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Völkerverständigung : „Er kam als Fremder und geht als Sohn“

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Drei Jahre lang war Mruttu Bartholomayo Balozi zu Gast bei Familie Schölermann. Sie nahm den Kenianer mit offenem Herzen und offenen Augen auf.

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erstellt am 28.Dez.2013 | 16:15 Uhr

Als Waltraut Schölermann vor drei Jahren den kenianischen Pastor Mruttu Bartholomayo Balozi in ihr Haus aufnahm, ahnte sie nicht, dass ihr der Abschied einmal so schwer fallen würde. „Er kam als Fremder und geht als mein Sohn“, sagt die 70-Jährige. Sie kann die Tränen kaum zurückhalten, wenn sie erzählt, wie aus dem Untermieter schnell ein Familienmitglied wurde. Ihre Tochter Ulrike nennt der 32-Jährige „Dada“, „Schwester“ in seiner Muttersprache Suaheli. Für sie und ihre Kinder ist er „Kaka“, der „Bruder“.

Anfangs war die Verständigung recht schwer. Waltraut Schölermann besann sich auf ihr Schulenglisch, lernte ein wenig Suaheli. Ihr Gast sprach mit der Zeit immer besser deutsch. Wenn er an Pastor Ralf Greßmanns Seite arbeitete, wenn er monatelang in Bochum Deutsch lernte, wenn er seiner Aufgabe im Zentrum für Mission und Ökumene in Hamburg nachging oder zahllose Besuche absolvierte, wusste er, er würde von seiner deutschen Familie in Münsterdorf fürsorglich erwartet. „Wenn es einmal spät wurde, war ich immer erst beruhigt, wenn ich die Tür klappen hörte“, sagt Waltraut Schölermann.

Pastor Balozi bewohnte die Wohnung im Obergeschoss, hatte dort seinen Freiraum zum Leben und Arbeiten. Doch schnell wurde er in den Haushalt mit einbezogen, das Kochen und Wäschewaschen übernahm Waltraut Schölermann für ihn.

„Wir haben so viel gelacht und alles gemacht, was Spaß bringt“, erinnert er sich an viele schöne Stunden in ihrem Haus. „Auch wenn Besuch kam, gehörte ich dazu.“ „Das Gleiche gilt für seine Angehörigen in Kenia“, berichtet Waltraut Schölermann davon, wie sie vor einem Jahr mit einer Münsterdorfer Gruppe Taveta, die Heimatstadt des Gastpastors, besuchte: „Das Tor ging auf, und wir waren eine Familie.“

Sie sei manchmal gefragt worden, ob sie keine Angst davor habe, einen Fremden, dazu aus Afrika, in ihrem Haus aufzunehmen. Waltraut Schölermann schüttelt den Kopf: „Jeder sollte den Mut haben, die Tür zu öffnen, selbst offen und ohne Vorurteile zu sein.“ Pastor Balozi pflichtet ihr bei: „Jeder hat Angst vor allem, was fremd ist. Gott nimmt uns die Angst; lasst uns versuchen, mit offenem Herzen und offenen Augen aufeinander zuzugehen.“

Rassismus habe er selbst in Deutschland nicht erfahren, sondern Offenheit und Freundlichkeit. Er berichtet davon, wie er vor nahezu drei Jahren von Hamburg nach Bochum fahren wollte und in den falschen Zug einstieg. Als der Zugbegleiter ihn auf den Irrtum aufmerksam machte und bemerkte, dass der Fahrgast mit der Situation überfordert war, kümmerte er sich um ihn. Der Schaffner, der gerade Feierabend hatte, stieg mit Pastor Balozi um, fuhr mit ihm bis Hannover, gab ihm noch ein Frühstück aus und setzte ihn in den richtigen Anschlusszug nach Bochum. „Für mich war er wie ein Engel“, sagt Pastor Balozi. Das würde er dem Zugbegleiter heute gern sagen.

Jetzt, da die Koffer für den Heimflug gepackt sind, kommt Wehmut auf. „Die drei Jahre sind wie im Flug vergangen“, sagt Waltraut Schölermann. Um die Verbindung nach Kenia pflegen zu können, hat sie sich zu ihrem 70. Geburtstag extra einen Laptop gewünscht und erste Computer-Erfahrungen gesammelt. „Sonst haben wir immer Silvester gemeinsam gefeiert, jetzt skypen wir“, sagt sie. „Und so Gott will und ich gesund bleibe, fahre ich eines Tages wieder nach Kenia.“ Pastor Balozi nimmt viele gute Erfahrungen aus seinem Aufenthalt in Deutschland mit auf den Heimweg. Besonders wertvoll sei, was Waltraut Schölermann ihm geben konnte: „Ich bewahre die Erinnerung an ihre Lebendigkeit und ihre Liebe. Es ist so viel gewachsen. Ich werde sie vermissen.“



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