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Itzehoer Mahnmal für die Opfer des NS-Regimes : Erbaut, verdrängt, wiederentdeckt

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Wechselvoll ist die Geschichte des Itzehoer Mahnmals für die Opfer des Nationalsozialismus an den Malzmüllerwiesen.

shz.de von
erstellt am 27.Okt.2017 | 16:03 Uhr

Das erste öffentliche Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Norddeutschland steht in Itzehoe an den Malzmüllerwiesen und wurde gerade von der Stadt saniert. Eng verbunden mit diesem Bauwerk ist der aus Itzehoe stammende Journalist und Autor Michael Legband. Er hat in den 90er Jahren für die Rekonstruktion des Bauwerkes gekämpft und ist Autor des 1994 erschienen Buches „Das Mahnmal – erbaut, verdrängt, wiederentdeckt“, das von Legband und dem Filmemacher Peter K. Hertling auch für den NDR verfilmt wurde. Die Redaktion hat Legband um ein persönlich eingefärbtes Portrait des Gedenkensembles gebeten.

Vorweg: Der Medienwirbel war gewaltig. Als das Mahnmal aus seinem Versteck im Cirenchester-Park 1994/95 an die Malzmüllerwiesen versetzt wurde. Nahe an den Ort, an dem es 1946 erbaut wurde. Das NDR-Fernsehen berichtete. Die Frankfurter Rundschau genauso wie die Deutsche Presseagentur, die Hamburger Morgenpost ebenso wie die Tageszeitung Die Welt und natürlich die regionalen Zeitungen von den Kieler Nachrichten über die Dithmarscher Landeszeitung und selbstverständlich immer wieder die Norddeutsche Rundschau. Hinzu kamen Hörfunk-Reportagen in privaten wie öffentlich-rechtlichen Sendern. Das Mahnmal war sozusagen ein Medienstar. Und das war gut so. Ein Mahnmal muss wahrgenommen werden, um seinem Auftrag gerecht zu werden.

Aber der Reihe nach: Das Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus geht auf eine Initiative von Gyula Trebitsch zurück. Der ehemalige KZ-Häftling kommt mit einem britischen Sanitätszug nach Itzehoe. Mit Müh’ und Not hatte er eine Odyssee durch Vernichtungs- und Konzentrationslager überlebt. Nach erfolgversprechender Filmproduzenten-Karriere in Ungarn begann 1942 der braune Terror über Trebitsch hereinzubrechen: Minenräumer und Bombenendschärfer auf dem sowjetischen Kriegsschauplatz für die Wehrmacht, menschenschinderischer Einsatz in jugoslawischen Kupferbergwerken und beim Eisenbahnbau. Haft in den KZs Oranienburg, Sachsenhausen, Ravenbrück, Barth und Wöbbelin. Im KZ Wöbbelin wurde Trebitsch von Soldaten der 82. US-Luftlandedivision befreit. Im Krankenhaus Itzehoe erholte sich der Filmproduzent von den körperlichen Strapazen. Bei einer Rundreise durch Hamburg zeigten ihm die Engländer das Chile-Haus und berichteten, dass der Baumeister dieses Musterexemplars an deutscher Backsteinbaukunst im Kreis Steinburg ansässig sei. Also machte sich Trebitsch auf nach Bekenreihe zum Klinkerfürsten Fritz Höger. Zwei Männer machten sich ans Werk.


Symbolik der Freiheit, die sich über Gefängnismauern erhebt

Der KZ-Überlebende war schon länger mit dem Gedanken schwanger gegangen ein Mahnmal gegen das Vergessen zu schaffen und keine Heldengedenkstätte, wie Mitglieder des kommunistischen Widerstands dies diskutierten. So entstanden Pläne einer aus Backstein gemauerten, sich nach oben hin verjüngenden Säule, auf der eine große bronzene Feuerschale ruht. Vier flügelartig angeordnete, beidseitig beschriftete Platten auf einem Unterbau aus Beton tragen Dichterworte und andere Merksätze eingemeißelt, die Schrift hervorgehoben, der Hintergrund geschwärzt. Umschlossen wird das Mahnmal von kunstvoll geschmiedeten Gittern. Eine im Halbkreis auf Steinsockeln angeordnete Bank rundet das Ensemble ab. Die Symbolik war klar: „Damit wollten wir verdeutlichen, dass man die Freiheit, den Frieden und die Menschen, die diese Ideale anstreben, letztendlich nicht einsperren kann und dass sich die Freiheit über die Gefängnismauern erhebt,“ so sagte es mir Trebitsch bei einem unserer ersten Treffen.

