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Norddeutsche Rundschau

19. Oktober 2017 | 21:08 Uhr

Schicksal : Essen, Schlafen und Warten

vom
Aus der Redaktion der Wilsterschen Zeitung

Iranische Flüchlingsfamilie hofft seit zwei Jahren auf Asylgenehmigung. Der Wilsteraner Pastor Steenbuck erteilt ehrenamtlich Deutschunterricht.

Essen, schlafen, warten – arbeiten dürfen sie nicht. Pastor Karl-Wilhelm Steenbuck ist unzufrieden mit der Flüchtlingssituation in Deutschland. Amir Mehdipour (32) floh mit seiner Frau Hamideh (31) und seiner Tochter Anousha (5) vor zwei Jahren aus dem Iran nach Deutschland. Amir Mehdipour hat Business Management studiert, Hamideh Mehdipour Architektur. Beide haben im Iran bis zuletzt in einem Reisebüro gearbeitet. Seit sie in Deutschland leben, arbeiten sie nicht. Weder, weil sie nicht danach suchen, noch, weil sie nicht arbeiten wollen – sie dürfen es nicht. Laut Gesetz ist es Flüchtlingen erst dann gestattet zu arbeiten, wenn ihr Antrag auf Asyl genehmigt wurde. Darauf wartet Familie Mehdipour seit zwei Jahren nicht.

„Wenn wir arbeiten könnten, würden wir alles machen, Hauptsache arbeiten“, sagen die Eheleute. Pastor Steenbuck bezeichnet ihre Situation als „Zumutung“. Er erleichtert den Mehdipours die Integration, indem er ihnen regelmäßig Deutschunterricht erteilt. Die Flüchtlings-Geschichte der Mehdipours begann vor vier Jahren, als die muslimische Familie zum Christentum konvertierte. Christen haben allerdings im Iran große Probleme. Deshalb beschlossen Amir und Hamideh Mehdipour, nach Möglichkeit in die USA auszuwandern, wo Amirs Bruder bereits seit mehreren Jahren lebt. Vom Iran aus flogen sie in die Türkei, wo ihnen jedoch ihr gesamtes Geld gestohlen wurde, so dass sie nur noch mit dem Bus nach Hamburg kamen. Den Traum „USA“ musste die Familie begraben. Die drei Iraner kamen nach Neumünster in die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. Vor 21 Monaten wurden sie dem Amt Wilstermarsch vermittelt, seither wohnen sie in Wilster. Hier seien sie gut aufgenommen worden, die Menschen seien alle hilfsbereit gewesen, mit Fremdenfeindlichkeit seien sie hier bisher nicht konfrontiert worden, berichten sie.

Im Gegenteil: Eines Sonntags traf die Familie im Rahmen des Gottesdienstes auf Pastor Karl-Wilhelm Steenbuck. Dieser bemerkte, dass die Mehdipours erhebliche Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache hatten, sie kannten kaum ein Wort. Er ergriff die Initiative und erteilt der Familie nun seit über einem Jahr ein Mal wöchentlich Deutschunterricht. Sie haben schon einiges dazugelernt: In den Stunden sprechen sie gemeinsam über Probleme, schreiben und lesen Texte.

Momentan freuen sie sich hauptsächlich auf den Dienstagnachmittag, an dem Steenbuck ihnen Deutsch beibringt. Ansonsten bestünde ihr Alltag aus essen, schlafen und warten, erzählen sie. Dies sei enorm deprimierend. Bis ihr Asylantrag gewährt wird, dürften sie nicht einmal an staatlichen Deutschkursen teilnehmen. „Viele in Deutschland kämpfen, die Gesetze jedoch ändern sich nicht“, weiß Steenbuck zu berichten. Momentan würden syrische Flüchtlinge bevorzugt, Iraner stelle man eher zurück.

Tochter Anousha geht nachmittags in den Kindergarten, sie fühle sich wohl in Deutschland. Anousha versteht weitaus mehr Deutsch als ihre Eltern, da sie mit den anderen Kindern spricht, Amir und Hamideh sind gezwungenermaßen meist unter sich, dann sprechen sie ihre Muttersprache Farsi. Wenn sie die Wahl hätte, würde Hamideh gerne eine Stelle im Bereich der Kinderbetreuung annehmen, zunächst sei es ihr jedoch egal, Hauptsache, sie dürfe überhaupt arbeiten.

Wie lange die beiden noch auf ihren Asylbescheid warten müssen, weiß keiner. Fest steht: Amir und Hamideh Mehdipour hoffen auf ein friedlicheres, besseres Leben in Deutschland. Und auf jeden Fall wünschen sie sich, dass wenigstens ihre Tochter Anousha später zur Schule gehen kann und ihr alle Türen für ein besseres Leben offen stehen.

 

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