Zu hohe Preise, kaum Anmeldungen : Flaute in der Ganztagsschule

Betreuung auf dem leeren Schulhof: Petra Schöning mit den Fehrs-Schülerinnen Kaja (7) und Mia (9).
Betreuung auf dem leeren Schulhof: Petra Schöning mit den Fehrs-Schülerinnen Kaja (7) und Mia (9).

Erst stiegen die Preise, dann gingen Anmeldungen für Betreuung und Projekte an der Fehrs-Schule in Itzehoe zurück.

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29. September 2017, 05:00 Uhr

Itzehoe Im Keller der Fehrs-Schule spielen einige Kinder Schach. Auf dem Schulhof bricht eine Gruppe zum Toben und Klettern auf: sechs Kinder. Ansonsten: Leere. Nach dem Wechsel der Trägerschaft zu Steinburg Sozial gibt es Probleme in den Ganztagsschulen an den städtischen Grundschulen – am stärksten an der Fehrs-Schule.

„Letztes Jahr hatten wir 170 Kinder in Betreuung und Projekten, jetzt 30“, sagt Oliver Michels, Vorsitzender des Schulelternbeirats. Vor den Ferien seien noch 40 Projekte angeboten worden, danach 22. „Und davon sind aufgrund geringer Nachfrage nur sieben zustandegekommen.“ In großer Runde tagten Eltern, Förderverein, Schulleitung und Schulsozialarbeit in dieser Woche mit dem Amt für Bildung. Die Ursache für den Rückgang ist ausgemacht: „Das sagen alle Eltern: Es ist viel teurer geworden“, so Schulleiterin Kerit Christensen-Schultz-Collet. Aus 13 Euro für ein Projekt im Halbjahr wurden 30, bei einem zweistündigen Angebot 60 Euro. Doch die – vielfach ausgezeichnete – Ganztagsschule sei nach wie vor enorm wichtig, „ein Beitrag für Bildungsgerechtigkeit“, betont sie.

Auch das Mittagessen sei ein Problem, so die stellvertretende Schulleiterin Imme Grübmeyer: Es kostet jetzt 3,30 Euro, 50 Cent mehr, vor allem aber fallen zusätzlich bis zu 2 Euro für die Betreuung an. „Auch da sind die Zahlen riesig eingebrochen“, sagt Grübmeyer. Statt 70 Kindern kämen 15 bis 20. Dabei sei das gemeinsame Essen ein wichtiger sozialer Aspekt, sagt die stellvertretende Elternbeiratsvorsitzende Kerstin Schmidt. „Die lernen da so viel.“

Vor den Ferien wurde ein Träger für Betreuung und Ganztag an allen fünf Grundschulen gesucht, Steinburg Sozial war der einzige Bewerber. Und die Tochter der Diakonie Altholstein konnte wegen der Vorgaben der Ausschreibung das Angebot nur so abgeben, wie es jetzt umgesetzt werde, sagt Andreas Arndt, Leiter des Amtes für Bildung. An der Fehrs-Schule falle das besonders ins Gewicht, weil die Angebote dort früher sehr günstig gewesen seien dank eines sehr engagierten Fördervereins. Steinburg Sozial sei nicht unsozial, wird auch an der Fehrs-Schule betont. Der Fehler liege im System. „Uns sind im Moment ein bisschen die Hände gebunden“, sagt auch Constanze von Wildenradt, Leiterin des Geschäftsbereichs Familie bei der Diakonie Altholstein. Landesmittel, 80.000 Euro von der Stadt und die Elternbeiträge sind die finanziellen Säulen. Mehr Geld vom Land gibt es nicht, mehr Geld von der Stadt funktioniert nicht, weil dann erst eine neue Ausschreibung nötig wäre. Es gelte, Gespräche mit Stadt, Schulen und Eltern zu führen, so von Wildenradt.

Eine Härtefallregelung hat die Ratsversammlung gerade beschlossen: Empfänger von Sozialleistungen müssen nichts zahlen für Betreuung und Ganztag, eine gestaffelte Ermäßigung gibt es, wenn das Einkommen bis zu 320 Euro über den Grenzen aus dem Sozialgesetzbuch liegt. 40.000 Euro stehen dafür noch dieses Jahr bereit, 2018 sind es 100.000 Euro. „Das ist für viele eine deutliche Verbesserung geworden“, sagt Arndt. Problem: Nur zwölf Anträge wurden bisher gestellt. So fehlten auch Fakten, wie viele Familien wirklich betroffen seien. Eine weitere Regelung sei verfrüht, erst einmal solle für die Härtefallregelung noch viel mehr und immer wieder geworben werden.

Das ist auch an der Fehrs-Schule geplant. Doch das nächste Problem illustriert das Schreiben eines Vaters an die Schulleiterin: Was sei mit denen, die nicht als Härtefall gälten, aber auch nicht genug verdienten, um sich die Angebote leisten zu können? Zugespitzt: Gebe es Ganztagsschule nur noch für finanziell Schwache und Spitzenverdiener? Das Ziel sei ein möglichst breites Angebot für möglichst viele Kinder, sagt Michels, aber: „Ein Ganztagsangebot für alle ist derzeit praktisch nicht umsetzbar.“ Viele, und zwar aus allen Schichten, hätten ihren Alltag umstrukturiert, ergänzt seine Vertreterin Schmidt. Ergebnis: „Die Leidtragenden sind immer die Kinder.“

Gerade diejenigen mit mittleren Einkommen treffe es voll, weiß auch Arndt. Alle hoffen, dass die Politik sich an Absichtserklärungen aus dem Wahlkampf hält, aber für den Moment wünscht sich Kerit Christensen „kleine Lösungen, die für Erleichterung sorgen“. Die sind nötig, denn, so Arndts „größte Sorge“: Wenn die Nachfrage nicht da sei, schrumpfe das Angebot weiter. Die vorher genannten Zahlen an Anmeldungen seien nicht erreicht worden, sagt Diakonie-Vertreterin von Wildenradt. Von allein werde sich die Situation nicht einspielen, meint Christina Neumann, Vorsitzende des Fördervereins der Fehrs-Schule: „Der Weg zurück geht nur über den Preis.“ Und Kerstin Schmidt betont: „Es kann nicht sein, dass Kinder ausgegrenzt werden.“

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