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Energiepolitik : Entschädigung für weniger Atomstrom

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Das Kernkraftwerk Brokdorf bekommt für Drosselung der Anlage finanziellen Ausgleich. Auch für Systemdienstleistungen zahlt der Verbraucher.

shz.de von
erstellt am 30.Jun.2016 | 17:15 Uhr

Für zahlende Verbraucher ist es ein Ärgernis, für scharf kalkulierende Windmüller eine sichere Einnahmequelle: Wenn die Netze den Windstrom nicht mehr aufnehmen können, muss für die erzeugte, aber nicht abgenommene Energie trotzdem gezahlt werden. Überraschenderweise ist das auch bei Kernkraftwerken so – jedenfalls vom Prinzip her. Obwohl Atommeiler wie der in Brokdorf immer häufiger in ihrer Leistung gedrosselt werden müssen – Windstrom hat per Gesetz Vorrang – fließt auch hier Geld. Das bestätigt Kraftwerksbetreiber Eon Kernkraft auf Nachfrage unserer Zeitung. Wie viel Geld genau es für eine Anlage wie Brokdorf für gar nicht erst erzeugten Strom gibt, lasse sich aber nicht ermitteln.

Fakt sei: Die Vorgaben kämen von der Bundesnetzagentur und die Kosten trägt jeder Verbraucher über den Strompreis. Eon Kernkraft legt dabei Wert auf die Feststellung, dass es hier nicht um eine Entschädigung für nicht produzierten Strom oder gar für entgangene Gewinne gehe. Vielmehr gehe es um Nachteile, die den Kraftwerken entstünden, wenn vom Netzbetreiber in deren Produktion eingegriffen werde – was dann Redispatch genannt wird (siehe dazu Infokasten).

Unterm Strich läppert sich für die Verbraucher da einiges zusammen. Mit Hinweis auf Zahlen der Netzagentur nennt Eon Kernkraft bundesweit geschätzte Kosten für die Eingriffe in die Fahrweise von konventionellen Kraftwerken in Höhe von 253 Millionen Euro allein in den ersten sechs Monaten des Jahres 2015. Zum Vergleich: In ganz 2014 wurden nur 187 Millionen Euro an Entschädigungen fällig.

Für Kraftwerksleiter Uwe Jorden ist diese Entwicklung keine große Überraschung. Allein im vergangenen Jahr sei die Anlage auf Veranlassung der Bundesnetzagentur mehr als hundert Mal in ihrer Leistung gedrosselt worden. Geregelt wird das von einer Leitstelle in Rendsburg aus – und am Brokdorfer Leitstand können die Mitarbeiter dann eigentlich nur noch zuschauen. Auf volle Tage hochgerechnet, sei Brokdorf im vergangenen Jahr deshalb fast 24 Tage lange gar nicht am Netz gewesen – außerplanmäßig. 2014 waren es nur 12,4 Volllasttage, die in der Endabrechnung fehlten, im Jahr davor sogar nur 4,7. Die viele Jahre lange kommunizierten Rekordmengen in der Stromproduktion wird die inzwischen eher „fremdgesteuerte“ Anlage wohl nie wieder erreichen.

„Die Anlage kann ohne Not bis auf 60 Prozent ihrer Leistung heruntergefahren werden“, beschreibt Jorden die Bandbreite der alltäglichen Schwankungen. Technisch sei das kein Problem. Jorden räumt allerdings ein, dass es einzelne Komponenten in der Anlage gibt, die durch das ständige Auf und Ab mehr belastet werden. Immerhin: Durch die erzwungene Produktionsdrosselung wird auch Brennstoff gespart. „Da gibt es aber noch Streit, in welcher Höhe hier die Erstattung erfolgen soll.“

Abgesehen von konkreten Mengenreduzierungen bekommen Brokdorf und auch alle anderen Kraftwerke in Deutschland auch dafür Geld, dass sie insgesamt zur Stabilisierung des Systems beitragen. Jorden: „Die Vergütung ist dabei aber keine Frage der Quantität, sondern der Qualität.“ Mit anderen Worten: Das Kernkraftwerk bekommt auch Geld dafür, dass es seinen Beitrag dazu leistet, das Netz stabil zu halten und damit den erforderlichen Bedarf von Strom sicherzustellen. Um das komplizierte Ver- und Berechnungssystem komplett zu machen, gibt es sogar Fälle, in denen Brokdorf Zahlungen an den Netzbetreiber leisten muss. Nämlich immer dann, wenn Ersatzstrom an einer anderen, weniger netzkritischen Stelle in Deutschland eingespeist werden muss. Was Brokdorf dann an Geld spart, fließt zurück an den Netzbetreiber.

Bis zum vorgegebenen Abschalttermin im Jahre 2021 wird sich wohl weder an dem ständigen Rauf- und Runterfahren des Kraftwerks, noch an den hin und her fließenden Zahlungen viel ändern. Die Südlinktrasse kommt für Brokdorf viel zu spät, um überzähligen Strom nach Süddeutschland schaffen zu können. Und auch das neue Umspannwerk in Nortorf wird keinen großen Einfluss mehr nehmen können. Hier gibt es morgen den ersten Spatenstich.

Obwohl es für die Verluste an Einnahmen Entschädigungen gibt, wäre Uwe Jorden eine Vollauslastung des Brokdorfer Kraftwerks aber in jedem Fall sehr viel lieber. Zum Wochenende hin startet er mit seiner Mannschaft dann auch erst mal wieder durch. Dann ist die alljährliche Revision zu Ende und die Anlage kann wieder hochgefahren werden – soweit, wie der Netzbetreiber es zulässt.

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