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Norddeutsche Rundschau

20. Oktober 2017 | 18:30 Uhr

Krimi : Ermittlungen im Neuen Rathaus

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Wewelsflether Autorin kündigt blutigen Mord in St. Margarethen an. Posse um restaurierten Grünen Salon im Doos’schen Palais.

shz.de von
erstellt am 18.Dez.2016 | 15:56 Uhr

Alles deutet auf ein brutales Kapitalverbrechen hin: Im tiefen Schnee hinter dem Deich bei St. Margarethen liegt der blutverschmierte Leichnam einer jungen Magd. Ganz klar ein Fall für Hauke Sötje. Der Sonderermittler aus der Feder der Wewelsflether Autorin Anja Marschall macht sich auf den Weg in die Wilstermarsch. Seine Ermittlungen führen ihn auch zur Stadtverwaltung Wilster, die damals noch im Neuen Rathaus untergebracht war. Einen der Schauplätze für ihren dann vierten Kriminalroman konnte die Schriftstellerin jetzt schon mal inspizieren – bei einer Spontan-Lesung ihres aktuellen Romans „Tod am Nord-Ostsee-Kanal“.

Wer bei der Lesung dabei war und am Ende auch noch ein Buch käuflich erwarb, hatte Glück: Inzwischen ist die erste Auflage des Kanal-Trillers nämlich restlos ausverkauft. Laut Anja Marschall wird eine zweite Auflage erst ab dem 28. Dezember wieder erhältlich sein. Um die Wartezeit bis dahin überbrücken zu können, will sie am Montag in den Buchhandlungen der Region kleine Trostpflaster verteilen: eine Visitenkarte mit einem kleinen Geschenk drauf. Darauf steht der Link zu einer Kurzgeschichte (knapp 30 Seiten) um ihren Kommissar Hauke Sötje, die in Glückstadt 1893 spielt.

Im Spiegelsaal des einstigen Doos’schen Palais gab es aber erst einmal einen Ausflug an den Kanal, der Ende des 19. Jahrhunderts noch eine Großbaustelle war. „Meine größte Herausforderung war es, dass Schlammloch so zu beschreiben, dass es noch ein bisschen sexy klingt“, plauderte Anja Marschall zunächst ein wenig aus ihrem Nähkästchen. Nur zu gerne hätte sie ihr Buch auch im Grünen Salon des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes präsentiert. „Mein Hauke muss in den Grünen Salon“, war ihre Reaktion auf einen ersten Besuch im Neuen Rathaus. Da allerdings hatte noch Bürgermeister Walter Schulz den Finger drauf. Der zuvor in monatelanger Kleinarbeit prachtvoll restaurierte Raum im rückwärtigen Teil des Gebäudes war noch nicht offiziell für Veranstaltungen freigegeben. Der Landeskonservator, so hieß es, wolle die Einweihung persönlich vornehmen. Aus protokollarischen Gründen also fand die Lesung im nicht minder prachtvollen Spiegelsaal statt. Auch Hauke Sötje wird das verschmerzen können. Sein Gastspiel im Grünen Salon ist ja noch gar nicht zu Papier gebracht.

Kurzweilig präsentierte Anja Marschall dann ihren Tod am Kanal – gewürzt mit Anekdoten aus der Entstehungsgeschichte und Ausflügen in das historische Umfeld. So erfuhren die Leser zum Beispiel, dass während der Bauphase 1895 das Toilettenpapier erfunden wurde oder ein kompletter Monatslohn für eine Postsendung von Brunsbüttel nach Kiel draufging. Eine Jahr lang hätten die Recherchearbeiten für ihr Buch gedauert, sagte Anja Marschall. „Da war ich sogar noch richtig flott.“

Offenbar hat sich das penible Studium des historischen Umfelds gelohnt. Ein Zuhörer fühlte sich nur allzu gut an Erzählungen seines Großvaters erinnert, der einst an der Entstehung des Wasserlaufes mitgewirkt hatte. Für kollektive Aufmerksamkeit sorgte auch ihr Hinweis, dass der Kanal in rekordverdächtiger Bauzeit von acht Jahren fertig geworden sei und am Ende weniger als veranschlagt gekostet habe. „Schneller als die Elbphilharmonie“, schlug Zuhörer Holger Stamm einen Bogen in die Gegenwart.

Lesen durfte man im Grünen Salon zwar noch nicht, aber wenigstens einen Blick hineinwerfen. Für Erläuterungen bei einem kurzen Rundgang sorgte dann Christine Scheer. Die auf alte Bausubstanz spezialisierte Wewelsflether Architektin hat die Restaurierungsarbeiten im Neuen Rathaus begleitet und verriet jetzt: „Eigentlich ist es ein Wunder, dass bei früheren Lesungen die Decke nicht durchgebrochen ist.“ Auch rückwirkend können Besucher der regelmäßigen Veranstaltungen des Vereins Leselust und der Stadtbücherei, aber vielleicht auch die im Spiegelsaal tagende Ratsversammlung durchatmen. Die tragenden, aber maroden Balkenköpfe im ersten Stock wurden saniert. „In der Bel-Etage ist das Haus wieder stabil“, stellte Christine Scheer zur allgemeinen Beruhigung fest.

Während nun auch der Grüne Salon wieder so aussieht, wie es um 1890 Roman-Kriminalist Sötje erleben wird, muss Autorin Marschall für einen Blick in den Garten die Phantasie spielen lassen. Wasch-, Bade- und Gartenhaus sind inzwischen verschwunden. „Eigentlich war es ein Gesamtkunstwerk“ schwang bei Christine Scheer spürbar ein bisschen Bedauern mit. Ob Ermittler Sötje dafür einen Blick gehabt hätte, ist ohnehin noch offen. Zuvor muss er für seinen dritten Roman auch erst noch an die Reeperbahn nach Hamburg. Bis er den Mordfall von St. Margarethen gelöst hat, dürfte aber auch der Denkmalschutz den Grünen Salon für eine Lesung freigegeben haben.

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