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Unfälle an Bahnübergängen : Experte: Andreaskreuze reichen schlicht nicht aus

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Wie können Unfälle am Gleis verhindert werden? Ein Unfallspezialist hat dazu eine klare Meinung.

shz.de von
erstellt am 21.Mai.2016 | 08:16 Uhr

Nortorf | Für Franz Schilberg sind die beiden schweren Verkehrsunfälle an unbeschrankten Bahnübergängen in der Wilstermarsch keine wirkliche Überraschung. Der Verkehrssicherheitsingenieur aus dem nordrhein-westfälischen Bergisch-Gladbach hält die an den Querungen zur Warnung von Verkehrsteilnehmern angebrachten Andreaskreuze schlicht für unzureichend. Über 30 Jahre lang war Franz Schilberg als Unfallspezialist bei einer Beratungsstelle für die Versicherungswirtschaft tätig. Während seiner Laufbahn hat er eine Vielzahl von Unfällen zwischen Schienen- und Straßenfahrzeugen in ganz Deutschland analysiert. Auch im Ruhestand hält sich der Experte stets auf dem Laufenden – um anschließend mahnend der Finger zu heben.

Am Donnerstagnachmittag war an einem Übergang in Nortorf das Auto eines 50-Jährigen auf den Gleisen von einem Güterzug gerammt und 150 Meter weit mitgeschleift worden. Der Mann wurde mit schwersten Verletzungen von Feuerwehrleuten aus seinem völlig zertrümmerten Fahrzeug befreit. Keine zwei Wochen davor war in der gleichen Gemarkung ein Lkw von einer Rangierlok erfasst worden. Der 42 Jahre alte Fahrer kam mit dem Schrecken davon. Auch zuvor hatte es schon zahlreiche Unfälle an Bahnübergängen gegeben - eine Chronologie der Ereignisse gibt es hier.

Die Rechtslage, so sagt Franz Schilberg, sei klar: Das Andreaskreuz sei ein offizielles Warnschild und der Schienenverkehr habe dort Vorrang. Bei den üblichen Verkehrsschauen würden sich die Behörden damit auch stets zufriedengeben. Im Zweifel habe eben der Autofahrer schuld, und die Versicherungen sollten zahlen. „Mit Unfallverhütung hat diese Einstellung nichts zu tun.“

In der Praxis nämlich, so empfiehlt der Experte dringend, müsse man sich in die Situation der Autofahrer versetzen und unbedingt das Umfeld solcher Bahnquerungen verbessern. Gerade bei engen Fahrbahnverhältnissen, so nennt er ein Beispiel, konzentriere sich der Autofahrer sehr auf die Straße. Gefährlich seien auch wenig frequentierte Bahnstrecken – wie die nur von Güterzügen genutzte Linie Wilster-Brunsbüttel. „Auch und gerade Ortskundige muss man dann darauf aufmerksam machen: Vorsicht! Hier fahren auch noch Züge.“ Hinzu komme, dass die derzeit vorhandenen Fahrbahnmarkierungen einen „regelrecht über den Bahnübergang locken“. Er fügt hinzu: „So etwas widerspricht allen Grundsätzen der Wahrnehmungspsychologie.“

Nach Einschätzung von Franz Schilberg ließe sich die Aufmerksamkeit vor solch gefährlichen Übergängen schon mit einfachen Mitteln verbessern. Zusätzliche Warnschilder wären eine Möglichkeit, Rüttelschwellen eine andere. Auch ein Stoppschild dürfte eine deutlich größere Beachtung finden. Eine ähnliche Wirkung könnten auf die Fahrbahn gemalte Haifischzähne (weiße Dreiecke) haben. Und auch der ADAC empfehle zumindest das Aufbringen von dicken weißen Wartelinien. Im Ausland könne man jedenfalls eine Vielzahl von hilfreichen Beispielen bewundern – bis hin zu dem schlichten Hinweisschild „Eisenbahn kreuzt“.

Für ihn ist es unverständlich, dass alle Vorstöße in diese Richtung auf politischer Ebene, bei den zuständigen Behörden und auch bei der Bahn selbst auf keinen fruchtbaren Boden fallen. Zwar, so räumt Schilberg ein, seien Verkehrsunfälle auf Bahnübergängen vergleichsweise selten. Wenn es aber dazu kommt, habe dies meist dramatische und vielfach auch tödliche Folgen. Ganz verhindern könne man Unfälle auf Bahnübergängen wohl nicht, befürchtet Schilberg. Die Zahl könne aber deutlich reduziert werden. Die Bedeutung einfacher Andreaskreuze jedenfalls, so schließt er, sei bei vielen Autofahrern heutzutage nicht einmal mehr bekannt.

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