zur Navigation springen
Norddeutsche Rundschau

21. September 2017 | 01:52 Uhr

Vor Gericht : Erbitterter Streit mit dem Jugendamt

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Itzehoer Ehepaar fordert vom Kreis mehrere 100 000 Euro für Betreuung von Pflegekind und erhebt schwere Vorwürfe.

von
erstellt am 09.Mai.2016 | 12:00 Uhr

Während er erzählt, schüttelt Gottfried Kruse mehrfach mit dem Kopf. „Wie konnte es nur so weit kommen?“, sagt der 60-Jährige mehr zu sich selbst. Seit Jahren liegen der Itzehoer und seine Ehefrau Marion im Clinch mit dem Kreisjugendamt. Mehrfach wurde der Streit bereits vor Gericht ausgetragen. Es geht um Geld, viel Geld aus Sicht der Kruses, aber auch um Anerkennung und Gerechtigkeit. „Die ganze Sache hat uns finanziell ruiniert“, sagt Kruse. „Wir fühlen uns von den Behörden und Gerichten auf den Arm genommen“, sagt seine Frau.

Die ganze Geschichte begann vor knapp zehn Jahren. Damals, im Frühsommer 2006, sprach ein Pastor das Ehepaar an und fragte, ob es ein Pflegekind aufnehmen würde. Ein kleines Mädchen im Säuglingsalter, dessen Mutter nicht in der Lage sei, es selbst zu versorgen, so berichten es die Kruses heute. Sie wollten helfen. Die drei eigenen Kinder waren bereits groß, und die Familie hatte in der Vergangenheit schon Erfahrungen mit Pflegekindern gesammelt.

Doch dieser Fall war anspruchsvoller. Es sei in den Vorgesprächen mit dem Jugendamt deutlich geworden, dass das Mädchen wegen einer geistigen Behinderung eine Vollzeit-Betreuung brauche, sagt Kruse. Er arbeitete damals als kaufmännischer Angestellter in Hamburg, seine Frau als Krankenschwester. „Wir trafen die Absprache mit dem Jugendamt, dass ich meine Arbeit aufgebe und meine Frau ihre Arbeitszeit reduziert“, sagt Kruse. Im Gegenzug seien ihm 80 Prozent seines bisherigen Gehaltes monatlich für die Betreuung des kleinen Mädchens zugesagt worden.

Das Kind kam, doch das Geld nicht. „Jedenfalls nicht in der vereinbarten Höhe“, sagt Kruse. „Wir bekamen lediglich den normalen Satz für ein Pflegekind vom Amt. Das war aber viel weniger, als für die Rund-um-die-Uhr-Betreuung ausgemacht war.“ Mehrfach habe er nachgefragt, berichtet Kruse. Nach seiner Darstellung wurde er zunächst hingehalten. Es dauere halt, bis die Sondervereinbarung genehmigt sei, habe man ihm immer wieder gesagt.

Nach zwei Jahren habe er dann begonnen zu klagen. An die ursprüngliche Absprache habe sich da im Jugendamt niemand mehr erinnern wollen. Die erbrachten Leistungen habe die Verwaltung als abgegolten betrachtet. „Ich denke, es sollte schlicht Geld gespart werden.“ Schriftlich belegen konnte Kruse die vermeintliche Abmachung nicht. Warum er seinen Job auf Grundlage einer mündlichen Vereinbarung gekündigt habe? „Für mich war die Sache ganz klar. Wir waren ja Partner des Jugendamtes“, sagt er im Rückblick.

In mehreren Verfahren konnte der Itzehoer seine Ansprüche in Höhe von mehreren 100  000 Euro nicht durchsetzen. Mitte Juni gibt es erneut eine mündliche Verhandlung in der Angelegenheit vor dem Verwaltungsgericht in Schleswig.

Beim Kreis will man sich mit Blick auf das laufende Verfahren nicht im Detail äußern und bestätigt lediglich, dass es einen Rechtsstreit mit dem Ehepaar gibt. Weitere Auskünfte seien aus Datenschutzgründen nicht möglich, sagt Sprecherin Britta Glatki.

Das Mädchen lebt inzwischen nicht mehr bei dem Ehepaar. Nach sieben Jahren wurde das Kind anderweitig untergebracht – gegen den Willen der Pflegeeltern. Die Kruses machen auch dafür den Rechtsstreit ums Geld verantwortlich. Ein Umstand, der sie bis heute schmerzt. „Sie gehört zur Familie“, sagt Marion Kruse. „Wir haben auch versucht, sie zu adoptieren, aber das war nicht möglich.“

Nicht zuletzt deshalb ist das Klima zwischen dem Ehepaar und der Kreisverwaltung inzwischen völlig vergiftet. Im Zuge der Gerichtsverfahren glaubt Gottfried Kruse auf manipulierte Dokumente gestoßen zu sein, die nachträglich erstellt wurden, um die Position des Jugendamtes zu stützen. Er hat deshalb gegen den Landrat und das Jugendamt Strafanzeige wegen Betrugs gestellt. Laut Peter Müller-Rakow, Sprecher der Staatsanwaltschaft Itzehoe, laufen aktuell die Ermittlungen. Mit Ergebnissen sei frühestens in einigen Wochen zu rechnen.

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen