Kulturzirkus : Erlebnispädagogik in der Manege

Jeder ist einmal „Andorra“.
Jeder ist einmal „Andorra“.

Das Kulturhaus präsentiert den Mitmach-Zirkus Ubuntu – und die Besucher sind beeindruckt von dem Wohngruppenprojekt.

shz.de von
27. März 2017, 05:09 Uhr

Sie jonglieren und balancieren, hüpfen, klettern und zaubern. Die sechs Jugendlichen vom Horster Zirkus Ubuntu entfalteten in der Gemeinschaftsschule Wilster ein beeindruckendes Programm. Die neue Produktion war erst wenige Tage alt und wird in dieser Zusammenstellung seit Januar intensiv geprobt, wie Trainingsleiterin Julia Piening erläuterte. Viele Monate Training mussten die Beteiligten jedoch zuvor für die einzelnen Kunststücke aufwenden, die in das Programm einfließen.

Konzentriert, selbstbewusst und fröhlich präsentierten die jungen Akrobaten im Wechsel und im Zusammenspiel die Geschichte von „Andorra“, einem Jungen, der die Eigenschaften und den Lebenslauf aller Beteiligten in sich vereint. Mit der Parole „Wir sind die Zeit“ versammeln sich die Akteure im Esszimmer und gestalten eine Szene am Tisch, sie lernen laufen und erproben dies auf großen Gummibällen. Jonglierend gehen sie abends schlafen. Die Herausforderung Schule wird mit einer Rutsche dargestellt, und zum Austesten von Grenzen klettern die Jungs auf das fingierte Dach ihrer Wohngruppe. Wie weist man in die Zukunft? Mit dem Balancieren auf dem Seil.

Und wie geht man auf Weltreise? Auch darauf fand die Truppe ein pfiffige, mit nur wenig Requisiten umsetzbare spielerische Antwort.

In einer einzigartigen Mischung aus projektbezogenem Schulunterricht, der am Thema Zirkus entlang verläuft, und spezifischen Sport- und Bewegungseinheiten erarbeitet Ubuntu seine Aufführungen. Die Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung bietet in Horst mit koedukativen Wohngruppen eine Alternative zum normalen Schulalltag, den nicht jeder Heranwachsende meistern kann. Jedes Kind und jeder Jugendliche lebt in seinem eigenen Zirkuswagen und kann neben dem täglichen Unterricht und Training auch in der hofeigenen Holz-, Metall- und Kfz-Werkstatt seine handwerklichen Fertigkeiten erproben.

In Wilster gastierte auf Einladung des Kulturhauses eine Kleingruppe, die wie viele weitere Beteiligte jährlich auf das große Ziel hinarbeitet: Mit rund 80 Artisten, eigenem Zirkuszelt und historischem Fuhrpark mehrere Wochen lang auf große Tournee zu gehen. Auch Adrian, der als Conferencier und Zauberer durch das Programm führte und seit zwei Jahren bei Ubuntu lebt, träumt davon. Doch er möchte nichts überstürzen, trainiert intensiv werktags von 8.45 bis 11.15 Uhr und wartet geduldig auf seinen Einsatz: „Dieses Jahr ist es wahrscheinlich noch zu früh. Vielleicht kann ich nächstes Mal mit.“ Adrians Ernst beeindruckt, die Leistungen seiner Truppe ebenfalls. Nicht jeder Jonglierkegel blieb in der Luft, nicht jede Nummer funktionierte perfekt, aber das Publikum spürte und honorierte die Willenskraft, die diesen Zirkus trägt.

Die Kooperation von Schule und Kulturhaus Wilster lockte leider nur eine kleine Besucherschar am Abend in die die Aula. Lehrer, Schüler und Eltern haben sich eine seltene und vorbildhafte Gelegenheit entgehen lassen, Erlebnispädagogik in ihrer kulturellen Entfaltung hautnah zu erfahren.

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