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DRUCKEREI SCHLIESST : Ende einer Ära: Abschied von Prinovis

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Nach 90 Jahren endet die Geschichte des Tiefdrucks in Itzehoe. 500 Kollegen nehmen die Mitarbeiter der letzten Schicht in Empfang.

Es war ein langsamer Tod. Mehr als 14 Monate lagen zwischen jenem rabenschwarzen 6. Februar 2013, als in einer Betriebsversammlung das Aus verkündet wurde, und der letzten Schicht in der Druckerei Prinovis. Viele kleine Abschiede lagen bereits hinter den Mitarbeitern, als am Mittwoch kurz vor 20 Uhr die letzten 40 Beschäftigten das Werk verließen: Langjährige, lieb gewonnene Kollegen gingen, große Druckaufträge, die über Jahrzehnte den Arbeitsalltag prägten, wurden nach und nach an andere Standorte verlagert. Statt Stern, Spiegel und Brigitte oder große Versandhauskataloge waren es am Ende nur noch kleine Prospekte, die gedruckt wurden. Ein Teppich-Prospekt und der dünne Katalog eines Elektronik-Versands waren die letzten beiden Aufträge.

Und so war es nicht nur Traurigkeit, die bei der Abschiedsparty zu spüren war, sondern auch Erleichterung. Nach Monaten, in denen die Mitarbeiter erst um ihre Arbeitsplätze und dann für einen guten Sozialplan gekämpft hatten, in denen sie um ihre Zukunft bangten und trotzdem bis zuletzt stets zuverlässig gearbeitet haben, war die Luft raus.

„Nach all der Trostlosigkeit in den vergangenen Wochen bin ich beinahe froh, dass es endlich zu Ende ist“, sagte Betriebsrat Torben Mey in seiner Abschiedsrede. „Die letzte Zeit im Werk war nicht mehr schön.“ Trotz der langen Zeit, in der man sich auf den Tag X habe vorbereiten können, „falle ich in ein riesiges schwarzes Loch und bin unendlich traurig, dass es so gekommen ist“.

Doch zu jeder Trauerarbeit gehöre auch, dass man sich wieder aufrichte, betonte Mey. Die Frage, ob der falsche Standort geschlossen werde, sei berechtigt, doch sie ändere nichts daran: „Unsere Arbeitsplätze sind futsch!“ Es gehe nun darum, „einen Weg aus der Druckindustrie zu finden“. Der für die Druckindustrie einmalige Sozialplan, der erstritten wurde, sorge zumindest dafür, dass viele nicht ganz so sorgenvoll in die Zukunft schauen müssten.

Nicht alles sei schlecht gewesen, sagte Torben Mey und betonte: „Niemand von uns ist verantwortlich für das, was heute sein Ende findet. Es war eine rein betriebswirtschaftliche Entscheidung.“

Diese bezeichnete Verdi-Fachbereichsleiter Martin Dieckmann als eine Schande. Sie zeige die „moralische Verkommenheit“ von Großkonzernen wie Bertelsmann, der die Mehrheit an Prinovis hält. Die Schließung sei nicht auf Missmanagement zurückzuführen. „Sie war gewollt. Die Schuldigen sitzen in Gütersloh. Und Ihr ward nur die ersten Opfer.“

Doch dem gegenüber stehe der Stolz all derer, „die bis zum Ende gearbeitet haben, als wäre es ihr Werk“. Bertelsmann könne zwar Arbeit vernichten, aber nicht die Würde der Mitarbeiter. „Die habt Ihr Euch nicht nehmen lassen. Ihr seid eine wunderbare Belegschaft. Seht nicht zurück, aber vergesst auch nicht Eure Einigkeit in der Not.“

Auch Bürgermeister Dr. Andreas Koeppen kritisierte den Konzern. Dass sich bis heute kein Vertreter bei der Stadt gemeldet habe, um wenigstens zu fragen, wie vielleicht wieder Arbeitsplätze in der Region geschaffen werden könnten, zeige „wie weit sie von den Menschen weg sind, wie wenig sie sich dafür interessieren, was hier passiert.“

Mit der Schließung der Druckerei „geht auch ein Teil der Geschichte Itzehoes zu Ende“, sagte Koeppen. Doch man dürfe nicht resignieren. „In der Stadt dürfen nicht die Lichter ausgehen.“ Vielmehr müsse für neue Arbeitskräfte in der Region gekämpft werden – und für eine neue Nutzung des Geländes.

Doch in den Gesichtern der Mitarbeiter war zu lesen, dass sie wissen: Für die meisten von ihnen war es das letzte Mal, dass sie durch dieses Tor liefen. Zeiten wie damals, als Prinovis noch Gruner-Druck war und Aufkleber „Ick bün bi Gruner“ die Verbundenheit zum Unternehmen dokumentierten, wird es nicht mehr geben. Und ganz sicher wird in den Hallen nie wieder der stolze Buchdruckergruß erklingen, den Torben Mey ihnen noch einmal mit auf den Weg gab: „Gott grüß die Kunst!“

 


Was wird aus den Mitarbeitern?


Rund 1000 Mitarbeiter sind von der Schließung betroffen. Was wird aus ihnen? Betriebsrat Helmut Böttger nannte die aktuellen Zahlen: Von den 700 eigenen Beschäftigten haben 120 bereits vor dem 1. Mai den Betrieb verlassen. Etwa zehn wechselten an andere Standorte, der Rest hat einen neuen Arbeitsplatz gefunden. Durch „die gute Unterstützung des Arbeitsamtes“, das seit November mit bis zu fünf Mitarbeitern im Werk war, können 22 Beschäftigte eine Umschulung beginnen. Mit 408 Kollegen wird der größte Teil der Belegschaft in die Transfergesellschaft gehen. Weitere 70 Mitarbeiter werden bis März 2015 den Rückbau der Anlagen begleiten. In die Transfergesellschaft für die Mitarbeiter mit Leiharbeits- und Werkverträgen wechseln etwa 230 Personen. Neun Drucker der Werkvertragsmaschinen wechseln nach Ahrensburg, um dort, so Helmut Böttger, „eine Rotationsmaschine unter den gleichen schlechten Arbeitsbedingungen zu betreiben.“

Völlig unklar seien derzeit noch die Auswirkungen auf die Zulieferbetriebe – von der Bäckerei über Handwerksbetriebe bis hin zu Speditionen.

 

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erstellt am 02.Mai.2014 | 05:00 Uhr

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