Interessant war, dass sich kurz nach dem Ende des NS-Regimes mit Höger ein ehemaliger Nazi, der sich Hoffnungen gemacht hatte Hitlers Bauminister zu werden, und ein verfolgter Jude zusammentaten. Auch dazu äußerte sich Trebitsch: „Ich verstand nach mehreren Gesprächen, dass Höger seine Meinung geändert hatte, und dafür steht – wie es sich für einen Baumeister gehört – sein Mahnmal.“ Und angesprochen auf die Rundbank sagte Trebitsch: „Die hat Höger gebaut, damit sich Leute wie er darauf setzen können und einmal ganz still darüber nachdenken sollten, warum sie nicht die Kraft hatten gegen Hitler aufzustehen.“ Hinzu kommt, dass Höger Brüche zum Nationalsozialismus aufzuweisen hatte. Aber das ist ein anderes Thema.

Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde das Bauwerk am 6. September 1946 im Beisein von Ministerpräsident Hermann Lüdemann eingeweiht. Trebitsch und die Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN) hatten eingeladen. Die Stimmung war aber nicht nur pro Mahnmal. 1947 wird das Bauwerk beschädigt, mit Toilettenpapier behängt und mit einem Schlepper teilweise umgerissen. Itzehoes Bürgermeister setzt eine Belohnung von 1000 Reichsmark für die Ergreifung der Täter aus. Im September 1947 spricht Ministerpräsident Lüdemann erneut auf dem Festakt „Menschenrecht und Menschenwürde“ am Mahnmal. Ein weiteres Mal findet 1948 eine groß angelegte Gedenkfeier im September des Jahres mit einer Festvorstellung im Stadttheater („Des Teufels General“) statt. 1949 erfolgt die vorerst letzte große offizielle Gedenkfeier. Ab 1950 finden die offiziellen Gedenkveranstaltungen am Gefallenen-Ehrenmal, dem so genannten Germanengrab, statt.


Trotz Protest wird das Mahnmal versetzt und versteckt

Es passt in das politische Gesamtklima, dass 1957 das Mahnmal gegen den Protest des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in den Stadtpark versetzt und unter einer Baumgruppe versteckt wird. Seit den 70er Jahren wird an dem Mahnmal wieder der Opfer gedacht. Zuerst vom DGB, der bis heute am 1. Mai dort Kränze niederlegt. Mit Bürgervorsteher Friedrich Spohler spricht am 1. Mai des Jahres 1980 erstmals seit 1948 wieder ein offizieller Stadtvertreter am Mahnmal. Seit 1983 organisieren die Jungsozialisten stets am Jahrestag der Machtergreifung unterschiedlichste Gedenkveranstaltungen. Bis vor wenigen Jahren hielt diese Tradition an.

Eine dieser Veranstaltungen führte schließlich zur Umsetzung. Ich war inzwischen Redakteur bei der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung in Rendsburg. Da riefen mich die Itzehoer Jusos in alter Verbundenheit an (ich war 13 Jahre lang deren Vorsitzender) und fragten, ob ich nicht einen geeigneten Redner wüsste. Spontan hatte ich die Idee Gyula Trebitsch zu fragen. Ohne das ich wusste, was da auf mich zu kam. Mir war bekannt, dass er Film- und Fernsehproduzent und ein Verfolgter der Nazis war, der einige Zeit in Itzehoe gelebt und sowohl das Burg-Theater wie das Lichtschauspielhaus geleitet hatte. Zu meiner Überraschung wurde ich sofort zu ihm durchgestellt. Als ich mich vorstellte und meine Bitte vortrug, sprach er sofort von seinem Mahnmal und erklärte mir, dass er der Initiator gewesen sei. Das war neu! Nach Klärung einiger Terminfragen bekam ich nach zehn Minuten einen Rückruf und der große alte Mann von Film und Fernsehen sagte zu.

