Freie Bahn für afrikanische Rhythmen

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Beim großen Wilstermarsch-Kulturprojekt: 76-jährige Itzehoerin fühlte sich wie in Hamburg, Berlin oder New York

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26. Mai 2015, 10:31 Uhr


„Oh ya ité coucou Fonye. Oh ya ité coucou Fonye…“ Fanta Haba stimmt kräftig die viertaktigen Lautfolgen an, alle fallen wiederholend ein und ziehen sich über die Stimme den Rhythmus in den Körper. Erst dann greift ihn Ibro Konaté mit der Trommel auf, unablässig die Lautfolgen schnell und leise vor sich hin summend. Fata Haba geht elegant in die Bewegung: Die Füße fest auf der Erde, der Kopf hoch und frei, der übrige Körper wippt, schlängelt und dreht sich mit elementarer Spannkraft. 16 Teilnehmer machen es ihr voller Elan nach und üben sich im Rahmen des Kulturfestivals 25 Wochen im afrikanischen Tanz.

Auch bei Horst Junker bewegen sich unablässig die Lippen, wenn er mit Ibro auf der Dejembé, der afrikanische Bechertrommel, mithält, unterstützt von Kerfalla Sagno an den drei Basstrommeln Dundun, Sangban und Kenkeni. Das Trio fällt durch die gemischte Hautfarbe auf. Horst Junker erzählt, dass er vor 15 Jahren in Hamburg bei Ibro das Trommeln gelernt und ihn danach in Afrika besucht habe. Dort lernte er seine Frau Fanta Haba kennen. Mittlerweile sind sie verheiratet, haben zwei Kinder, und Horst Junker freut sich, wenn Ibro ihn gelegentlich zum Trommeln mitnimmt – so wie nach Wilster zum Djagba.

Die Rituale des afrikanischen Tanzes spiegeln immer alltägliche oder festliche Lebenssituationen wider. Djagba sei eigentlich ein Hochzeitsrhythmus, erzählen Fanta Haba und die Musiker in der Pause vom kulturellen Hintergrund ihrer Kunst. Eine Woche, nachdem die Braut mit der Aussteuer zu ihrem Mann gegangen ist, organisiert sie ein großes Fest für ihre Freunde, bei dem diese am Ende ihre gesammelten Geschenke übergeben. Ob sie auch dieses Fest gefeierte habe, als sie in Deutschland geheiratet habe, wollen die Teilnehmer von ihr wissen. Fanta lacht und bedauert. So weit weg von ihrer Heimat Guinea sei dies nicht möglich gewesen. Da ihr Vater strenger Moslem sei, lehne er zudem die traditionellen Rituale ab. Aber er habe den deutschen Schwiegersohn akzeptiert, räumt Fanta schmunzelnd ein.

Die Teilnehmer erfahren auch von den kulturellen Überlagerungen in Guinea. Der Islam habe vor allem in den Städten viele traditionelle Riten zurückgedrängt und verteufle Musik. Fanta Haba musste sich gegen den Vater auflehnen: „Man muss stark sein.“ Sie hat ihre Liebe zum Tanz schon als Kind entdeckt und wollte ihn professionell lernen. Besuche bei der Großmutter auf dem Dorf bestärkten sie, da diese bei den Stammestänzen das Talent der Enkelin entdeckt und sie unterstützt habe. Mittlerweile ist sie Profitänzerin, Ensemblemitglied und gibt ihr Können in Workshops weiter.

„Sie ist toll. Eine glatte 1!“ Nicole Ortlepp ist begeistert. Die Itzehoerin unterrichtet selbst im SCI-Sportclub-Studio afrikanischen Tanz und konnte sich bei Fanta Haba einiges abschauen. Afrikanischen Tanz gebe es im Hamburger Raum ganz selten, berichtet sie und erzählt von ihrer Überraschung, als sie das Wilsteraner Programm und die bekannten Namen entdeckt habe. Denn Ibro Konaté ist der Sohn Famadou Konatés, eines der weltweit bekanntesten Djembé-Solisten, der 1997 an der Berliner Universität der Künste eine Professur für Didaktik der afrikanischen Musikpraxis erhielt. Konaté ist wie alle traditionellen afrikanischen Trommler Berufsmusiker, der nach jahrelanger Ausbildung eine große Anzahl von Rhythmen und Tänzen kennt und sein Instrument perfekt beherrscht. Die afrikanischen Rhythmen und Techniken werden von Generation zu Generation mündlich weitergegeben, unter anderem durch das Nachsprechen von Silbenfolgen.

Dies nutzen auch die fünf Männer und elf Frauen in Wilster, um mit Fanta Haba ins afrikanische Improvisieren einzutauchen. „Macht alles, was euch zum Rhythmus einfällt“, regt die Tänzerin ihre Workshop-Teilnehmer an, nachdem sie ihnen verschiedene Bewegungsfolgen vermittelt hat. Auch bei der wöchentlichen Tanzparty in der Alten Schule stand der Afro Dance im Mittelpunkt.

„Ein unglaubliches Programm. Man fühlt sich wie in Hamburg, Berlin oder New York“, sagt eine Teilnehmerin, die mit ihrem Mann schon bei mehreren Workshops dabei war. Auch eine 76-jährige Itzehoerin hat sich an die fremden Rhythmen herangetraut und geht beschwingt nach Hause: „Ich mag das niemandem erzählen. Die halten mich sonst für verrückt. Aber es war toll!“


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