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Jugendschutz in den 50er Jahren : „Feldzug gegen Schmutz- und Schundliteratur“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

1957 werden 12000 so genannte Schmökerhefte in Itzehoe öffentlich verbrannt. Die Aktion soll dem Jugendschutz dienen - beteiligt sind Vertreter von Stadt und Kreis.

shz.de von
erstellt am 24.Apr.2017 | 16:00 Uhr

Gebt mir die Fackel! Lasst mich im Schutz der Feuerwehr zum Brandstifter werden!“ Mit diesen Worten entzündete der Itzehoer Bürgermeister Joachim Schulz am 30. März 1957 einen „Scheiterhaufen“ aus über 12  000 so genannten „Schmökerheften“ auf dem Holzkamp. Dort hatten sich an jenem Sonnabend vor 60 Jahren an die 1000 Zuschauer – Jugendliche und Erwachsene – versammelt, um der Aktion beizuwohnen. Wer heute von diesem Ereignis liest, denkt unwillkürlich an Vorkommnisse ein Vierteljahrhundert zuvor: an die Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten im Mai 1933 – zwölf Jahre nach Ende der NS-Zeit wird wieder Gedrucktes vernichtet.


Falsche Helden

Die Publikationen auf dem Itzehoer Scheiterhaufen waren von den Jugendlichen selbst gesammelt worden. „Weil man sich bewusst ist, dass die verderblichen Groschenhefte nicht mit Verboten aus dem Feld geschlagen werden können, sollen die Jungen und Mädel selbst als kleine Detektive auf ‚Schmökerjagd’ gehen“, schrieb zwei Tage zuvor die Norddeutsche Rundschau. Und: „Natürlich werden sie ebenso wie große Detektive auch für ihre Erfolge belohnt!“ Im Fokus standen vor allem „Groschenhefte“. „Ein Feldzug gegen Schmutz- und Schundliteratur, so heißt die Parole. Bill Jenkins, Tom Prox und wie die falschen ‚Helden’ alle heißen, sollen den ‚Heldentod’ sterben“, so die militaristisch geprägte Diktion. Die Vernichtungsaktion nannte sich auch „Jugendbuch-Aktion“, veranstaltet vom Itzehoer Kreisjugendpfleger Gutjahr und dem Vorsitzenden des Stadtjugendringes, Helmut König.

Die Idee: Wer zehn Hefte abliefert, erhält dafür „ein gutes Jugendbuch“. Denn, so das Credo: „Nicht mit Verboten holen wir sie (die Jugend, d. Red.) von den Groschen-Heften weg, sondern nur, wenn sie stattdessen ebenso spannende gute Jugendbücher in die Hand bekommt.“ Für „gute Bücher“ hatten das Land Schleswig-Holstein, der Kreis und die Stadt 2000 DM zur Verfügung gestellt. Die Erfolgsbilanz der Sammelaktion ließ sich am 30. März sehen: Insgesamt wurden am Umtauschtag rund 400 Jugendlichen fast 5000 „Schmökerhefte“ abgenommen. „Den Rekord schlug ein Mädel, das mit 120 Schundheften ankam“, notierte die Norddeutsche Rundschau. Am Holzkamp leuchtete an diesem Tag ein großes weißes Plakat und wurde von Helmut König „mit den ‚Beute-Trophäen’ aus Bill Jenkins und Tom Prox“ beklebt. Wegen des Andrangs wurde die Umtauschquote schließlich auf 15:1 heraufgesetzt.

Entsprechend freute sich Kreisjugendpfleger Gutjahr nicht nur, „dass ein so großer Berg der falschen Helden-Literatur zusammengekommen sei“, sondern bemerkte auch, „dass es doch eigentlich für eine kleinere Stadt erschütternd sei, dass die Schmutz- und Schundliteratur in solchem Ausmaß Platz greifen konnte.“ Die gesammelte Menge spiegelt die damalige Beliebtheit dieser Publikationen bei Kindern und Jugendlichen: Rund 85 Prozent von ihnen lasen in jenen Jahren Comics, wobei sich die „Häufigleser“ unter den Jungen fanden. Die Rundschau rechnete vor: „Erschütternd sind geradezu ein paar Zahlen: Rund zwei Millionen DM wurden im vergangenen Jahr im Bundesgebiet von unseren Kindern für diese Schundhefte ausgegeben, und da der Preis zwischen 40 und 50 Pfennig variiert, darf man auf einen Umsatz von etwa fünf Millionen Exemplaren schließen.“

Als Auftakt für das „Freudenfeuer“ hatte die evangelische Jugend auf einer Freilichtbühne ein Laienspiel inszeniert: „Dunkelrote Rosen“, eine „Persiflage auf den Kitsch und die billigen ‚Lilo’-Romane“. Bevor das Feuer entfacht wurde, wies Bürgermeister Schulz darauf hin, „dass die Jugend das Kriegsbeil ausgegraben hätte, um dem gefährlichen Feind, der Schmutz- und Schundliteratur, den Garaus zu machen.“ 24 Jahre zuvor waren es neun „Feuersprüche“, mit denen Schriften etwa von Karl Marx und Karl Kautsky, von Heinrich Mann und Erich Kästner, von Sigmund Freud und Erich Maria Remarque, von Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky ins Feuer geworfen wurden.

