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Norddeutsche Rundschau

11. Dezember 2017 | 18:41 Uhr

Registriert : Endlich ein Dokument

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Ab sofort werden Flüchtlinge direkt in der Itzehoer Notunterkunft registriert. Sechs Wochen warten sie auf einen Termin.

von
erstellt am 14.Nov.2015 | 07:00 Uhr

Eine Menschentraube steht vor dem Verwaltungsgebäude der ehemaligen Prinovis-Druckerei, junge Männer schauen auf ihre Smartphones, Kinder sitzen auf den Treppenstufen. Ein afghanisches Ehepaar mit seiner vierjährigen Tochter ist seit zwei Stunden unter den Wartenden. Vater und Mutter sind angespannt, das Kind quengelt. Ende September sind sie in die Itzehoer Notunterkunft eingezogen, seitdem warten sie auf ihre Registrierung. Gestern Morgen ist es so weit: Sachbearbeiter Florian Werner bittet sie hinein in sein Büro.

Die Familie nimmt vor dem Schreibtisch Platz. Für das kleine Kind holt Werner Buntstifte und Papier aus einer Schublade. Erste Frage an die Eltern: „Do you speak English?“ – „Yes“, antwortet der Ehemann. Die Erleichterung ist Florian Werner anzusehen. Er kann sich direkt mit den Flüchtlingen unterhalten. Für alle Fälle sitzt dennoch ein ehrenamtlicher Übersetzer an seiner Seite.

Werner ist einer von vier Beamten, die seit einigen Tagen im Auftrag des Landesamts für Ausländerangelegenheiten Flüchtlinge in der Itzehoer Notunterkunft registrieren. Bislang wurden die Flüchtlinge ausschließlich mit Bussen nach Neumünster gefahren, dort registriert und anschließend wieder zurück nach Itzehoe gebracht. „Wir sind froh, dass wir jetzt endlich Arbeitsplätze zur Registrierung vor Ort haben“, sagt die Sprecherin des Landesamtes, Magdalena Drywa. Dort werden ab sofort nicht nur die Bewohner der Itzehoer, sondern auch der Kellinghusener Notunterkunft offiziell erfasst.

Die Beamten, die in Itzehoe eingesetzt sind, wurden kurzfristig bei anderen Behörden oder bei der Bundeswehr ausgeliehen. Florian Werner arbeitet eigentlich beim Finanzamt Dithmarschen. In einem eintägigen Crashkurs wurde er auf das Registrieren der Flüchtlinge vorbereitet. Für diese Aufgabe braucht er vor allem eines: viel Geduld.

Nach und nach fragt er Namen, Herkunftsort, Geburtsdatum und Sprachkenntnisse der drei Afghanen ab, die vor ihm sitzen. Einige Angaben kann er aus dem roten Bewohnerausweis abschreiben, einem provisorischen Dokument, das die Flüchtlinge beim Einzug in die Unterkunft erhalten haben, die von den Johannitern betreut wird. Einen offiziellen Ausweis hat keiner von ihnen – so wie die meisten der gut 1000 Flüchtlinge, die bisher hierher gekommen sind. Doch darauf komme es bei der Registrierung nicht an: „Wir glauben erst einmal, was uns erzählt wird“, sagt Magdalena Drywa. Die Angaben zu überprüfen, sei später Sache des Bundesamts für Flüchtlinge, wenn das Asylverfahren laufe. „Wir notieren nur: Hier ist jemand, der einen Asylantrag stellen möchte.“

Das möchte auch die afghanische Familie – am liebsten noch heute. Doch Florian Werner muss den Flüchtlingen ihre Illusionen nehmen: Einen Termin im August 2016 kann er den Dreien anbieten. Dann müssten sie persönlich in der Außenstelle des Bundesamtes in Neumünster erscheinen.

Der Vater schluckt, und die Mutter fragt sofort ängstlich nach: „Müssen wir jetzt also neun Monate in der Notunterkunft bleiben?“ Werner kann sie beruhigen: „Schon in wenigen Wochen können Sie das Camp verlassen und werden einer Gemeinde zugewiesen, wo sie wohnen können. Vielleicht sogar in Elmshorn.“ Dort hat die Familie bereits einen Freund. Die Afghanen würden gerne in seiner Nähe wohnen. Auf solche Wünsche versuche das Landesamt in der Regel einzugehen. Gut zwei Wochen nach der Registrierung werde den Flüchtlingen mitgeteilt, welcher Gemeinde sie zugewiesen werden. Die Mutter ist erleichtert.

Zum Abschluss des Gesprächs erhält jedes Familienmitglied eine weiße Karte von Florian Werner, einen sogenannten Hausausweis mit Foto, Namen und Geburtsdatum. Das erste amtliche Dokument in Deutschland, mit dem sich die Flüchtlinge ausweisen können, sei es bei der täglichen Essensausgabe in der Unterkunft oder beim Verteilen des monatlichen Taschengelds, das sie ab sofort erhalten. 143 Euro stehen einem allein stehenden, erwachsenen Flüchtling gesetzlich zu.

Als der afghanische Familienvater die Dokumente entgegen nimmt, fällt die Anspannung von ihm ab. Seine Tochter legt die Buntstifte weg und springt auf. Dankbarkeit steht dem Vater ins Gesicht geschrieben: „Thank you so much“, sagt er, lächelt den Sachbearbeiter an und verlässt den Raum.

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