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Norddeutsche Rundschau

14. Dezember 2017 | 05:50 Uhr

Feuerwehrleute lachten Tränen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Wieder ein literarisches Highlight beim Verein „Leselust“ / Oder: Warum ohne die freiwilligen Helfer „halb Deutschland brennen würde“

shz.de von
erstellt am 22.Mär.2015 | 10:53 Uhr

Selten dürften so viele harte Männer gemeinsam Tränen gelacht haben. Jörg Nießen gab ihnen kräftig ‚Zunder‘. Der Kölner Berufsfeuerwehrmann hat seine Liebeserklärung an die „sympathischen Lebensretter“ mit viel Humor und Doppeldeutigkeiten in kleine skurrile Geschichten verpackt. Und da bei seiner Lesung im Spiegelsaal des Neuen Rathauses zahlreiche Kameraden und ihre Angehörigen im Publikum saßen, fühlten sich viele an ähnliche, aber von Nießen witzig zugespitzte Situationen erinnert.

„Ich bin begeistert und kann das alles nachvollziehen. Nießen führt wirklich vor Augen, was wir täglich erleben“, bestätigte Kreiswehrführer Frank Raether, der wie seine Kollegen Ralf Theede aus Wilster und Torsten Beuck von der Wehr Itzehoe-Land in Ausgehuniform erschienen war. Auch diese kriegte bei Nießen ihr Fett weg. Sie erinnere ihn an das stabile „russlandtaugliche Duisburger Modell“, das die Wehr zu einem der „schönsten deutschen Trachtenvereine“ mache.

„Ohne die Arbeit der Feuerwehren würde halb Deutschland brennen“, betonte Nießen die Bedeutung des Ehrenamts. Denn auf 105 reine Berufswehren bundesweit kommen 23  500 freiwillige Einheiten. Und die vielen hochmotivierten Freiwilligen, die viel Freizeit opfern und verständnisvolle Arbeitgeber brauchen, leisteten genauso gute Arbeit wie die großstädtischen Berufswehren, betonte Nießen unter viel Beifall des Publikums. Frank Raether blies ins gleiche Horn: „In Schleswig-Holstein gibt es nur vier Berufswehren, hier im Kreis Steinburg ist alles freiwillig. Das ist vielen nicht bewusst.“ Er freue sich sehr über die Wertschätzung, die Nießens Lesung und auch die Reaktion der Zuhörer ausdrückten.

Leider würde die Feuerwehr von Teilen der Bevölkerung nur als „trinkfeste blaulichtgeile Bande“ wahrgenommen werden, verpackte Nießen seine Botschaft in viel selbstironische Beschreibungen und verwies mit humorigen Seitenhieben auf das Technokratendeutsch auf ihre Bedeutung als „Rückgrat der Gefahrenabwehr in Deutschland.“ Auch der steigenden Zahl von Frauen in den Wehren kann er nur Positives abgewinnen. Die angebliche weibliche Unterlegenheit beim Kräftemessen widerlegte er mit Vergleichen aus dem Hausfrauenalltag: Eine Motorsäge wiegt 10 Kilogramm, ein einjähriges Kind, das Mütter oft stundenlang schleppen, auch. Ein Kasten Selter ist mit 17 Kilogramm ebenso schwer wie ein Pressluftatemgerät.

Einen Höhepunkt der kurzweiligen Lesung bot die Geschichte vom volltrunkenen verletzten Jupp, der trotz einer „Tropfrate von 120“ aus der Hinterkopfwunde „wegen verzerrter Eigenwahrnehmung“ nicht ins Krankenhaus wollte und eine Kneipenschlägerei auslöste. Ein Wortspiel und Klischee folgte aufs nächste, von Männern, Schläuchen, Löschen und Bränden aller Art ging es derb und zotig mehrdeutig drunter und drüber.

Uncharmant wurde es selbst bei den Beispielen abstruser Liebeswerkzeuge nicht, zu deren Entfernung der Rettungsdienst gerufen wird und die bei allen Zuhörern „Fremdschmerzen“ auslösten, wie Nießen sie als Rettungsassistent schon seit Jahrzehnten kennt. Das pointiert eingesetzte Kölner Idiom und die trockene Vortragskunst machten seine Lesung auch für weniger hartgesottene Besucher zum Vergnügen.

Wilster war bislang für Nießen ein „weißer Fleck“ auf der Landkarte. „Über Münster bin ich Richtung Norden nicht hinausgekommen. Aber das ist ein unglaubliches Ambiente. Dieser Saal ist ein Augenöffner“, begeisterte sich der 40-Jährige für das historische Palais. Dessen Besucher gaben ihm die gleiche Begeisterung für seine mit viel schwarzem Humor gefärbten Geschichten mit auf den Heimweg nach Köln.

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