Kultur : Familien-Zirkus in finanzieller Misere

...und im Dress des Zirkusdirektors.
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...und im Dress des Zirkusdirektors.

Artisten haben seit Oktober mit 17 Tieren ihr Winterquartier in Gribbohm aufgeschlagen

shz.de von
04. Januar 2015, 10:25 Uhr

Auf dem Gelände in der Hochdonner Straße mit der Hausnummer eins stehen dicht nebeneinander gereiht einige Wohnwagen. Seit Oktober hat dort der Zirkus Traber sein Winterquartier aufgeschlagen. Auf dem Podest eines Wagens steht René Traber, Familienoberhaupt und Zirkus-Chef, und erwartet unsere Reporterin. Zum Interview bittet er sie in sein Haus auf vier Rädern.

Sein Wohnwagen ist bescheiden, aber gemütlich eingerichtet. „Jede Familie hat ihr eigenes Reich – nur den Küchenwagen teilen wir uns zu den gemeinsamen Mahlzeiten“, sagt Ehefrau Thea, die sich ein Leben in einem kleinen Häuschen mit Garten gar nicht vorstellen kann. „Das hier ist mein Leben“, sagt die 53-Jährige, die als Kind einer Zirkusfamilie in einem Wohnwagen geboren und aufgewachsen ist. „Ich denke da manchmal anders“, sagt ihr Mann und blickt aus dem Wohnwagen-Fenster: „Ein kleiner Resthof, auf dem die ganze Familie mit allen Tieren Platz hat, wäre schon schön. Gerade jetzt mit dem heftigen Sturm und dem Regen macht das hier keinen Spaß – alles hier auf dem Gelände ist matschig.“

Das 54-jährige Familienoberhaupt des Zirkus Traber ist nicht nur dreifacher Vater sondern auch mehrfacher Schwieger- und Großvater. Sein 17-jähriger Sohn Dennis verlegt im strömenden Regen alte Spanplatten, sodass alle Familienmitglieder zumindest trockenen Fußes von einem zum anderen Wohnwagen kommen.

Mit zur Familie gehören auch die beiden Kinder Stefanie (24) und Stefan (19). Außerdem natürlich die Tiere: vier Lamas, fünf Ziegen, fünf Pferde, drei Hunden und – nicht zu vergessen – der 22 Jahre alte Papagei Merlin. Alle wirken im Programm mit – mit Ausnahme des bunten Vogels. „Der ist mein persönliches Haus- und Kuscheltier“, sagt Stefanie Traber. Mit größter Sorge kümmere sich die Familie um die Tiere, versichert das Oberhaupt und erzählt bedrückt, dass man ihm bereits Tierquälerei nachgesagt hätte. „Das hat mich richtig traurig gestimmt“, sagt Traber. Nach eigenen Angaben hätten es die in einem benachbarten Stall untergebrachten Tiere doch fast besser als der Rest der Familie. „Unsere Tiere werden sehr sensibel behandelt – schließlich gehören sie auch zur Familie.“

Dass schwere Zeiten immer wieder zum Leben der Familie Traber gehören, bestätigen die Artisten, Tier-Dompteure, Jongleure und sogar die sonst so lustigen Clowns „Nicht jede von April bis Oktober dauernde Saison ist gut“, wissen die Trabers. So sei beispielsweise der letzte Sommer viel zu heiß gewesen. „Dann kommt kaum einer in den Zirkus.“ Aber auch die Zeiten hätten sich geändert. Die finanzielle Misere der Trabers rührt daher, dass die Zuschauer schlichtweg fern bleiben. Leere Ränge lassen das Familienoberhaupt schlecht schlafen. Kinder, die ihr Taschengeld früher für Zirkusbesuche ausgegeben hätten, würden heute lieber in elektronische Geräte investieren. Vom Zirkus begeistern ließen sich mittlerweile fast nur noch Kindergartenkinder, die mit ihren Großeltern eine Vorstellung besuchen und Spaß an Akrobatik, Tieren und Clowns haben.

Mit Ferienaktionen zum Beispiel in Wacken verdient die Familie etwas Geld dazu. Dennoch: Finanzielle Rücklagen lassen sich nur schwer bilden. „Das funktioniert niemals – die Einnahmen gehen teilweise direkt wieder für das Futter der Tiere weg“, sagen die Trabers, die sich derzeit mit Hartz IV über Wasser halten. „Und auch davon müssen wir noch Futter kaufen“, sagt René Traber, dessen Zirkusfamilie auf eine lange Geschichte zurückblicken kann.

Gerade auf die lange Zirkustradition ist René Traber stolz. „Meine aus dem Elsass stammenden Ururgroßeltern haben den Zirkus 1816 gegründet“, erzählt Traber, dessen Kinder und Enkel längst die Zirkus-Leidenschaft mit ihren Eltern teilen. „Dabei stand jedem unserer Kinder nach der Schule frei, eine Ausbildung anzufangen und den Zirkus zu verlassen“, erläutert René Traber und weiß doch, dass jedes seiner Kinder einen Herzenswunsch lebe. „Und das war nun einmal der Zirkus.“

Schon jetzt wird im Wohnwagen, im Stall oder auf dem Außengelände für die im April beginnende Schleswig-Holstein-Tournee geprobt und ein neues Programm einstudiert. „Es ist zwar überall kalt, aber wir wärmen uns vor dem Training richtig auf“, sagt Vater Traber. Außerdem wird die Tournee-Pause für Aufräumarbeiten, kleinere Reparaturen an den Fahrzeugen oder an den Requisiten genutzt. „Große Sprünge können wir auch als Artisten nicht machen“, sagt René Traber, der trotz aller Schwierigkeiten das Leben eines Zirkus-Menschen nicht aufgeben will.

Auch wenn er froh ist, in Gribbohm einen Platz für seine Zirkusfamilie und die 17 Tiere gefunden zu haben: Die Sorge, den Winter nicht ordentlich zu überstehen, lässt ihn nicht los. „Wir müssen ja auch leben – die Wohnwagen müssen geheizt werden, die Tiere brauchen Futter, die Autos brauchen Diesel.“ Über Spenden in Form von Heu, Hafer, Stroh oder Hundefutter würde sich die Familie freuen. Das Wichtigste in der angespannten Situation ist für René und Thea Treiber der Zusammenhalt in der Familie.

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