konzert : Faszinierende musikalische Zeitreise

Überzeugten  in der Stadtkirche (v.li.): Leela Breithaupt,  Isolde Kittel-Zerer und Christine  Kyprianides.
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Überzeugten in der Stadtkirche (v.li.): Leela Breithaupt, Isolde Kittel-Zerer und Christine Kyprianides.

Leela Breithaupt, Christine Kyprianides und Isolde Kittel-Zerer begeistern in der Glückstädter Stadtkirche mit barocker Kammermusik.

shz.de von
23. Juni 2014, 11:45 Uhr

Drei Frauen, Leela Breithaupt, Christine Kyprianides und Isolde Kittel-Zerer, die auf der Bühne der Welt zu Hause sind, nahmen die Besucher mit auf eine musikalische Zeitreise – barocke Kammermusik. Die Stadtkirche zu Glückstadt, die im frühen Barock erbaut wurde, bot dafür den richtigen Rahmen. Barock – das war die Zeit der Musketiere und Piraten, der dickbäuchigen, die Weltmeere durchkreuzenden Segelschiffe und der mächtigen Herrscher, deren Prachtbauten noch heute beeindrucken. Auch die erste deutsche Oper (1627) entstand im frühen Barock. Denn das Barock war nicht nur eine Zeit der großen Gegensätze, sondern auch das prunkvollste – ein turbulentes Zeitalter.

Zunächst erklang die Sonate Methodische No. 4 in D-Dur geschrieben von Georg Philipp Telemann (1782): Christine Kyprianides strich den Bogen bedächtig über ihre Viola da Gamba (Kniegeige). Silbrig hell erklangen die Töne, die die Kirchenmusikerin, Isolde Kittel-Zerer, aus dem Cembalo lockte. Dann setzte Leela Breithaupt ein. Mit Hingabe verstand sie es, auf ihrer Traversflöte jeden Ton leidenschaftlich zu platzieren. Con tenerezza, ein brillantes Fingerspiel, das zarte Zärtlichkeit spüren ließ. Die Töne zwitschern perlend, um dann leise zu entfliehen. Und dann im Allegro, ein Stakkato der Töne, die munter und fröhlich durch das Kirchenschiff sprangen.

Die Suite in h-moll op 35/5 wurde 1731 von Joseph Bodin de Boismartier (1689-1755) komponiert. Leela Breithaupt sagte: „ Ich halte hier ein seltenes Stück Papier in meinen Händen, auf dem die Noten noch per Hand geschrieben wurden.“ Von Leidenschaft gepackt, flossen die Töne freudig, jubilierend, wartend auf den Höhepunkt – eine besondere Spielästhetik. Breithaupts Traversflöte wurde aus Buchsbaumholz gefertigt, eine Kopie der berühmten Traversflöte von J.H. Rottenburgh. Nur das Holz des Buchsbaumes lässt die Töne einfühlsam fließen. Töne, die fast drei Oktaven umfassen, wecken Emotionen, die unter die Haut gehen.

Das dritte Stück, ein Solospiel von Isolde Kittel-Zerer auf dem Cembalo. Das historische Tasteninstrument hebt sich von anderen Tasteninstrumenten durch seinen hellen, obertonreichen Klang ab. Sie spielte von Dietrich Buxtehude (1712) eine Suite in e-moll. Kittel-Zerer, Organistin und Cembalistin, hatte ursprünglich das Klavier für sich entdeckt. Sie kam schon sehr früh mit der Musik in Berührung. Als Sängerin in einem Barock-Chor kam ihr die Idee, auch auf einem Instrument aus der Zeit des Barocks zu spielen. Zu hören war ein brillant gespieltes Solo. Eine ausdrucksreiche Komposition, stellenweise meinte man, das zarte Zupfen einer Laute zu hören. Dann folgte ein schwieriges Stück von Michel Pignolet de Montéclair: Deuxiéme Concert pour la flûte traversiere in c-moll.

Nach der Pause ging es weiter mit Johann Sebastian Bach (1685–1750). Eine Sonate in h-moll für Flöte und Cembalo. Die Noten für das Cembalo sind für die linke Hand geschrieben worden. Die rechte Hand besitzt die Freiheit, ohne Vorgabe Töne zu besonderem Hörerlebnis zu kreieren. Isolde Kittel-Zerer verstand es, dieses Stück mit einer Brillanz zu spielen, dass es dem Publikum den Atem verschlug – ein extravagantes Spiel.

Folies von Second livre de piéces de viola, komponiert von Marin Marais (1656-1728), vermittelt tiefe, schwere Klangfarben. Vorsichtig versucht das Cembalo, die dunklen Töne der Viola da Gamba zu erhellen. Und dann, angesteckt von der Leichtigkeit des Cembalos, strich Christine Kyprianides, mit Froschbewegungen, den Bogen, um in hellen Klangfarben gemeinsam mit dem Cembalo zu jubilieren. Die letzte Sonate an diesem Abend war eine Komposition von Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788) – der berühmteste der Bachsöhne. Ein virtuos gespielter Dreiklang, bei dem Leela Breithaupt einmal mehr ihre besondere Fingerfertigkeit bewies, eine außergewöhnliche Begabung. Allein durch Haltung, Atem, Ansatz, Artikulation und Intonation ließ sie einen Klangreichtum, eine melodische Intensität erklingen.

Das Publikum war begeistert. Es hörte nicht auf, Beifall zu spenden, bis das Trio zu einer Zugabe bereit war. Kammermusik-Kompositionen vom Feinsten, mit einem einzigartigen Zauber, ein selten gehörter Genuss. Gambistin Christine Kyprianides, die mehr als 20 Jahre in Deutschland gewohnt hat und heute in den USA lebt, sagte zum Abschluss: „Das vermisse ich in Amerika – das deutsche Publikum, dieses Gefühl, verstanden zu werden, was ich mit meiner Musik ausdrücken möchte, das verstehen nur deutschsprachige Kammermusikliebhaber.“ Und Leela Breithaupt betonte: „Ich bin glücklich, in dieser schönen Glückstädter Barockkirche spielen zu dürfen.“

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