Inklusion : Experten beim Fachtag: „Inklusion nicht als Zwang“

Mit den Referenten: Heidi Winther und Veronika Schlegel (sitzend von links).   jat 
Mit den Referenten: Heidi Winther und Veronika Schlegel (sitzend von links). jat 

Rund 130 Betroffene aus verschiedenen Bereichen widmen sich dem Thema Inklusion. Beim Fachtag der Lebenshilfe Steinburg diskutierten im Kulturhof Eltern, Kinderärzte, Heiltherapeuten, Vertreter von Schulen und Kindergärten.

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14. November 2013, 04:54 Uhr

Ina Simon, Mutter des sechsjährigen Tarek, findet deutliche Worte: „Inklusion ist für mich, so wie sie jetzt ist, totaler Blödsinn.“ Ihr Sohn ist zu fit für die Sonderschule und zu zappelig für die Regelschule. Noch besucht er den heilpädagogischen Kindergarten der Lebenshilfe Steinburg. Doch wie soll es danach weitergehen? Welche ist die richtige Schule für ihren Sohn?

Diese Fragen stellt sie im Kurzfilm von Brigitta Weizenegger, der beim Fachtag Inklusives Lernen der Lebenshilfe Steinburg im Kulturhof gezeigt wurde. Rund 130 Interessierte waren angemeldet: Eltern, Kinderärzte, Heiltherapeuten, Vertreter von Schulen, Kindergärten und Verbänden. Neben dem Film kamen Fachreferenten wie Professor Dr. Heinrich Greving, Bärbel Brüning, Geschäftsführerin des Lebenshilfe-Landesverbandes, und Dr. Wolfgang Broxtermann, Ärztlicher Leiter des Kinderzentrums Pelzerhaken, zu Wort. Aus Elternsicht schilderte Antje Hachenberg ihre Erfahrungen. Friane Jürchott, Leiterin des Förderzentrums Krempe, Maren Lutz, Leiterin der Steinburg-Schule, und Kerit Christensen-Schultz-Collet, Leiterin der Fehrs-Schule, berichteten über drei Jahre inklusives Lernen an den Grundschulen.

Das Fazit war stets dasselbe. „Wir sind uns einig: Die Inklusion funktioniert nicht“, fasste Veronika Schlegel, Pädagogische Leiterin der Lebenshilfe Steinburg, zusammen. In Schleswig-Holstein rühme man sich damit, die höchste Inklusionsrate zu haben. Aber zu welchem Preis? „Die Eltern leiden“, erklärte Heidi Winther, Geschäftsführerin der Lebenshilfe Steinburg. „Die Kinder müssen sich an die Einrichtungen anpassen und nicht andersherum.“ Weder finanziell noch personell seien die Bedingungen für erfolgreiche Inklusion gegeben. Hinzu komme, dass „die Gesellschaft noch nicht bereit für die Inklusion“ sei. „Es braucht eine Wertehaltung bei Eltern, Lehrern und Schülern“, sagte sie. Ihre große Angst sei die Zunahme von Behindertenfeindlichkeit.

Heike Jönßon-Rieck, Leiterin der Bürgerschule Glückstadt, erklärte im Film ein häufiges Dilemma: „Die Kinder kommen aus dem heilpädagogischen Kindergarten und sind dort gut betreut worden mit einem hohen Personalschlüssel. Dann werden die ganze Betreuung und auch Therapien in der Schule zurückgefahren.“ Mehr personelle Ressourcen forderte Friane Jürchott. Die Steinburg-Schule arbeite schon lange mit einem multiprofessionellen Team, verdeutlichte Maren Lutz. „An Regelschulen müssen diese Voraussetzungen erst geschaffen werden.“ Das sieht auch Kerit Christensen so. Immerhin habe sie neben Grundschul- auch Sonderschullehrer: „Eine große Hilfe.“

Für eine gelungene Inklusion wünschen sich alle mehr Zeit. „Bevor die alten Einrichtungen abgeschafft werden, müssen sich erst die Strukturen verändern“, sagte Heidi Winther. Neben multiprofessionellen Teams an den Schulen mit Heilpädagogen, Sonderschullehrern, Logopäden oder Physiotherapeuten ist auch der Wunsch nach neuen Studiengängen wie „Inklusionspädagoge“ da. Gefordert wurde Respekt vor den Wünschen der Eltern: „Wir brauchen eine Wahlmöglichkeit für Kinder mit Behinderungen“, so Heidi Winther, „Nicht die Inklusion als Zwang.“

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