zur Navigation springen

Radversteigerung in Itzehoe : Fahrräder für einen Euro

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Versteigerung: Bei strömendem Regen wechseln vor dem Rathaus Fundsachen ihren Eigentümer, die bislang von der Stadt verwahrt wurden.

shz.de von
erstellt am 07.Okt.2017 | 05:07 Uhr

Die Kauflustigen finden sich nach und nach unter der Überdachung im Innenhof des Rathauses ein. Trotz des strömenden Regens schleichen erste Interessierte bereits am frühen Vormittag um die Fahrräder herum. Einige trauen sich nicht, andere schlüpfen einfach unter dem Absperrband hindurch. Eine kleine Gruppe fachsimpelt in der Ecke über die Federung und begutachtet den Zustand eines Rades. Ein anderer testet die Klingel und dreht an der Gangschaltung. Und dann plötzlich ist er da, springt auf den Anhänger, der zwischen den Rädern steht und klatscht in die Hände: Auktionator Jochen Nimschik läutet die Versteigerung ein. „Wie gesehen, so gekauft“, macht er es kurz – und fängt dann mit dem besten Rad an. „Ein echtes Schmuckstück“, sagt er und hievt ein blaues Pegasus-Rad auf den Anhänger, damit es alle sehen können. „50 Euro zum Ersten, zum Zweiten... dann sei es ihrs“ – und weg ist es. Die Gebote springen hin und her, beim einem roten Damenrad bieten sich Auktionator und Bieter ein echtes Gefecht.

Aber wer lässt überhaupt solche schönen Räder stehen? Nimschik erklärt, dass einige der Drahtesel wahrscheinlich in den umliegenden Dörfern geklaut und dann einfach in Itzehoe abgestellt wurden. Deshalb finden die Besitzer sie meistens nicht wieder, da sie nur im Fundbüro ihres eigenes Wohnortes nachfragen.

Als nächstes hält der Auktionator einen Regenschirm in die Höhe. „Das Objekt des Tages“, schmunzelt er, denn der Himmel weint noch immer über dem Rathaus. Für 50 Cent wird er verkauft – ein echtes Schnäppchen, sagt Nimschik. Danach zieht er eine silberne Kette mit einem Hunde-Anhänger aus einem Umschlag. „Ob die wohl echt ist?“, ruft er fragend ins Publikum. Eine Frau in der ersten Reihe zückt sofort ihre kleine Lupe und hält sie Nimschik hin. Dieser winkt ab – das sei nur Modeschmuck – und versteigert auch sie für einen Euro. Zum gleichen Preis geht es weiter mit den Fahrrädern, denn richtige Schmuckexperten sind heute wohl nicht vor Ort. Stattdessen wird ein Kinderrad für fünf Euro verkauft. „Da hätten wir ja hier ein Rad für unser Kind kaufen können“, raunt es aus der Menge.

Weniger kauflustig ist Besucher Uwe Meier, der mit seinem Regenschirm am Rande steht und das Geschehen bislang ausschließlich beobachtet. Jochen Nimschik will ihm trotzdem etwas andrehen – und hält ihm eine originalverpackte Kette vor die Nase. „Die ist noch in Ordnung, ist ja Neuware“, sagt er. Meier aber kauft sie trotzdem nicht, sagt aber: „Das Wetter ist zu gut für die Versteigerung, da kommen nicht so viele Leute.“ Er selbst beobachte aber lieber – seine Frau kauft.

Seinem Hinweis ist auch ein Herr in der ersten Reihe gefolgt. Er kauft ein Fahrrad nach dem anderen, zu niedrigsten Preisen. Was er mit so vielen Rädern vorhat? „Ich habe sieben Räder gekauft, teilweise für einen Euro“, sagt er. „In meiner Garage repariere ich die dann. Man muss schon noch ein bisschen was reinstecken, aber für rund 70 Euro kann ich ein Fahrrad dann im Internet weiterverkaufen.“ Dann aber sagt er „das war es jetzt“ – auf dem Hänger sei kein Platz mehr. Trotzdem geht er wieder einen Schritt nach vorn. Der Reiz der Auktion offenbar bleibt.

Doch was passiert eigentlich, wenn man auf der Straße vom ursprünglichen Besitzer angehalten wird und der sein Eigentum zurück haben will, fragt ein älterer Mann, der gerade ein grünes Fahrrad ersteigert hat. Volker Hase vom Ordnungsamt erklärt, dass alle Räder und Gegenstände bei der Stadt vermerkt seien. Dort wurden sie sechs Monate verwahrt und nach dieser Zeit sei der Anspruch auf das Eigentum verwirkt. Dass die Räder bei der Auktion so günstig verkauft wurden, lag laut Auktionator Nimschik hauptsächlich am schlechten Wetter. Normalerweise wären statt den etwa 30 Leuten, die heute da waren, rund 100 Besucher bei den Auktionen. Da seien die Preise dann auch viel Höher.

Nimschik macht den Job übrigens noch immer – obwohl er vor ein paar Jahren bereits aus dem Ordnungsamt in den Ruhestand verabschiedet wurde. Er mache das gern, sagt er – und er ist gut darin. „Ein bisschen Show ist schon dabei. Wenn sich dann einer die Nase putzt, gilt das bei mir als Hand heben. Die Leute bringt das zum Lachen.“


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen