Zuhause zu Gesicht bekam. Das Camphill liegt außerhalb der kleinen Stadt Copake, umgeben von Wäldern und Feldern. Vom ersten Augenblick an gefiel mir das kleine Dorf, in dem mehr Eichhörnchen wohnen als Menschen. Insgesamt leben hier über 200 Personen, 102 davon mit Behinderungen.

Das "Hickory House", das sich auf einem kleinen Hügel befindet, nennt sich nun mein neues Heim. Mit mir leben hier eine Familie mit drei Kindern, die sieben, vierzehn und achtzehn Jahre alt sind. Weiterhin vier Menschen mit Behinderungen und ein Co-Worker namens Jong eun aus Süd-Korea.

Die Eltern der Kinder werden "Hauseltern" genannt, wir die "Co-Worker", die Personen mit Behinderungen heißen "Villager". George ist mit 72 Jahren der Älteste und der Ruhigste, danach kommt Alan, Betsy und der Jüngste mit 45 Jahren ist Ben.

In den ersten Tagen lernte ich das Camphill, den Tagesablauf in meinem Haus und natürlich dessen Bewohner besser kennen und konnte viele neue Eindrücke sammeln.

Ungewohnt war natürlich die englische Sprache, obwohl ich erstaunt feststellen musste, dass mein Englisch gar nicht so schlecht war wie befürchtet. Jeder lobte mich, wie gut mein Englisch sei, dabei war ich auf der KKS die Schlechteste in meinem Kurs. Die Begründung liegt wohl darin, dass die Co-Worker aus Süd-Korea erhebliche Probleme mit Fremdsprachen haben, da in Korea das Sprechen der Sprachen kaum unterrichtet wird.

Nach einigen Tagen gab es eine Versammlung in der Fountain Hall, einem großen Gebäude, in denen Meetings, Festlichkeiten, Gottesdienste etc. stattfinden. Dieses Zusammenkommen, das sogenannte Forum, ist bei den Villagern sehr beliebt, da es ihnen die Möglichkeit gibt zu erfahren, was im Camphill passiert und über neue Dinge mitzuentscheiden. Auch werden Neuankömmlinge vorgestellt. Die Gruppe der neuen Co-Worker war zu dieser Zeit sehr groß und viele Villager hatten die Chance, die Neuankömmlinge bekannt zu machen. Ben stellte mich vor und erzählte seinen Mitmenschen wer ich bin, woher ich komme und dass ich von nun an in seinem Haus lebe. Diese Art der Vorstellung war eine schöne und neue Erfahrung. Generell ist die Neugierde der Bewohner des Camphills groß und auch nach über einem Monat werde ich nach Name und Haus gefragt.

Schnell wurde ich in den Tagesablauf integriert und konnte nach kurzer Zeit alleine die Arbeiten und die Pflege der Villager übernehmen.

Obwohl das Hickory Haus keins der drei Care Häuser im Camphill ist, in denen die Menschen speziell im medizinischen Bereich besonders viel Aufmerksamkeit benötigen, ist vergleichsweise viel Betreuung nötig. Meine größte Herausforderung liegt dabei in der Betreuung von Betsy, meiner Hauptperson. Jeder von uns im Haus hat eine Hauptperson, um so besonders auf die Bedürfnisse des Einzelnen eingehen zu können.

Betsy ist die Schwierigste im Haus und an einigen Tagen macht sie es mir sehr schwer, ihr zu helfen. Geduld ist bei ihr wichtig und nicht immer gelingt es mir. Allerdings lerne ich dazu und versuche meine Gefühle zu verbergen, da sie spüren kann, wenn ich sauer und ungeduldig werde. Dennoch gibt es Momente, in denen sie mir zeigt, dass sie mich mag und unsere Beziehung zueinander besser wird, wobei ich immer sehr erfreut bin, solch kleinen Dinge zurückzubekommen.

Mein Tag beginnt jeden Morgen halb sieben, indem ich entweder das Frühstück vorbereite oder die Villager wecke und die drei Herren rasiere. Bevor das Frühstück beginnt, gibt es eine Stretchübung mit anschließendem Vorlesen einer Bibelstelle, die sonnabends beim Bibel abend näher besprochen wird.

Nach dem Frühstück beginnt das Zähneputzen und die medizinische Versorgungen, zum Beispiel das Auftragen bestimmter Salben.

Um neun Uhr gehe ich zum "Columbine Haus" und koche für die Bewohner Mittag. Dabei habe ich die Villagerin Tammy, die mich unterstützt. Sie ist eine sehr lebhafte und redselige Person. Mit ihr wird es nicht langweilig, doch muss man sie schon öfters auf ihre Aufgaben hinweisen, weil sie sie sonst durch das viele Reden vergisst. Das Kochen selbst ist ebenfalls eine kleine Herausforderung für mich, da drei Vegetarier in dem Haus leben und einer davon keine Nudeln mag.

