Bombenangriff auf Wilster : Erinnerung an Tod und Verzweiflung

Erinnerungen wurden wach beim Betrachten zahlreicher Fotos, die die WZ vor 20 Jahren vom Bombenangriff am 15. Juni 1944 angedruckt hatte. Rechts Inge Mahner geb. Vollmert mit Marga Witt.
Erinnerungen wurden wach beim Betrachten zahlreicher Fotos, die die WZ vor 20 Jahren vom Bombenangriff am 15. Juni 1944 angedruckt hatte. Rechts Inge Mahner geb. Vollmert mit Marga Witt.

Gedenken an das furchtbare Geschehen vor 70 Jahren. Inge Mahner wurde als Zwölfjährige schwer verletzt.

shz.de von
17. Juni 2014, 17:00 Uhr

Einen besonderen Anlass hatte der Gottesdienst in der Wilsteraner St.-Bartholomäus-Kirche: Auf den Tag genau vor 70 Jahren, am 15. Juni 1944, erlebte Wilster einen schweren Bombenangriff. An dessen Folgen mit 51 Toten, Hunderten von Verletzten und über hundert total zerstörten Häusern gedachten Pastor Volker Höppner und rund 70 Besucher in einem Gedenkgottesdienst in der Kirche, die bei diesem Bombenangriff teilweise zerstört worden war. Mit dem Gottesdienst feierte die Gemeinde zugleich das Trinitatisfest über die Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist.

Unter den Teilnehmern des Gottesdienstes waren mehr als zehn Zeitzeugen, die diesen schweren Bombenangriff überlebt haben. Zu ihnen gehörten beispielsweise Uwe Carstensen und Heinrich Mahrt ebenso wie Inge Mahner geb. Vollmert, die mit ihrer Tochter Birgit aus Bad Oldesloe angereist war. Sie war in Wilster zur Schule gegangen und wohnte damals bei ihren Großeltern. Deren Haus Kohlmarkt 30 wurde total zerstört und stand genau im heutigen Kreuzungsbereich von Klosterhof und Steindamm. Die 82-Jährige hatte sich von ihrer Tochter gewünscht, an diesem Tag mit ihr nach Wilster zu fahren. Erst kürzlich hatte sie eine alte Freundin wieder getroffen, mit der sie vor 70 Jahren unter den Trümmern lag. Ein besonderes Treffen für beide Frauen, das mit einem Telefonat Inge Mahners begann. „Bist du das, Gertrud?“ fragte die unbekannte Stimme am Telefon, „hier ist nämlich deine alte Freundin Inge aus Wilster.“ Es dauerte einen Moment, bis Gertrud Mett, geb. Appel, die Stimme ihrer Schulfreundin Inge, damals noch Vollmert, erkannte. Das war im Januar 2014. Die Schulzeit von beiden Frauen lag 70 Jahre zurück; 70 Jahre, in denen sie sich nicht gesehen hatten.

Dann, Anfang Juni, saßen die beiden am Esszimmertisch von Gertrud Mett in Meerbusch/Nordrhein Westfalen und schauten alte Schwarz-Weiß-Fotografien an. Es war eine Begegnung der besonderen Art, denn nicht nur die lange zurückliegenden Erinnerungen an ihre Schulzeit verbinden beide, sondern auch ein traumatisches Erlebnis: Beide sind beim Bombenangriff auf Wilster am 15. Juni 1944 verschüttet und schwer verletzt worden.

Inge hatte Gertrud nach der Schule mit zu ihren Großeltern genommen. Sie saßen dort auf dem Sofa und spielten mit Inges kleiner Cousine Gisela, als plötzlich die Bomber kamen. Inge sah noch durchs Fenster, wie die Bomben abgeworfen wurden, dann wurde es schwarz um sie. Als sie aufwachte, hatte sie den Mund voller Staub, den sie nicht ausspucken mochte, um das weiße Laken nicht zu beschmutzen, auf dem sie lag. Ihre schweren Verletzungen bemerkte sie zunächst nicht.

Gertrud erlitt Kopfverletzungen durch die heruntergefallenen Balken. Das Haus war über den Bewohnern eingestürzt. Mit schlichten Verbänden wurden die zwölfjährigen Mädchen verarztet. Im Haus waren noch die Großeltern von Inge gewesen und ein Cousin, der den Bombenangriff nicht überlebte. Gertruds Bruder starb ebenfalls.

Doch für die beiden Mädchen ging das Leben nach dieser Erschütterung weiter: Schulabschluss 1947, Ausbildung, Heirat in den 50ern, Kinder, Enkel. Dann sind die Ehemänner gestorben. Gertruds Mann Walter starb 2008, Inges Mann Karl-Friedrich im Dezember 2013. Danach räumte Inge ihre alten Unterlagen auf. Dabei fand sie einen Bericht über ein Ehemaligentreffen der Mittelschule Wilster von 1991 mit einer Adressenliste der Ehemaligen aus den Abschlussklassen bis 1949. Es stand auch Gertruds Telefonnummer darauf. Kurze Zeit später klingelte es bei Gertrud.

Danach entschied sich Inge Mahner dazu, an diesem denkwürdigen Tag, dem 70. Jahrestag der Bombardierung, nach Wilster zu fahren. Mit lebhaftem Interesse studierte sie ebenso wie die weiteren Besucher nach dem Gedenkgotttesdienst eine Kopie der Wilsterschen Zeitung, die zum 50. Jahrestag des Bombenangriffs zwei Bilderseiten von dem zerstörten Wilster abgedruckt hatte.

„Der 15. Juni 1944 brachte großes Leid über die Stadt und ihre Bewohner“, stellte Pastor Höppner fest. Die Mühle von Gustav Lumpe war in Flammen aufgegangen, neben der in Trümmern liegenden Kirche hatten Bomben auch die Stadtwerke getroffen und die Gas-, Wasser- und Stromversorgung lahmgelegt. Rund hundert britische Fliegerbomben waren über Wilster abgeworfen worden und hatten Tod und Zerstörung mitgebracht.

Am 1. September 1939 habe der 2. Weltkrieg durch den deutschen Überfall auf Polen begonnen. Weltweit seien ihm 60 Millionen Menschen zum Opfer gefallen. „Die halbe Welt lag in Schutt und Asche“, erinnerte Pastor Höppner. In einem Friedensappell mahnte er aus dem Paulus-Brief im 2. Korinther Kapitel 13, den Gott des Friedens an die erste Stelle zu setzen, in der Gemeinschaft friedlich zusammenzuleben, kritikfähig zu bleiben und dem Nachbarn die Hand zum Frieden zu reichen. Das wurde gleich im Gottesdienst in die Tat umgesetzt, als sich die Besucher gegenseitig die Hand reichten. Der Gottesdienst endete mit der eindringlichen Bitte an Gott: „Mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens!“


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