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Habeck für Sedierung : Enthornung von Kälbern: Reicht ein Schmerzmittel aus?

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Medikamentöses Besänftigen vor dem Eingriff – Landwirtschaftsminister Habeck denkt über eine Verpflichtung nach.

Kaaks | Ein Schimpfwort wie Hornochse kann man jetzt getrost aus jedem Wortschatz streichen: Das Gros der Rinder hat nämlich gar keine Hörner mehr. Bereits wenige Wochen nach ihrer Geburt wird die Masse der Kälber in Schleswig-Holsteins Ställen mit einem bis zu 700 Grad heißen Brenneisen enthornt. Spätestens seit flächendeckender Einführung der Laufställe ist das für Landwirte gängige Praxis – über die man in der Öffentlichkeit allerdings nicht so gerne spricht. Die Rinder des Jahres 2015 entsprechen nämlich so gar nicht der in der Werbung propagierten Bullerbü-Romantik.

„Ich spreche lieber vom Veröden der Hornanlagen“, versucht Bauern-Vizepräsident Peter Lüschow am Montag bei einem Besuch von Landwirtschaftsminister Robert Habeck auf dem Hof von Marco und Daniela Fels in Kaaks (Kreis Steinburg) ein fachgerechtes Bild von einem Vorgang zu zeichnen, bei dem es letztlich um das Wohl der Tiere geht. Seit vergangenen Dezember ist vor dem Enthornen die Verabreichung von Schmerzmitteln Pflicht. Lüschow versichert: Die Mehrheit seiner Berufskollegen habe das auch vorher schon so gehalten.

Habeck und auch die Konferenz der Agrarminister wollen noch einen Schritt weiter gehen. Die Tiere sollen vor dem Einsatz des Brenneisens sediert, sprich: medikamentös ruhig gestellt werden. Bei Landwirten nicht überall beliebt: Bei den Tieren drohen Verdauungsprobleme, im Winter Verkühlungen.

Marco Fels demonstriert beide Verfahren am praktischen Beispiel. „Das ist doch nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte“, kommentiert Habeck, als der 40-jährige Landwirt Kälbchen Siggi in die Box packt und fast schon liebevoll den Kopf fixiert. Rund um die kleinen Hornansätze wird das Haar abrasiert, dann drückt und dreht Marco Fels das Brenneisen. Sekunden später ist alles vorbei. Habeck zollt Landwirt Fels Respekt für seine Demonstration in aller Öffentlichkeit: „Das ist mutig und ehrenhaft.“

Inzwischen wirkt auch das Beruhigungsmittel bei Smarty, Solita und der Süßen. Diese Kälber sind schon fünf Wochen alt, mit der Enthornung wurde auf den Besuch von Habeck gewartet. Routinierte Handgriffe auch hier. Dann brauchen die Kälber allerdings eine gute Stunde, um wieder auf die Beine zu kommen. „Gerne mache ich diese Arbeit auch nicht“, räumt Marco Fels ein, dass die Enthornung nicht gerade zu den Lieblingsbeschäftigungen auf dem Hof zählt. Um in den Laufställen allerdings Verletzungsgefahren für Tier – und auch Mensch – vorzubeugen, gebe es keine andere Möglichkeit. Abschließendes Urteil von Habeck: „Ich tendiere dazu, das Sedieren verpflichtend zu machen, werde darüber aber noch einmal nachdenken.“ Schließlich, so erklärt er weiter, müsse sich auch zum Wohl der Tiere jeder technische und medizinische Fortschritt auf den Höfen widerspiegeln.

Nach Peter Lüschow müsse aber nicht alles immer sofort umgesetzt werden: „Nicht jede neue Erkenntnis ist auch gut für die Tiere und für die Bauern.“ Seine Empfehlung: Den Landwirten solle es freigestellt bleiben, welche Methode sie anwenden. In 20 Jahren, so seine Schätzung, könnte sich das Thema ohnehin von selbst erledigt haben. Erste Züchtungen von hornlosen Rindern gibt es schon. In einigen Tiergenerationen könnten sie sich komplett durchgesetzt haben.

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erstellt am 14.Apr.2015 | 07:45 Uhr

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