Die Autoren, deren Trivialliteratur im März 1957 verbrannt wurde, sind weniger bekannt. Joachim Rennau (* 1919) hatte in den frühen Nachkriegsjahren Romane über die Western-Helden Billy Jenkins und Tom Prox geschrieben, die ab 1950 im Kölner Uta-Verlag erschienen, teils unter dem Pseudonym Ralf Randall. Die Wild-West-Erzählungen waren keine Hefte, sondern 270 Seiten starke Hardcover. Auch der Berliner Nils Krüger (1899-1973) verfasste mehrere Hefte der Jenkins-Reihe. Ein Erfolgsautor in dem Genre war Gert Fritz Unger (1921-2005). Durch die hohe Gesamtauflage seiner Werke wurde er der erfolgreichste deutschsprachige Western-Autor: Die Nach- und Neuauflagen seiner fast 750 Western-Romane sollen mehr als 250 Millionen Exemplare zählen.

Eine wichtige Vertriebsschiene für die „Schmöker“ waren kommerzielle Leihbüchereien. Als das Geschäft mit der Unterhaltungsliteratur über den Buchhandel nach dem Krieg nicht in Gang kam, begannen Verlage ab Ende der 1940er Jahre, seichte Romane für das Leihbuchgewerbe bereitzustellen. Während Leihbuchtitel in der Regel eine Auflage zwischen 1500 und 2500 Exemplaren hatten, galt der Westernautor Gert F. Unger „als absoluter Superstar“: Er rechnete pro veröffentlichtem Titel 7000 Exemplare ab. Eine Itzehoer Leihbücherei befand sich in den 50er Jahren im Haus Holzkamp Nr. 2 in den Räumen der heutigen Kneipe „Bacchus“.


Kein Einzelfall in Westdeutschland

Über die Itzehoer „Schmöker-Umtauschaktion“ berichtete am darauf folgenden Montag auch der Rundfunk, sendete Ausschnitte aus dem Laienspiel, der Ansprache von Schulz und einem Interview mit Gutjahr. Die Bücherverbrennung war in Westdeutschland kein Einzelfall. Seit 1953 galt bundesweit das „Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften“, auf dessen Grundlage ein Jahr später die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften geschaffen wurde. Der Schriftsteller Erich Kästner, einer der 1933 „verbrannten Autoren“ und seit 1951 Präsident der deutschen Schriftstellervereinigung PEN, warnte damals vor einer neuerlichen Einschränkung der Geistesfreiheit durch gesetzliche Eingriffe des Staates. Doch Joachim Schulz ging selbst das neue Bundesgesetz nicht weit genug, reiche, so der Bürgermeister, zur Bekämpfung nicht aus: Deshalb habe „man einen neuen Weg beschritten und die Jugend selbst zum Kampf aufgerufen“. Das Stadtoberhaupt gab seiner Hoffnung Ausdruck, „dass diese in Itzehoe gestartete Aktion beispielhaft für andere Städte und Gemeinden sein möchte.“

Tatsächlich kam es in den folgenden Jahren immer wieder zu öffentlichen Verbrennungen von „Schund- und Schmutzliteratur“. Ende September 1957 führt der „Bund der Deutschen Katholischen Jugend“ in Frankfurt eine mehrtägige Aktion gegen „Schund- und Schmutzliteratur“ durch. Als die Groschenhefte abschließend auf dem Domplatz öffentlich verbrannt werden, erinnert die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einem Kommentar an die Bücherverbrennungen der Nazis: „Die allzu wohlmeinenden Veranstalter sind sich sicher dessen nicht bewusst, dass der Scheiterhaufen oft eine Auszeichnung war, immer aber ein gefährliches Feuer über den eigentlichen Brand hinaus.“ Acht Jahre später, am 3. April 1965, sammelte der Stadtjugendring in Bietigheim bei Karlsruhe Comics und Wildwest-Heftchen. Der Vorsitzende des dortigen Stadtjugendrings war der spätere Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Lothar Späth (1937-2016).

Allerdings fanden die Verbrennungen nicht flächendeckend Unterstützung. Pädagogen der 50er Jahre möchten vor allem das „gute Buch“ im Regal sehen und erst in zweiter Linie den „Schmöker“ auf dem Scheiterhaufen, meinen die Kulturhistoriker Georg Bollenbeck und Gerhard Kaiser. Eine empirische Untersuchung an 21 hessischen Schulen, die um 1956 zu ihren Maßnahmen gegen Schund, Schmöker und Comics befragt wurden, ergab: Vier unternahmen keine, elf aufklärende und positive Maßnahmen wie Information auf Elternabenden und Vermittlung „guter“ Literatur durch die Klassenbücherei. Nur drei führten repressive Maßnahmen wie Ranzenkontrolle und Verbrennungsaktionen durch.

Dass auch Leser von „Schundliteratur“ Karriere gemacht haben, spricht für sich. Hans-Olaf Henkel, Jahrgang 1940, langjähriger Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), erinnerte sich 2001 im Hamburger Abendblatt an seine Lektüre von Billy Jenkins, Tom Prox und Micky Maus: „Ich liebte sie leidenschaftlich.“ Selbstkritisch vermutet er, dass die mäßigen Abschlussnoten seiner Mittleren Reife vielleicht auf seine Neigung „zu unangestrengter Lektüre“ zurückzuführen seien. Eine Ironie des Schicksals: Im Jahr 2002 stellte Lothar Späth Henkels drittes Buch vor. Der Titel: „Die Ethik des Erfolgs“.

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