Echo-Gewinner aus Wilster : „Es wurde eine Grenze überschritten“

Stephan Vollbehr aus Wilster gewann den Echo 1994 und spricht sich für eine Neuausrichtung der Preisvergabe aus.
Stephan Vollbehr aus Wilster gewann den Echo 1994 und spricht sich für eine Neuausrichtung der Preisvergabe aus.

Der Wilsteraner Echo-Preisträger Stephan Vollbehr äußert sich zur Diskussion um die Musik-Auszeichnung.

shz.de von
12. Mai 2018, 10:06 Uhr

Mit seiner Veranstaltungsagentur in Wilster richtet Stephan Vollbehr (53) die „Wikingertage“ in Schleswig aus. Er vermittelt Stars wie Christina Stürmer, Ulrich Tukur oder Sunrise Avenue zur Kieler Woche, managt bundesweit Veranstaltungen wie etwa das „Konzert gegen die Kälte“ mit Max Mutzke und spielt Gitarre bei der Rock Showband Zack Zillis. Im Jahr 1994 erhielt die Band „Illegal 2001“, bei der er als Gitarrist gespielt hat, neben „R.SH Gold“ auch einen Echo als erfolgreichster „Newcomer national“. Seit 1998 leitet Vollbehr erfolgreich seine Agentur „Vollbehr Events & Music“.

Herr Vollbehr, als Preisträger und mit Ihrer jahrzehntelangen Erfahrung im Eventbereich – wie beurteilen Sie die Diskussion um die aktuelle Echoverleihung?
Ich teile die Meinung von Campino, dem Sänger der Toten Hosen, die er in seiner Rede vor dem Echo-Publikum geäußert hat: Es wurde eine Grenze überschritten, was so nicht sein darf. Es darf nicht sein, dass die Texte der kritisierten Künstler frauenfeindlich sind, Randgruppen diffamieren und auch noch antisemitische Aussagen beinhalten. Das hat für mich mit Kunst nichts mehr zu tun.

Es ist ja nun schon ganz schön lange her. Wie war es denn damals, als Sie den Preis bekamen?
Wir haben den Echo 1994 erhalten, und jeder einzelne von uns hat einen bekommen. Der Preis war noch jungfräulich, erst drei Jahre alt, und hat noch nicht die Aufmerksamkeit erzielt wie heute. Er war für mich die Bestätigung und der Lohn für das, was wir mit der Band zuvor in jahrelanger harter Arbeit und im Eigenvertrieb geschafft haben, bevor ein Label uns unter Vertrag genommen hat.

Was waren denn damals Ihre eigenen Erfahrungen?
Überreicht bekommen haben wir den Echo noch in der „Alten Oper“ in Frankfurt. Ich saß dort an einem Tisch mit Udo Jürgens und konnte ein paar Worte mit ihm wechseln.

Wie haben Sie jetzt auf die Diskussionen reagiert?
Ich habe mich natürlich damit beschäftigt, zumal die Verleihung in diesem Jahr zufälligerweise an meinem Geburtstag stattfand. Alle ausgezeichneten Künstler haben das Glück, sich kulturell in Deutschland frei bewegen zu können, aber es gibt textliche Grenzen, und sie dürfen einfach nicht so überschritten werden, wie es nun statt gefunden hat. Es spielt aus meiner Sicht auch keine Rolle, ob das in der Musikrichtung normal ist, textlich an Provokation immer noch einen drauf zu setzen. Tatsache ist, hier sind aus meiner Sicht textliche Grenzen überschritten worden, und diese haben mit der Veröffentlichung und der Preisverleihung ihr Podium bekommen. Deswegen ist es gut und wichtig, dass Campino diese Grenzen an dem Abend benannt und aufgezeigt hat, denn die beiden hier kritisierten Künstler kannten sie offensichtlich nicht.

Meinen Sie, dass die Entwicklung von Kritik, Diskussion und der Rückgabe von Echos sowie die Auflösung des Preises eine Wirkung haben können?
Die Frage, ob die Kids damit erreicht werden, ist schwierig zu beantworten, es scheint ja viele zu geben, die so etwas konsumieren. Ich hoffe, dass sie dadurch sensibilisiert werden.

Was halten Sie davon, den Preis zurückzugeben?
Ich persönlich habe nicht über die Rückgabe nachgedacht, da ich einerseits als Künstler nicht die Aufmerksamkeit eines Westernhagen besitze und andererseits der Meinung bin, dass die Worte eines Künstlers wie Campino direkt auf der Bühne des Echos den gewünschten Effekt hatten. Er hat die Möglichkeit genutzt, die in der Kritik stehenden Künstler und letztendlich auch die damit verbundenen Entscheidungsträger der Preisverleihung direkt anzusprechen.

Was halten Sie von der Absetzung der Echo-Verleihung?
Dass es den Echo nun in der Form nicht mehr gibt, empfinde ich unter den gegebenen Umständen als gute Entscheidung, denn die Marke wurde einfach zu schwer beschädigt.

Was könnte man denn statt dessen tun?
Ich würde Bestrebungen für eine Neuausrichtung unterstützen, bei der die Vergabe nicht mehr anhand der Verkaufszahlen geschieht, sondern eine Jury nach rein künstlerisch, leidenschaftlich, innovativen Kriterien entscheidet. Es gibt so unglaublich viele tolle Künstler, die immer weniger Chancen haben, sich zu präsentieren. Durch eine Nominierung würden sie eine Aufmerksamkeit erlangen, die ihnen dann möglicherweise höhere Verkaufszahlen bescheren würden – also der umgekehrte Weg. Das wäre viel spannender. Und man könnte diejenigen gleich ausschließen, die sich nicht an festgelegte Kriterien halten.

Birgt das aber nicht auch Gefahren, beispielsweise am Geschmack vorbei zu entscheiden?
Es gibt natürlich auch Meinungen, die gute Musik nur durch Verkaufszahlen definieren, ich teile diese Meinung aus meiner langjährigen Erfahrung als Musiker und Eventmanager nicht. Letztendlich hoffe ich sehr, das die Verantwortlichen bei der Entwicklung eines neuen Musikpreises aus den Erfahrungen gelernt haben und neue spannende und für den Musikliebhaber nachvollziehbare Kriterien entwickeln.

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