Ende Zweiter weltkrieg : Erdbeeren gegen Corned Beef

Spricht von den Einquartierungen: Ruth Möller.
1 von 3
Spricht von den Einquartierungen: Ruth Möller.

Am 5. Mai 1945 erreichten die ersten britischen Truppen Glückstadt. Die Besetzung erfolgt weitgehend friedlich

shz.de von
06. Mai 2015, 17:00 Uhr

Deutschland 1945: Das „tausendjährige“ Nazi-Reich versank in einem Meer aus Blut und Tränen. Am 8. Mai jährt sich das Kriegsende zum siebzigsten Mal. Unser Autor Kay Blohm hat in Quellen aus der Zeit recherchiert und bei Zeitzeugen aus Glückstadt nachgefragt, wie sie die Endzeit des Krieges erlebt haben. Der zweite Teil unserer Serie handelt von der Besetzung Glückstadts durch britische Truppen.

Am Nachmittag des 5. Mai war es soweit: Ein britisches Vorauskommando, bestehend aus drei Panzerspähwagen, zog in Glückstadt ein. Der damals zehnjährige Herbert Hammann aus der Nordmarksiedlung (damals „Horst-Wessel-Siedlung“ – benannt nach dem gleichnamigen Nazi-Märtyrer) versteckte sich vor Schreck mit zwei Freunden im Straßengraben während die Engländer vorbeifuhren. „Obwohl sie uns mit Sicherheit gesehen haben, fahren die Engländer im Spähwagen an uns vorbei. Erst danach laufen wir mit Angst in den Beinen in Richtung Siedlung. Wir wollen nach Hause“, berichtet Hammann heute.

Die Furcht vor der englischen Besatzungstruppe legte sich bei ihm in den folgenden Wochen. Die Briten beschlagnahmten in Glückstadt nicht nur die Marinekaserne für ihre Soldaten, sondern auch viele Privathäuser. Auf dem Temming-Sportplatz (heute Lidl-Filiale) standen Panzer und andere Fahrzeuge. Der Zehnjährige und seine Freunde bekamen oft „Cadbury-Schokolade“ und „weißes Brot“ von den Engländern. Auf dem Schulweg gingen die Jungs immer an einer Truppenküche der „Tommys“ (heute Opel-Koch) vorbei. Als die Erdbeeren reif waren, startete der kleine Herbert einen regen Tauschhandel mit dem englischen Küchenpersonal: Für einen Korb Erdbeeren, die er von seiner Schwester bekam, erhielt er vier Dosen Corned Beef.


In ganz Glückstadt wird Wohnraum beschlagnahmt


In ganz Glückstadt beschlagnahmten die Engländer Privathäuser für ihre Soldaten. Die Glückstädterin Ruth Möller berichtet darüber: „Meine Tante lebte in der Bohnstraße/Ecke Friedrich-Ebert-Straße. Sie blickte aus dem Fenster und sah an der gegenüber liegenden Ecke einen britischen Soldaten mit Schreibblock und Stift stehen, der auf die Häuserzeile zeigte. Sie wusste sogleich, dass sich die Besatzungsmacht hier einquartieren wollte.“ Tatsächlich wurden die Bewohner aufgefordert, die Wohnungen innerhalb von zwei Stunden zu verlassen. „Auch am Bolritt waren einfache Soldaten einquartiert“, berichtet Reimann-Möller. „Von einer Frau Dovers ist überliefert, dass sie Qualen litt, weil ihre auf Hochglanz gelackte Treppe von genagelten Stiefeln misshandelt wurde: ‚Mien Trepp, mien Trepp!‘ klagte sie.“

Die Grevenkoper Bäuerin Magdalene Gravert schrieb ein ausführliches Tagebuch, das heute eine ergiebige Quelle für die Heimatforschung ist. Sie berichtet vom 7. Mai 1945, als der Hauptverband der britischen Besatzungstruppe an ihrem Hof vorbeikam und das südwestliche Schleswig-Holstein besetzte: „Der Verlauf dieses Tages war so, wie man ihn niemals für möglich gehalten hätte. Der Einzug der Sieger, der Briten und Kanadier in Schleswig-Holstein. Gegen 11 Uhr vormittags kamen die ersten Panzerspähwagen und Lastkraftwagen. Dann nach einstündiger Pause begann der gewaltige Vorbeizug der schwersten Panzer und Fahrzeuge aller Art, der ohne Unterbrechung bis abends 21 Uhr andauerte.“


Durch Grevenkop fahren 3000 britische Militärfahrzeuge


„Es war ein Knattern und Dröhnen wie es Grevenkop noch nicht erlebt hat“, schreibt die Bäuerin weiter. „Mindestens fünf Fahrzeuge in der Minute rasten vorbei, das waren in neun Stunden etwa 3000, davon ein Drittel schwere Panzer. Zum ersten Mal im Leben sah man diese Untiere. Und die sollte die Hitlerjugend mit der Panzerfaust bekämpfen.“ Die feindlichen Soldaten benahmen sich ruhig und gelassen, berichtet Gravert. „Alles Männer im besten Alter zwischen 20 bis 30 Jahren – wohl gepflegt und gut ernährt. Uniformen, Fahrzeuge, alles braun. Kopfbedeckung Baskenmützen. Die Panzerfahrer in weißen Pelzen. Die Wagen teils mit Blumen geschmückt, mit Flieder, Tulpen, Weißdorn.“ Es sei „der erste wunderbare Maientag“ gewesen, schreibt die Grevenkoperin weiter. „So herrlich warm, dass die Engländer auf ihren Panzern in der Sonne lagen, wenn die Kolonnen hielten.“


Zwangsarbeiter jubeln den britischen Befreiern zu


Der als Zwangsarbeiter auf dem Hof beschäftigte russische Kriegsgefangene haben sie nach einer roten Fahne gefragt, die er hissen wollte, berichtet Gravert weiter. Auch Polen und Franzosen seien auf der Straße gewesen und jubelten den Briten zu. Später am Tag „kam dann die Kunde durch, dass seit heute Abend 20 Uhr auch Waffenstillstand mit Russland herrscht. Also bedingungslose Kapitulation Deutschlands auf der ganzen Linie.“

Am 8. Mai 1945 um 23.01 Uhr trat die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht „zu Lande, zu Wasser und in der Luft“ in Kraft. Die alliierten Siegermächte regelten von nun an alle politischen, gesellschaftlichen und militärischen Angelegenheiten in Deutschland, so auch in Glückstadt.

zur Startseite
Karte

Kommentare

Leserkommentare anzeigen