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Integration : Flüchtling will Herzchirurg werden

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Wie ein 15-jähriger Syrer in Itzehoe mit viel Ehrgeiz versucht, sich zu integrieren – und von seiner Nachhilfelehrerin manchmal gebremst werden muss.

shz.de von
erstellt am 09.Feb.2016 | 17:06 Uhr

„Erde, Saturn, Uranus“ – die ersten Begriffe kommen Mohammed Joud Abd Alhameed noch etwas holprig über die Lippen. Der 15-Jährige will hoch hinaus. Er sitzt in einem Raum der Caritas am Coriansberg und soll beschreiben, was er auf den Bildern in dem Buch sieht, das seine Nachhilfelehrerin Sigrid Götzke aufgeschlagen hat. Joud ärgert sich, wenn er ein Wort nicht kann, fragt nach. „Ich muss noch besser werden, denn ich will unbedingt die Schule schaffen.“

Erst vor fünf Monaten ist Joud mit einem Teil seiner Familie über Umwege aus seiner Heimat Syrien nach Itzehoe gekommen. Und wohl kaum ein junger Flüchtling hat so klar vor Augen, was er einmal werden will. „Herzchirurg“, sagt der 15-Jährige, der sein Ziel mit ungeheurem Ehrgeiz verfolgt. „Sprache ist alles“, sagt der Jugendliche auf Deutsch – und man merkt, dass er diesen Satz nicht zum ersten Mal sagt.

Seine Heimatstadt Aleppo ist zu großen Teilen im Bürgerkrieg zerstört worden, sein Elternhaus steht nicht mehr. Joud muss es jetzt in einem anderen Land schaffen. „Ihm hilft, dass er so gut Englisch sprechen kann, deswegen fällt ihm die Integration leichter als anderen“, sagt Sigrid Götzke, die zweimal pro Woche eine Stunde lang mit ihrem Schüler Deutsch übt. „Er ist so ehrgeizig, dass ich es manchmal gar nicht glauben kann“, sagt die pensionierte Sozialpädagogin, die den Job ehrenamtlich macht.

Schon nach den ersten Wochen in der Daz-Klasse (Deutsch als Zweitsprache) der Klosterhofschule konnte Joud auf die Kaiser-Karl-Schule wechseln. „Gymnasium“, sagt er – und es klingt bewundernd. Es habe eine Zeit lang gedauert, bis er warm geworden sei mit seiner Klasse. Aber jetzt laufe es gut. „In manchen Fächern wie Mathe oder Englisch komme ich gut mit.“ In anderen Fächern fehlen ihm einfach die Sprachkenntnisse. „Aber ich habe einen deutschen Freund gefunden, der mir etwa in Chemie die nötigen Begriffe erklärt.“

Und so lernt Joud den ganzen Tag. Er zieht einen zerknitterten Stundenplan aus der Tasche, in roter Schrift hat er notiert, wann er zusätzlich zum normalen Unterricht in der Klasse 9b, die Daz-Klasse besucht. Dort ist er quer eingestiegen, muss den Stoff nachholen, den seine Mitschüler schon ein halbes Jahr vor ihm durchgenommen haben. „Ich schaffe das“, sagt Joud und zeigt auf sein Lehrbuch, das den Titel „genial“ trägt. Allerdings hat sein Ehrgeiz einen Preis: „Meist bin ich bis zum späten Nachmittag in der Schule oder bei der Nachhilfe“, sagt Joud. Hobbys hat er keine, im Sommer will er mal Tennis oder Basketball spielen – vielleicht. Im Moment habe er dafür keine Zeit, sagt Joud. Selbst wenn er nach Hause komme und ein bisschen auf dem Laptop spiele, ermahne ihn sein Vater, weiterzulernen. „Aber meist mache ich das dann doch erst am nächsten Tag“, sagt Joud und grinst.

„Seine ganze Familie ist sehr ehrgeizig, alle wollen hier möglichst schnell Fuß fassen – und alles lernen“, sagt Sigrid Götzke. Sie weiß selbst, wie wichtig Bildung ist, hat sich gegen ihre Mutter durchgesetzt, um Abitur machen und studieren zu können. „Aber Joud will manchmal alles zu schnell, das kann er gar nicht schaffen. Ich würde es gut finden, wenn er die neunte Klasse noch mal wiederholt – aber er will nicht“, sagt sie – und sieht wie ihr Schüler heftig den Kopf schüttelt und sagt: „Ich will nicht noch ein Jahr verlieren.“ Sigrid Götzke traut ihm das zu, doch Joud müsse dann eben sehr viel kämpfen. „Aber Du bist ja auch eine Kämpfernatur“, sagt sie – und erklärt ihm den Begriff auf Deutsch. Joud nickt, das Wort scheint ihm zu gefallen.

Und noch ein Wort mag er: „Abitur“ kann er schon ohne Akzent aussprechen. Und dass er Medizin studieren wird, steht für ihn außer Frage. „Vielleicht sogar in England oder Amerika“, sagt er. Er könne sich auch vorstellen, einmal ganz dort zu leben. Und Syrien? Joud senkt den Kopf. Er werde nie die Verbindung zu seinem Land verlieren, sagt er. Und er will dort auch unbedingt wieder hin – zu Besuch. „Aber leben“, sagt der 15-Jährige leise, „leben kann ich dort nicht mehr“.

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