Generell wird im Camphill auf gesunde und biologische Nahrung geachtet. Das Gemüse wird selbst angebaut, Käse, Quark und Joghurt stellt jedes Haus selbst her und die Milch kommt direkt von der Kuh.

Nach dem Mittagessen, das von Jong gekocht wird und das ich in meinen Haus zu mir nehme, arbeite ich entweder im Café, in dem eine Bücherei ist oder im Hickory Haus und putze mit anderen Villagern aus anderen Häusern. Es wird viel Wert darauf gelegt, dass die Villager verschiedene Arbeitsbereiche haben. So arbeiten zum Beispiel einige morgens draußen im Garten und nachmittags in einem anderen Haushalt, um bei der Hausarbeit zu helfen. Die Arbeitsbereiche sind sehr vielfältig. Einmal wäre da die Farm mit Kühen, Hühnern, Schafen, einem alten Pferd und Schweinen. Weiterhin gibt es eine Weberei, einen Kerzenladen, einen Souvenirladen, eine Bäckerei, eine Weberei, ein Café mit Bücherei, einen Garten für Heilkräuter, drei Gemüsegärten, einen kleinen Lebensmittelladen und vieles mehr.

Nach dem Arbeiten wird das Abendessen vorbereitet und danach steht die Pflege der Villager im Vordergrund.

Später am Abend oder auch nachmittags gibt es für die Bewohner des Dorfes verschiedene Aktivitäten wie Schwimmen, einen Chor, Musikabende im Café, Ausflüge, wöchentliche Treffen in der Hall und sonntags einen Gottesdienst.

Auch für die Co-Worker gibt es eine Vielzahl an Kursen und Aktivitäten. Einmal in der Woche findet der "Care Course" statt, an dem die Co-Worker teilnehmen, die in einem Care House oder wie in meinem Fall in einem Haus leben, in dem viel Betreuung notwendig ist. Unser erstes Projekt des Kurses war das Aufziehen einer Bohne. Dabei ging es um die Frage, was Betreuung beziehungsweise Pflege bedeuten kann und ab wann man von Betreuung sprechen kann. Das Augenmerk im Care Course ist das Observieren der Menschen. Entspricht die Kleidung dem Wetter? Ist die Person gesund und kann Arbeiten? Was braucht sie? Es gab aber auch Kurse, in denen wir erste Hilfsmaßnahmen, das Verhalten in schwierigen Situationen und den Umgang mit Menschen mit Behinderungen erlernten.

Momentan findet donnerstags der Medizinkurs statt, in dem der Umgang mit den Medikamenten, deren richtige Dosierung und die ordnungsgemäße Verabreichung an die zutreffenden Personen besprochen wird. Wenn ich diesen Kurs bestehe, ist es mir gestattet, jedem Villager seine Medizin zu geben. Somit wäre ich eine weitere Hilfe im Haus, da zu allen Mahlzeiten sowie vor dem Schlafengehen Medizin verabreicht wird.

Zweimal im Monat findet ein Co-Worker-Treffen statt. Es bietet uns den Austausch untereinander und die Möglichkeit, bei Problemen um Rat und Hilfe zu fragen. Anschließend fahren wir in die nächstgelegene Stadt zu einer Turnhalle, in der man Fußball, Gymnastik und andere Sportarten betreiben kann, was eine wichtige Abwechslung für viele der jungen Co-Worker darstellt.

Insgesamt leben im Camphill ungefähr 40 Co-Worker aus verschiedenen Ländern, vorwiegend aus Deutschland, einige aus Süd-Korea und wiederum zahlreiche aus den USA sowie einer aus England und aus Japan. Auch unter den Hauseltern gibt es viele verschiedene Nationen.

Insgesamt betrachtet gefällt mir das Leben im Camphill, in der die Community im Vordergrund steht, sehr gut. Natürlich gibt es Kleinigkeiten, die einen stören.

Zum Beispiel ist man sehr abhängig von anderen, wenn man einen Ausflug an seinem wöchentlichen freien Tag machen will. Es ist nur wenigen erlaubt, die spezielle Fahrerlaubnis, die für das Camphill gilt, zu machen. Bisher konnte ich schon mit einigen anderen Co-Workern nach Hudson, in eine Mall nahe Albany und auch nach New York City fahren. Das gibt uns die Chance das "richtige" amerikanische Leben zu erleben. Bisher kann ich noch nicht über Heimweh klagen und das ist auch gut so.

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