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Norddeutsche Rundschau

23. Oktober 2017 | 05:17 Uhr

Rückblick : Erinnerungen ans Fräulein vom Amt

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Bis vor 50 Jahren mussten Ferngesprächsverbindungen im Fernamt von Hand vermittelt werden – ehemalige Mitarbeiterinnen blicken zurück.

shz.de von
erstellt am 12.Jan.2014 | 16:00 Uhr

Für Jüngere ist es ein Begriff mit sieben Siegeln – doch vor mehr als 50 Jahren gehörte es noch ganz selbstverständlich zum Alltag: das „Fräulein vom Amt“. Als es noch keinen Selbstwählferndienst gab, mussten Ferngesprächs-Verbindungen von zarter Damenhand „gestöpselt“ werden. In einer langen Reihe waren damals im Itzehoer Fernamt 21 Vermittlungsschränke aufgebaut, an denen die jungen Frauen arbeiteten. Der Saal befand sich im ersten Stock des alten kaiserlichen Postamts in der Viktoriastraße 10.

Jetzt trafen sich einige der jungen Damen von damals zu einer Kaffeerunde mit fröhlichem Gedankenaustausch. Es wurden alte Fotos angesehen und Erinnerungen ausgetauscht. Mag der Dienst im Fernamt oft schwer gewesen sein – im Rückblick war er trotzdem schön. Darüber waren sich alle einig: Ingrid Rennert (geb. Meyer), Irmgard Wilhelm (Szallies), Hannelore Siemssen (Gall), Brigitte Kruse (Skibbe) und Hannelore Dyrßen (Schlaack). Auch Harald Kardel erinnert sich gerne an diese Zeit. Eineinhalb Jahre lang gehörte es zu seinen Aufgaben, das Fernamt von der technischen Seite aus mit zu betreuen. „Mögen wir heute über die veraltete Technik von damals lächeln, ohne sie wäre der heutige Stand der Technik aber gar nicht möglich gewesen“, sagt er. „Es baute eins auf dem anderen auf.“

Für einen geregelten Dienstablauf sorgten meist gestrenge Aufsichtspersonen wie Helene Söth, Amanda Voß, Elsa Voß, Kathi Behmer, Ruth Hermannsen oder Käthe Emminger. Aber auch Männer gab es in der überwiegend weiblich beherrschten Domäne, Wilhelm Weichenthal und Friedrich Tittel zum Beispiel, die in der Stellenleitung saßen.

Alles war genau geregelt. „Keine von uns durfte ihren Platz einfach so verlassen, ohne sich bei der Aufsicht abzumelden“, erzählt Ingrid Rennert. „Alle Plätze wurden überwacht, um das Verhalten gegenüber den Kunden zu kontrollieren.“ Private Gespräche waren tabu. „Einmal rief ich meinen Mann an und wollte ihm nur kurz sagen, dass er schon die Kartoffeln aufsetzen soll, ich würde gleich nach Hause kommen. Da bekam ich einen gehörigen Rüffel von der Aufsicht, die das mitgehört hatte“, erinnert sich Irmgard Wilhelm. Heute kann sie darüber schmunzeln.

„Die Zeitdauer der Ferngespräche wurde manuell genommen. Dazu gab es die so genannte Schrammberger Eieruhr“, erklärt Brigitte Kruse. „Jedes Ferngespräch wurde auf einem Gesprächsblatt zu Abrechnungszwecken festgehalten. Nach sechs Minuten mussten wir rein hören, ob das Gespräch noch lief. Das mussten wir vermerken und dann die Uhr über einen Hebel erneut aufziehen.“

Zu Weihnachten und Neujahr herrschte Hochbetrieb. Und natürlich gab es auch manchmal spaßige Erlebnisse – zum Beispiel, wenn ein Teilnehmer mit Namen Winter mit einem namens Sommer zusammengeschaltet wurde. „Früher war noch alles viel persönlicher“, sagt Hannelore Dyrßen. „Wir hatten einige Stammkunden, die oft nur Kontakt zu anderen Menschen suchten.“

Da die Plätze im Fernamt rund um die Uhr besetzt waren, wurde die Arbeit im Schichtdienst erledigt. Nicht sehr beliebt war der Nachtdienst, denn da mussten die jungen Damen auch technische Störungen von Hand beseitigen. „Beim Austausch von Sicherungen konnte man trotz aller Vorsicht schnell einen gewischt bekommen“, graust es Hannelore Siemssen noch heute. „Das war besonders unangenehm.“

Aber auch vor 50 Jahren gab es bereits technischen Fortschritt. Das war ein besonderer Vermittlungsschrank, an dem die Damen im Fernamt eine direkte Wahlmöglichkeit ins Hamburger Ortsnetz hatten, eine wesentliche Erleichterung, da ein Großteil der Ferngespräche nach Hamburg geführt wurde.

1962 war Baubeginn für das neue Fernmeldeamt auf dem Gartengrundstück hinter dem Postamt. Am 1. Juli 1964 bezog der Fernmeldedienst dieses Gebäude. Damit vollzog sich auch optisch die verwaltungsmäßig schon bestehende Trennung zwischen Post- und Fernmeldedienst. Am 3. März 1965 wurde in dem neuen Gebäude die moderne Knotenvermittlungsstelle in Betrieb genommen. Jetzt bekamen auch die Itzehoer Fernsprechteilnehmer endlich die Möglichkeit, am Selbstwählferndienst teilzunehmen. Das Fräulein vom Amt war damit Geschichte geworden.

Doch arbeitslos wurde keine der Frauen nach der Auflösung des handvermittelten Dienstes. Viele wurden in der Technik beschäftigt, zum Beispiel mit Prüftätigkeiten in der neuen Knotenvermittlungsstelle. Später wurde auch diese Arbeit automatisiert, und einige der Frauen übernahmen Bürotätigkeiten oder wurden an andere Orte versetzt.

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