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Flüchtlinge in Itzehoe : Flüchtlingscamp Prinovis: Stimmengewirr und Neon-Licht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mit 750 Menschen in einem Raum fällt es nicht leicht, Schlaf zu finden. Eine Nacht im Camp Prinovis.

Die summenden Neonlichter bleiben die ganze über Nacht an. Sharyon sitzt in einem Raum im dritten Stock der ehemaligen Prinovis-Druckerei. Es ist 22 Uhr. In der Luft liegt feiner Staub. Der 21-jährige Iraner konzentriert sich auf das zerkratzte Netbook vor ihm. Doch das Stimmengewirr nebenan, das Knallen des Fußballs, der gegen die Wände prallt, lenkt ihn ab. Seine geröteten Augen zeigen, wie müde er ist.

Sharyon ist einer von gut 750 Flüchtlingen, die in der Notunterkunft untergebracht wurden. Viele der Asylsuchenden sind traumatisiert. Sharyon will nicht fotografiert werden, weil er Angst hat, dass die falschen Personen ihn wiedererkennen könnten. Sein provisorisches Bettenlager ist in der alten Klebehalle untergebracht. So viele Menschen wie dort sind ein keinem anderen Raum in Schleswig-Holstein untergebracht. Sharyons Platz ist in der rechten Reihe von insgesamt sieben. „Bei dem Gang mit dem Stern“, sagt er. Zur Orientierung haben die Johanniter Zettel mit Motiven an den mit Plastikplanen bespannten Bauzäunen angebracht, die als Zimmer dienen. Der Iraner nennt sie „caves“ – Höhlen. „Die Helfer haben versucht, uns nach Nationen zu sortieren, um Streit vorzubeugen.“

Auch im Camp Prinovis steigt nach den jüngsten Eskalationen in anderen Lagern wie in Hamburg die Sorge vor gewalttätigen Konflikten. Der Grund für die Ausschreitungen in den Massenunterkünften sei der Lagerkoller, sagen die Verantwortlichen. Wenn viele Menschen länger ohne Beschäftigung beengt zusammenleben, sei Streit programmiert.

Nach drei Tagen in der Notunterkunft wirkt das Zusammenleben noch harmonisch. Die Freude darüber, endlich ein Dach über dem Kopf, ein Bett und regelmäßig etwas zu Essen zu haben, überwiegt. Die Asylbewerber finden Ablenkung von der Ausnahmesituation in der sie sich befinden – noch. „Ich helfe beim Übersetzen, beim Aufbauen weiterer Betten und zeige den Neuen die Einrichtung“, sagt Sharyon. Er sieht wachsam aus dem mannshohen Fenster des Raums, von dem aus er das Camp überblicken kann. „Heute habe ich von den Johannitern die gelbe Weste bekommen“, erzählt er stolz. Damit ist er offiziell ein Helfer – wie einige andere auch. Doch umso mehr Asylbewerber einziehen, desto weniger Beschäftigung gibt es.

Der Iraner hat keine Angst vor Streit. Er hat hier Freunde gefunden. Dabei spielt das Herkunftsland kaum eine Rolle, sondern die gemeinsame persische Sprache. Sein engster Freund ist Afghane.

Sharyon lernt mit Hilfe von in der Heimat heruntergeladenen Youtube-Videos Deutsch. Jeden Tag arbeitet er zehn der 600 Lektionen durch. „In fünf, höchstens sechs Monaten möchte ich eure Sprache können“, sagt der junge Mann. Er spricht den Satz in gebrochenem Deutsch und lächelt schüchtern. Sharyon gestikuliert wenig, wenn er spricht. Er sucht immer wieder den Blickkontakt, selbst dann wenn er über das spricht, was er verloren hat und seine Augen glasig werden.

„Zuhause hatten wir alles, ein eigenes Haus, genügend Geld.“ Sharyon hat studiert, kennt sich mit Medientechnik aus. Doch dann musste er mit seiner Familie aus dem Iran fliehen. „Ich bin zum Christentum konvertiert. Die iranische Regierung verfolgt Christen“, sagt er und zieht eine silberne Kette mit einem Kreuzanhänger aus dem Kragen seines weißen T-Shirts. Er trägt das Symbol bewusst nicht offen. Bevor er mit seinen Eltern und seiner 15-jährigen Schwester in die Notunterkunft nach Itzehoe gekommen ist, war er zehn Tage in Neumünster. Das Lager dort ist überfüllt, soll durch das Camp Prinovis entlastet werden. „Hier ist es besser“, meint Sharyon. Die sanitären Anlagen und die Kantine seien gut.

Verbindung zur Familie:  Telefonate und Unterhaltungen rund um die Uhr.
Verbindung zur Familie: Telefonate und Unterhaltungen rund um die Uhr. Foto: Christin Lempfert

Je später die Stunde, desto ruhiger wird es in der ehemaligen Druckerei. Ab und an schreit ein Kind. Sharyon versucht etwas Schlaf zu bekommen. Doch: „Die machen das Licht nie ganz aus.“ Das stört ihn, doch beschweren würde er sich deshalb niemals.

Am nächsten Morgen ist er der Erste, der vor den Räumen der Campleitung wartet. Er möchte wissen, wann es ihm erlaubt ist, Arbeit zu suchen. „Und ich möchte wissen, wann ich hier ausziehen kann.“

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erstellt am 02.Okt.2015 | 15:18 Uhr

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