Fleischsommeliers bei Putenschau

Zeigt den Besuchern das Endprodukt „Grevenkoper Pute“: Geschäftsführer Tim Klüver (r.).
Zeigt den Besuchern das Endprodukt „Grevenkoper Pute“: Geschäftsführer Tim Klüver (r.).

Zwei Jahre nach der Geflügelpest läuft das Geschäft bei der „Grevenkoper Pute“ gut – und rief eine besondere Gruppe auf den Plan

23-524760_23-93310626_1510758813.JPG von
19. März 2019, 14:04 Uhr

Anfang 2017 war es, als die „Grevenkoper Pute“ vor dem Nichts stand. Die Geflügelpest war auf dem Hof der Familie Klüver ausgebrochen, mehrere tausend Puten mussten auf Anordnung des Veterinäramtes geschlachtet werden. Es gab Verkaufsausfälle, die Existenzgrundlage der Familie – akut gefährdet. Auch wenn die Tiere ersetzt wurden, so blieb man laut Geschäftsführer Tim Klüver damals auf Reinigungskosten in Höhe von 100.000 Euro sitzen und musste auch den Hof teilweise sanieren.

Trotzdem entschloss sich die Familie mit neuen Tieren weiterzumachen – heute floriert das Geschäft wieder. Von der Geburt bis zur Schlachtung durchlaufen die Tiere bei den Klüvers ihr Puten–Leben – und diese Produktionsabläufe riefen am Montag eine Gruppe Fleischsommeliers aus ganz Deutschland auf den Plan, die den nicht ganz alltäglichen Hof als paralleles Programm zum Besuch der Gastronomie-Messe Internorga in Hamburg aufsuchten.

Aber was ist überhaupt ein Fleischsommelier? Im Kern ist es eine Zusatzqualifikation für Fleischermeister, die in einem zweiwöchigen Lehrgang an der Fleischerschule in Augsburg erworben werden kann – sofern die Abschlussprüfung bestanden wird. Kostenpunkt: Etwa 2900 Euro, die meist von den Unternehmen bezahlt werden, in denen die Fleischermeister arbeiten. „Ich hatte das Gefühl, als Fleischermeister nicht ausgelernt zu haben und mich weiterbilden zu können“, begründet Simon Claßen aus Jülich – einer der Gäste auf dem Geflügel-Hof in Grevenkop – warum er sich entschied, den Lehrgang zu machen. „Fleischsommeliers sind Botschafter des guten Geschmacks“, sagt Andreas Stockfleth vom Neu Wulmstorfer Geflügelhof Schönecke, der auch Dozent an der Schule ist. Wer die Zusatz-Qualifikation erworben hat, kennt sich besonders gut mit dem Geschmack und der Qualität von Fleisch aus. Supermärkte sind ebenso mögliche Arbeitgeber wie Fleischerei-Betriebe.

Zu Beginn des Rundgangs erklärte „Grevenkoper-Pute“-Geschäftsführer Tim Klüver den Sommeliers, warum das Fleisch seiner Tiere eine solch gute Qualität habe: Strenge Hygienevorgaben, es würden so gut wie keine Antibiotika verabreicht, die Tiere hätten im Stall mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben und zwei Mal am Tag würde man kontrollieren, ob in den Stallungen alles in Ordnung ist. Auf ein Bio-Siegel verzichte man, obwohl der Hof die Kriterien erfüllen würde, erzählt Vertriebsleiterin Silke Klüver. „Wir sind eine eigene Marke, wir stehen für uns.“

Natürlich interessierten sich die Sommeliers auch für das dunkle Kapitel in der Geschichte des Hofes, als man wegen der Geflügelpest um die Existenz fürchten musste. Ob denn viele Kunden abgesprungen seien, wollte einer von Tim Klüver wissen. „Im Handel haben die meisten wegen der Qualität zu uns gehalten“, antwortet der. Die Schlachträume wurden den Gästen nicht vorenthalten, genau so wenig wie der Kühlraum mit dem abgepackten Fleisch. Zum abschließenden Fachsimpeln ging es ins Gemeindehaus – natürlich bei Suppe mit Putenfleisch.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen