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Norddeutsche Rundschau

17. Dezember 2017 | 08:05 Uhr

Integration : Fahrräder für Flüchtlingsfrauen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Projekt bei der Migrationssozialberatung der Caritas verhilft Neubürgern zu einem Stück Unabhängigkeit

shz.de von
erstellt am 16.Sep.2015 | 16:30 Uhr

Das Erste, was man von Naira Hambartsumyan hört, ist ein Schrei. Die Hände fest um den Lenker gekrallt, fährt sie mit ihrem Rad über den Innenhof der St. Ansgar-Gemeinde – und das sieht ziemlich wackelig aus. Ihr Sohn Karen läuft neben ihr her, stützt sie, als sie zu fallen droht. „Das Schwierigste ist, das Gleichgewicht zu halten“, sagt die
43-Jährige und rückt ihren Helm zurecht. Die Armenierin sitzt erst zum zweiten Mal in ihrem Leben auf einem Fahrrad. „Aber ich will es lernen, damit ich in Itzehoe zurecht komme.“

Da kommt ihr ein Projekt, das die Migrationssozialberaterin der Caritas, Franziska Korn, und Jutta Ohl vom Verein Donna Doria ins Leben gerufen haben, gerade recht. „Wir wollten eigentlich nur mit den Flüchtlingsfrauen frühstücken, aber dann haben die gesagt, dass sie viel lieber Rad fahren lernen wollen“, erzählt Ohl. Sie rief über unsere Zeitung zu Spenden von Rädern und Helmen auf, nun ist das Projekt gestartet. „Zuerst kamen sieben Frauen, jetzt sind es schon über 20“, sagt Ohl. „Und es werden vermutlich noch mehr werden.“

Die Mädchen und Frauen aus dem Irak, Afghanistan, Armenien und Syrien üben zunächst im geschützten Raum, etwa auf den Malzmüllerwiesen. „Sie sollen so gut Rad fahren können, dass sie sich sicher auf Itzehoes Straßen bewegen können“, sagt Franziska Korn. „Das wird vermutlich noch einige Wochen dauern.“ Und Jutta Ohl ergänzt: „Wir wollen auch noch die Polizei fragen, ob sie den Mädchen und Frauen die Verkehrsregeln beibringen kann.“ Bis jetzt verlaufe das Üben noch „leicht chaotisch. Aber wir haben viel Spaß“, so Ohl weiter.

Die gespendeten Räder bekommen die Frauen erst ausgehändigt, wenn sie sich ein eigenes Schloss gekauft haben. „Sie sollen Verantwortung übernehmen“, sagt Ohl, die sich über weitere Spenden freuen würde. Der Caritas übergab sie noch einen 200-Euro-Scheck des Vereins, damit Ersatzteile besorgt und montiert werden können.

Direkt neben Jutta Ohl stehen drei Frauen, die noch kein eigenes Rad haben. Die 14-jährige Reem Fadel fährt auf ihrem geliehenen Drahtesel ziemlich große Schlangenlinien, ihre Cousine Rehan Aleter stützt ihre Mutter Svad Aleter. Die
45-Jährige, die einen Helm über ihr Kopftuch gestülpt hat, sagt: „In meinem Alter ist das nicht leicht, Rad fahren zu lernen. In meiner Heimat Syrien fahren Frauen generell kein Fahrrad, sondern nur die Männer.“

Und die helfen jetzt, vor allem die Jungs ihren Müttern. So wie Karen Hambartsumyan, der seine Mutter dabei unterstützt, die Angst zu überwinden. Der 21-Jährige sagt: „Das macht meine Mutter doch gar nicht schlecht.“

Nur eines bleibt ein Problem: Das Ausweichen. Und so sagt Jutta Ohl: „Die Frauen müssen unbedingt noch lernen, die Klingel zu benutzen.“

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