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Norddeutsche Rundschau

20. September 2017 | 18:42 Uhr

Itzehoe : „Essen ist ja wichtig“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Knapp 200 Menschen versorgt der Arbeiter-Samariter-Bund täglich mit einer warmen Mahlzeit zu Hause.

Schinkennudeln mit Rührei gehen an diesem Tag besonders gut. Das Pilzragout böhmischer Art mit Serviettenknödeln hat dagegen kaum jemand bestellt. „Das wundert mich nicht“, sagt Kathleen Lüdtke. „Das Gericht passt nicht nach Itzehoe. Das kennt man hier nicht so.“ Die 39-Jährige überfliegt die Liste ihrer heutigen Tour für den Menue-Service des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB). Hinter einem Namen steht handschriftlich „Geburtstag!“, bei einem anderen „Neue Telefon-Nummer?“. Lüdtke nickt, die Namen und Adressen sind ihr alle vertraut. „Jetzt müssen wir uns beeilen.“

Es ist kurz vor 9 Uhr, und am ASB-Stützpunkt an der Edendorfer Straße werden die gelben Autos der Hilfsorganisation mit Styroporschalen mit den einzelnen Gerichten bestückt. 180 Portionen sind es heute, die auf sechs Touren in Itzehoe und Umgebung ausgeliefert werden. „Wir müssen so früh beginnen, damit alle Kunden mittags ein warmes Essen haben“, sagt Lüdtke. Für die, die früh beliefert werden, gibt es spezielle Wärmeplatten aus Metall, mit denen das Essen bis zu drei Stunden warm bleibt.

Zuvor sind die Gerichte in großen Öfen auf 140 Grad erhitzt worden. „Wir kochen das Essen nicht selbst“, erklärt Gesche von Borstel, Leiterin des Menue-Service. „Unsere Mahlzeiten kommen zweimal in der Woche per Lkw aus einer Großküche in Süddeutschland.“ Beim Hersteller werden die Mahlzeiten vorgekocht und dann schockgefrostet. Nur so ist es möglich, eine Vielfalt von bis zu 70 verschiedenen Gerichten zu Preisen zwischen fünf und zehn Euro anzubieten, fünf verschiedene jeden Tag. „Die Kunden bestellen zwei Wochen im Voraus, was sie möchten“, sagt von Borstel. Besonders beliebt seien klassische Gerichte wie Hackbraten und vor allem Süßspeisen aller Art. „Unsere Kunden sind eher konservativ.“ Kulinarische Experimente sind beim Essen auf Rädern eher nicht gefragt.

Kathleen Lüdtke drängt zur Eile. „Wir haben einen vollen Plan.“ Die Itzehoerin arbeitet als „Springer“ mit wechselnden Touren, vertritt die festen Fahrer bei Urlaub oder Krankheit und unterstützt Gesche von Borstel auch bei der Büroarbeit. Ein schöner Job, sagt die zweifache Mutter, die eigentlich Hotelfachfrau ist. „Und ich bin mittags zu Hause bei meinen Kindern.“

Man sehe aber durchaus auch soziales Elend. „Es geht nicht nur ums Essen abliefern. Wir sind auch ein wichtiger sozialer Kontakt für Menschen, die oft sehr einsam sind.“ Deshalb nutzt Lüdtke den Besuch bei den Kunden auch für einen Klönschnack, fragt, ob alles in Ordnung ist, und hat einen Blick auf den Zustand der Wohnungen. Auf etwa 85 Jahre schätzt sie das Durchschnittsalter ihrer Kunden, viele leben allein. Da seien Kochen und Einkaufen oft beschwerlich. Einer bestimmten sozialen Schicht gehören die Kunden nicht an. Lüdtke liefert an diesem Tag ebenso in den Plattenbau wie in die Stadtvilla. Bei einigen Kunden hilft das Sozialamt bei der Finanzierung der warmen Mahlzeit.

Als erstes geht es zu Peter Timpe. Der 59-jährige Frührentner kann gesundheitsbedingt nicht für sich selbst kochen. Dreimal in der Woche kocht seine Mutter für ihn, viermal liefert der ASB das Essen. Mit dem flexiblen Angebot ist Timpe, der schon verschiedene Dienstleister ausprobiert hat, zufrieden. „Essen ist ja wichtig“, sagt er. Danach geht es zu Louise Goldt. „Essen auf Rädern ist für mich ideal“, sagt sie. So müsse der Sohn nicht so viel einkaufen für sie. Einen frischen Tomaten- oder Gurkensalat macht Goldt sich aber immer selbst zu der Portion vom ASB. Natürlich seien nicht immer alle Kunden nur zufrieden, sagt Lüdtke. Zum Beispiel seien die Kartoffeln ab und zu ein Thema. „Die schmecken in jeder Region ein wenig anders und unser Essen ist ja nicht direkt von hier.“

In einem anderen Haus spricht eine Seniorin Lüdtke an und fragt, warum sie nicht bei ihr geklingelt habe. „Sie stehen heute gar nicht auf der Liste“, sagt Lüdtke. Doch die Dame ist sich sicher, bestellt zu haben. Sie hat nichts eingekauft, ist selbst an die Wohnungstür nur mit Rollator gekommen. Kurzerhand bringt Lüdtke ihr eine Portion hoch – Schinkennudeln mit Rührei. „Ich weiß nicht, was da schief gegangen ist, aber sie braucht ja ein Essen. Sonst hat sie ein ernstes Problem.“ Per Telefon ordert sie bei Gesche von Borstel eine weitere Portion, die sie später schnell einsammeln will. „Wir haben immer einen kleinen Puffer für solche Fälle.“

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