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Muslime fordern Frieden : Flüchtlinge in Itzehoe: Wenn die Moschee beim Ankommen hilft

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Weil immer mehr Flüchtlinge nach Itzehoe kommen, denkt die muslimische Gemeinde schon über einen Anbau nach.

Itzehoe | Er braucht ein Mikrofon. Imam Selahattin Getkin steht ganz vorn in der Moschee in der Wilhem-Biel-Straße und spricht zu den Gläubigen. Es ist Freitag, der heilige Tag für die Muslime, die sich hier zum Freitagsgebet versammelt haben. Der Platz, den sie dabei zur Verfügung haben, wird immer enger. Ein kleiner Junge nimmt sich einen Koran aus dem Regal, berührt ihn mit den Lippen, bevor er sich zwischen zwei große Männer zwängen muss. Ein Flüchtling aus Afrika weiß nicht so recht wie er sich gen Mekka neigen soll, weil vor ihm schon jemand kniet, ein junger Mann mit Mütze und langem Bart muss neben der Treppe hocken. Als der Imam seine Ansprache hält ist der etwa 100 Quadratmeter große Raum rappeldicke voll – und immer noch drängen Gläubige hinein.

„Immer mehr Flüchtlinge – vor allem aus Syrien – kommen zu uns“, sagt Selahattin Getkin. „Wenn das so weiter geht, müssen wir über einen Anbau nachdenken.“ Erste Überlegungen dazu gebe es bereits in der Gemeinde, in der am Freitag schon in beiden Etagen gebetet wird.

„Früher sind hier vielleicht 20 oder 30 Menschen gekommen, jetzt sind es immer mehrere hundert – die meisten aus Syrien, aber auch aus Afghanistan, dem Irak oder Afrika“, sagt der Imam. Er hat darauf reagiert. „Ich halte meine Ansprache jetzt nicht mehr nur auf Türkisch, sondern auch auf Arabisch. Und wenn ich es besser könnte, würde ich auch auf Deutsch sprechen“, so Getkin, der vor einem Jahr aus der Türkei nach Itzehoe kam.

„Die Flüchtlinge bleiben zuerst unter sich, öffnen sich aber langsam“, sagt Mahmut Aksoy, der für den Imam übersetzt. Manche seien auch vom Islam enttäuscht, weil sie erlebt hätten, was in ihrer Heimat scheinbar im Namen Allahs für schreckliche Dinge geschehen seien. „Aber im Koran steht, dass man nicht töten darf – das ist so als töte man die gesamte Menschheit“, erklärt Vecdi Önis, der in der ersten Reihe sitzt. Das müssten viele der Flüchtlinge erst wieder verstehen lernen. „Wir sind alle Brüder, und das gilt auch für unsere Nachbarn – egal ob sie Christen, Juden oder Atheisten sind.“ Das habe der Prophet Mohammed gelehrt, so Önis, der seit 35 Jahren in Deutschland lebt. Er sei froh, dass der Imam predige, dass die Konflikte in den arabischen Ländern nicht weiter eskalieren sollen.

Der gemeinsame Glaube verbinde die Menschen, egal aus welchen Ländern sie kämen, sagt Selahattin Getkin. Der Imam geht in seinen Ansprachen immer wieder auf die Lage in den Herkunftsländern der Flüchtlinge ein. „Ich hoffe, dass es so wird wie bei Deutschland und Frankreich. Länder, die lange Zeit verfeindet waren, sollten sich versöhnen – auch in der islamischen Welt. Es geht nicht, dass wir uns gegenseitig umbringen.“ Und er geht darauf ein, wie ein Muslim sich verhalten solle, wenn er in einer für ihn fremden Situation sei. „Die Antwort steht im Koran.“

Ansonsten freut er sich wie die anderen rund 400 Mitglieder der islamischen Gemeinde in Itzehoe über die neuen Gläubigen. „Inhaltlich hat sich am Gemeindeleben nicht viel verändert, wir sind einfach nur mehr geworden“, sagt Mahmut Aksoy, der seit einem Jahr regelmäßig in die Moschee kommt. „Mich hat niemand dazu gezwungen, es gibt mir inneren Frieden, zu beten“, sagt der Itzehoer.

Das trifft wohl auch für viele der Flüchtlinge zu, die sich nach dem Freitagsgebet vom Imam verabschieden. Doch für viele andere ist die Moschee auch schlicht ein Anlaufpunkt. Sie schalten ihre Smartphones ein. Denn in der Moschee gibt es für sie kostenloses W-Lan.

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erstellt am 14.Aug.2015 | 16:20 Uhr

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