Aber wer war das eigentlich? Ende der 1940er Jahren startete er eine Produzentenkarriere ohne Beispiel: Trebitsch produzierte mehr als 100 Spielfilme, darunter preisgekrönte wie „Des Teufels General“, der Curt Jürgens zum Weltstar machte, und Rühmanns Klassiker „Der Hauptmann von Köpenick“. „Das Herz von St. Pauli“ brachte Hans Albers das Nachkriegs-Comeback. Romy Schneider wurde mit „Lysistrata“ international bekannt. Als Begründer des Studio Hamburg wurde Trebitsch Chef der zeitweilig größten privatwirtschaftlich organisierten Medienfabrik Europas.


Deutliche Worte eines sehr zornigen alten Mannes

Am Tag der Veranstaltung am 29. Januar 1989 wurden die Organisatoren von einem sehr zornigen, alten Mann fast beschimpft. Er machte klar, dass das Mahnmal früher wo anders gestanden hatte und war sichtlich betroffen, dass es ohne jede Art von Rücksprache versetzt worden war. Er änderte seine Rede und fügte ein: „Dies zeigt mir, welche Problematik mit diesem Mal in der Nachkriegszeit verbunden war.“ Als er ging klopfte er mir in der Art erfolgsgewohnter Männer auf die Schulter und sagte: „Sorge dafür, dass es wieder an einen Verkehrsknotenpunkt in der Innenstadt kommt.“ Auch für uns Jüngere war diese von Trebitsch offenbarte Umsetzung neu. Für uns war es halt immer da. Ältere haben uns davon nichts berichtet – schlechtes Gewissen?

Das mit der Umsetzung war leichter gesagt als getan. Erste Initiativen scheiterten. In Deutschland schießen die Neonazigruppen wie Giftpilze aus dem Boden. Anschläge von rechts nehmen zu. Als ich 1993 mit meinem Künstlerfreund Jens Rusch die Feuerschale des Bauwerks heruntergestürzt vorfinde, muss das Mahnmal repariert werden. Nach einem Artikel in der Norddeutschen Rundschau schreibt Trebitsch am 14. September an Bürgervorsteher Paul Barth und bittet um die Umsetzung. Am 7. Oktober beschließt die Kreisdelegiertenkonferenz des DGB, die Stadt zur Umsetzung aufzufordern. Landtagsabgeordnete von SPD und CDU sprechen sich ebenfalls für einen neuen Standort aus. Kultusministerin Marianne Tidick plädiert in die gleiche Richtung und stellt später Geld für die Umsetzung zur Verfügung. 1994 legt der Magistrat die Malzmüllerwiesen als neuen (fast alten) Standort fest. Umsetzungskosten rund 30 000 Mark. Das Land gibt 8000 Mark dazu und zusammen mit Gyula Trebitsch organisiere ich eine „Matinee für das Mahnmal“ im Stadttheater mit dem bekannten Schauspieler Christian Quadflieg. Der Reingewinn der Veranstaltung kommt der Umsetzung zu gute. Am 11. Oktober beginnen die Arbeiten.

Die Einweihung des Mahnmals nimmt Ministerpräsidentin Heide Simonis vor. Zeitgleich wird im Foyer der Volksbank Itzehoe eine Ausstellung zum Mahnmal präsentiert, die Generalstaatsanwalt Heribert Ostendorf eröffnet. 1996 freut sich ganz besonders der mir inzwischen sehr ans Herz gewachsene Freund Trebitsch. Wir organisierten eine Feier zum fünfzigsten Geburtstag des Mahnmals. Festredner waren Justizminister Gerd Walter und Landtagsvizepräsident Eberhard Dall'Asta. Im Anschluss führten Peter K. Hertling und ich unseren Mahnmal-Film vor, den wir für den NDR gedreht hatten. Der 45-Minuten-Streifen ist inzwischen mehrfach wiederholt und international ausgezeichnet worden.

Unabhängig von meiner politischen Sozialisation hatte ich schon früh Kontakt mit dem Mahnmal. Eine meiner Großmütter wohnte in der Mühlenstraße und ging mit mir gerne Enten füttern im Stadtpark. Wenn das Brot alle war, setzten wir uns auf die Bank am Mahnmal und Oma las mir was vor. Irgendwie muss mich da der Geist von Trebitsch und Höger bereits infiziert haben. Später habe ich immer, wenn ich am Mahnmal war, meines Opas Julius gedacht. Er war als liberal-konservativer Bauunternehmer von den Nationalsozialisten verfolgt worden, weil er gegen die Hitlerei aufgestanden war und überlebte mit viel Glück. Auch für ihn steht dieses Mahnmal.

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