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Ehrenamt : Flüchtlingshelfer mit Leib und Seele

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Seit fast einem Jahr kümmern sich Ingeburg und Thomas Wulff in Wilster um Neuankömmlinge in Wilster – und stoßen dabei auch an die Grenzen der Belastbarkeit

shz.de von
erstellt am 23.Dez.2015 | 16:26 Uhr

Als Ingeburg und Thomas Wulff ihren ersten Kontakt mit Flüchtlingen hatten, war diese ehrenamtliche Tätigkeit noch eher selten. Bei einem Kirchenbesuch bemerkte das Ehepaar ungewohnte Gäste. Man kam ins Gespräch und war schnell überzeugt: Den Leuten muss geholfen werden. Das war vor fast einem Jahr. Jetzt ziehen beide Bilanz ihres Engagements.

Mit der steigenden Zahl von Flüchtlingen in Wilster haben die Ruheständler inzwischen fast schon einen Fulltime-Job. „Es ist nicht in Ordnung, was hier mit den Ehrenamtlichen gemacht wird“, sagt der 66-Jährige. Für alles andere sei Geld da. Aber die freiwilligen Helfer müssten die Flüchtlinge zum Arzt und zu Behörden oder sogar zum Abholen von Heizmaterial zum Baumarkt fahren. Das Ehepaar spart nicht mit Kritik – ist dabei aber hin- und hergerissen. Es lässt nämlich auch keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie beide Flüchtlingshelfer mit Leib und Seele sind – dabei mitunter aber auch an die Grenzen der Belastbarkeit stoßen.

Es ist vor allem der enge und regelmäßige Kontakt mit Menschen aus den Krisenländern, der Ingeburg und Thomas Wulff einiges abverlangt. „Nach einem halben Jahr haben sie Vertrauen zu uns geschöpft und reichen uns dann auch in der Familie oder bei Bekannten weiter“, hat die 65-Jährige beobachtet. Vor allem die in anderen Kulturen gepflegten extrem engen Familienbande sorgen auch schon mal für Aufregung und Arbeit. Zum Beispiel wenn sich herausstellt, dass die 74 Jahre alte Großmutter einer bereits in Wilster angesiedelten Familie noch in Hamburg in einem Wohncontainer untergebracht ist. Oder wenn ein 13-Jähriger aus Wilster von seinem Vater bis fast an die polnische Grenze geschickt wird, weil sich dort ein Onkel über die Unterbringung beklagt hatte. Thomas Wulff stellte diesen Vater zur Rede und bekam zu hören: „Mein Sohn spricht deutsch, ich nicht.“

Tatsächlich schlug sich der Junge per Bahn bis zu einer in einer ehemaligen Kaserne untergebrachten Flüchtlingsunterkunft durch, die letzten Kilometer wurde er noch von einem Streifenwagen gebracht. Dem Onkel konnte er nicht helfen. Zurück konnte er aber auch nicht. Die 100 Euro für die Tour waren für die Fahrkarte und einem kleinen Imbiss am Bahnhof draufgegangen. Sein Hilferuf landete dann – natürlich – bei Familie Wulff, die mit Hilfe eines örtlichen Pastors alle Hebel in Bewegung setzte, damit der Junge wieder nach Wilster zurückkommen konnte.

Erschütternd sind für das Ehepaar aber vor allem die hinter vielen Flüchtlingen stehenden Leidensgeschichten. Von der Frau, die aus einem Polizeiboot heraus getötet wurde. Von dem Jungen, der in eine Schiffsschraube geriet und von der Schwägerin, die auf der Flucht tödlich verunglückte.

Dann muss man mit den Behörden kämpfen, damit die erwähnte Großmutter wenigstens zur gemeinsamen Trauer von Hamburg nach Wilster kommen darf. Seitdem wissen sie: Im Leben vieler Flüchtlinge gibt es nach Überzeugung von Ingeburg Wulff zwei Welten. Die traurige und ernste innerhalb ihrer vier Wände und die manchmal fröhliche, wenn ihnen die vielgerühmte Willkommenskultur entgegenschlägt.

Dabei kann Thomas Wulff bei näherer Betrachtung auch die Formulierung „sichere Herkunftsländer“ nicht gelten lassen. Er berichtet von Kosovo-Albanern, die nur deshalb geflohen seien, weil Angehörige anderen Ethnien damit gedroht hätten, Handgranaten in ihre Häuser zu werfen. Oder von Roma, die in ihren Herkunftsländern wie Freiwild behandelt würden. Für Wulff muss im Asylverfahren jeder Einzelfall unter die Lupe genommen werden. „Die Geschichten von denen, die hier sind, sind so schlimm: Ich würde allen Asyl geben.“

Thomas Wulff weiß aber auch um die Größe der noch bevorstehenden Aufgaben. „Die kommen schon mit einem gewissen Anspruchsdenken zu uns. Mit Ansprüchen an die Gesellschaft, aber auch an den ältesten Sohn, auf dem traditionell die Verantwortung für eine mitunter sehr große Familie lastet. „Da muss man auch den Mut haben, mal was Negatives zu sagen“, hält es die 65-Jährige für um so wichtiger, die Neuankömmlinge mit unseren Regeln und Werten vertraut zu machen. „Einem 16-Jährigen kann ich da auch schon mal unser Grundgesetz erklären“, meint Wulff, dass diese Altersgruppe nicht nur sprachlich schnell integriert ist, sondern auch am ehesten Wirkung in die Familien hinein entfalten kann.

Und Ingeburg Wulff ist davon überzeugt, dass jeder auch schon mit kleinsten Gesten seinen Beitrag leisten kann. Eine am Straßenrand gehende Flüchtlingsfamilie mit dem Auto zur Unterkunft mitnehmen, ein kurzes Lächeln an der Ampel oder die schnelle Hilfe beim Einkaufen im unübersichtlichen Supermarkt. „Die Leute sollen einfach nicht die Augen zu machen, sondern mithelfen.“ Und immer wieder wirft sie ein: „Es ist einfach schön, wenn man in die strahlenden Gesichter der Kinder blickt.“ Weil die Hilfe für sie eine Herzensangelegenheit ist, teilen sie nun ein bisschen die Last ihrer Schützlinge. Und dennoch versichern Ingeburg und Thomas Wulff ohne zu zögern: „Wir würden es immer wieder so machen. An einem Sonntag haben wir eine syrische Familie von nebenan zum Adventskaffee eingeladen.“ Auch an Heiligabend werden sich die Wulffs einiger Flüchtlinge annehmen. „Ganz egal, ob das Christen oder Muslime sind.“

Und wenn immer mehr kommen? „Ich habe schon ein bisschen Angst, dass die Stimmung kippen könnte, wenn erst einmal unsere Sporthallen belegt werden müssen“, bekennt Ingeburg Wulff. Ehemann Thomas gibt aber gleich die aus seiner Sicht einzig richtige Richtung vor: „Man darf nicht über die Flüchtlinge reden, sondern nur mit ihnen. Sie müssen ein Gesicht haben, raus aus ihrer Anonymität.“

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