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Norddeutsche Rundschau

22. August 2017 | 00:15 Uhr

Soziales : Flaschensammler aus Leidenschaft

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Stephan Nowak macht sich fast jeden Tag in Itzehoe auf die Suche nach Pfandflaschen

„Ach, da ist ja wieder unser Flaschensammler.“ – Solche Kommentare bekommt Stephan Nowak oft zu hören. Manchmal sind sie liebenswürdig gemeint, manchmal abfällig. Doch der 42-jährige Heider, der stets ein Lächeln auf den Lippen hat, kann damit umgehen. „Flaschen sammeln ist mein Hobby“, sagt er. Und deshalb kommt er fast jeden Tag gegen 14.30 Uhr aus der Dithmarscher Kreisstadt mit dem Zug nach Itzehoe, um in den Mülleimern auf die Suche nach Pfand zu gehen.

In Itzehoe sei die Ausbeute größer als in Heide, Meldorf oder Wilster, wo er auch gelegentlich unterwegs ist. Seine tägliche Runde führt ihn vom Bahnhof zum ZOB und durch die Feldschmiede. Wo die Mülleimer stehen, weiß er genau. Fünf bis acht Euro verdiene er pro Tag, das entspricht 20 bis 30 Dosen oder PET-Flaschen. „Glasflaschen nehme ich nur gelegentlich mit“, erklärt er. „Die sind zu schwer und bringen zu wenig Umsatz.“

Plastikflaschen kann er jedoch problemlos in seinen bunten, geräumigen Taschen verstauen, die er an seinem Tretroller befestigt hat. „Der Roller ist mein Baby“, sagt er und streichelt über die Lenkstange. Im Gegensatz zu einem Fahrrad müsse er für das Gefährt keine Gebühr in der Bahn bezahlen. „Und außerdem habe ich mit dem Roller nie einen Plattfuß.“

Für Recycling-Material hat sich der gebürtige Meldorfer schon immer interessiert. Wegen einer Wirbelsäulenerkrankung, einer Gehbehinderung und Problemen mit den Augen fällt es ihm schwer, in einem Unternehmen zu arbeiten. Einen Job fand er zunächst bei den Behindertenwerkstätten in seiner Heimatstadt, wo er Holzarbeiten ausführte. Doch das sei nicht so sein Ding gewesen: „Ich bin zu genau“, sagt Nowak.

Er sei in die Außenstelle der Werkstatt nach Brunsbüttel gewechselt, um dort Elektroschrott wie Rechner, Radios oder Fernseher auseinanderzuschrauben. Die Technik hat ihn begeistert: „Irgendwann dachte ich mir: Wenn man die Sachen auseinanderschraubt, dann muss man sie auch wieder zusammenschrauben können.“ Gesagt, getan: Nach einiger Zeit hatte der Tüftler einen Videorekorder gebastelt. Aber: „Das Arbeits-Tempo war mir zu schnell.“

So landete Nowak schließlich bei der Itzehoer Schrott und Recycling GmbH in Brunsbüttel (ISR), wo er Flaschen sortierte. Dort entstand seine Leidenschaft für Pfandflaschen, die er seit 2005 regelmäßig sammelt. Seit vergangenem Jahr gehe er nur noch dem Flaschen sammeln nach. „Ich habe 20 Jahre gearbeitet. Jetzt habe ich Anspruch auf Grundsicherung.“ Zusammen mit den Erträgen der Pfandflaschen reiche ihm das zum Leben völlig aus. Seine Ein-Zimmer-Wohnung in Heide könne er gut finanzieren, gelegentlich sei ein Ausflug nach Amrum drin.

Wenn er von Passanten angepöbelt wird, hat Stephan Nowak sofort eine Antwort parat: „Wenn Sie sich in meine Lage versetzen könnten, würden Sie verstehen, warum ich Flaschen sammele.“ Wer ihn dagegen freundlich anspricht, dem erzählt er gern seine Geschichte.

„Er ist ein echtes Unikum“, sagt Sieghardt Käsch von der Bahnhofs-Mission, wo Nowak regelmäßig einen Kaffee trinkt und ein Schwätzchen hält. Er redet dann über den Flohmarkt, der früher einmal seine große Leidenschaft war, über seine Freundin, mit der er sich fast jeden Abend trifft, oder über die Bibelgespräche bei den Zeugen Jehovas, die er regelmäßig besucht.

Nur eines ist dem Überlebenskünstler nicht so wichtig: Geld. Er habe sein Leben lang nie mehr als 500 Euro im Monat verdient. Und mehr brauche er auch nicht: „Wenn man wohlhabend ist, vergeht einem automatisch die Freude. Aber wenn man ein gelassenes Leben führt, dann kann man glücklich sein.“

 

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