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Norddeutsche Rundschau

18. Dezember 2017 | 21:48 Uhr

Archiv : Einzelkämpfer gegen das Vergessen

vom
Aus der Redaktion der Glückstädter Fortuna

Klaus-Dieter Westphal führt das Archiv der Gemeinde Brokstedt / Der 74-Jährige hofft auf einen eigenen Raum im Plietschhus

Material sammeln, erfassen, ordnen und digitalisieren. Klaus-Dieter Westphal führt einen „Kampf gegen das Vergessen“, wie er selbst seine ehrenamtliche Tätigkeit beschreibt. Der 74-Jährige ist der Archivar der Gemeinde Brokstedt – und damit Verwalter der örtlichen Geschichte, die 1538 mit der ersten urkundlichen Erwähnung in einem Zahlungsbuch begann. Und die Geschichte ist reich an Fakten und Material – so ist der ehemalige Finanzbeamte durchschnittlich vier Stunden am Tag für die Gemeinde aktiv. Die Zeit reicht für den Alleinkämpfer eigentlich gar nicht aus: „Hier liegt noch Arbeit für mindestens 50 Jahre.“

Der gebürtige Hamburger Klaus-Dieter Westphal wohnt seit Mitte der 70er Jahre in Brokstedt und engagierte sich über die SPD schnell in der Gemeindevertretung und auch im Steinburger Kreistag. Über seinen Brokstedter Fraktionskollegen Gerd Meier kam Westphal näher mit der Geschichte der Gemeinde in Berührung, denn Meier sammelte sämtliches Material über den Ort. Ab 2006 arbeitete Westphal im Arbeitskreis Archiv mit, jetzt ist er allein. Zwischenzeitlich bestellte ihn die Gemeindevertretung ganz offiziell zum Archivar.

Eine wichtige Aufgabe ist es für Westphal, Struktur in das vorliegende Material zu bekommen. Dies falle ihm jedoch leicht, denn er habe als Finanzbeamter eine „strukturierte Denke“. Jedes Teil, jedes Dokument und jedes Protokollbuch wird erfasst und katalogisiert, so dass Westphal und spätere Nutzer anhand einer Übersicht genau wissen, wo etwas zu finden und wo es eingeordnet ist. Wer die Namen von Bürgermeistern und Amtsvorstehern sucht, wird genauso fündig wie Familien, deren Chroniken erfasst sind. Vereine, Verbände, Gebäudekataster, Dorffeste und Wettbewerbe sowie Bürgermeisterbriefe, alles ist festgehalten, erfasst und – falls vorhanden – als Original abgelegt. Erfasst wird jedoch nur, was auch zu belegen ist. „Quellen sind mir ganz wichtig.“

Während Gerd Meier sich überwiegend mit der Entwicklung der acht Hufe (Hofstellen) befasst hat, deren Besitzer- und Bewohner-Namen fast lückenlos bis 1538 zurückverfolgt werden können , widmet sich Klaus-Dieter Westphal vor allem der Protokolle der Gemeinde und der ehemaligen Ämter Sarlhusen und Brokstedt. Ab 1870 wurden alle Sitzungen der Gemeindevertretung und der Gremien schriftlich festgehalten – zuerst in so genannten Protokollbüchern mit handschriftlichen Eintragungen, später in Schreibmaschinenschrift auf losen Blättern. Die Schwierigkeit beginnt dabei mit der Handschrift des Amtsschreibers, die Westphal bei den ersten Protokollbüchern entziffern musste. „Mittlerweile kann ich die Schrift fast fließend lesen“, sagt der Archivar, dies sei in der ersten Zeit anders gewesen. Die Protolle werden nach der Entzifferung in den Computer übertragen, ausgedruckt und dann als Buch gebunden. Mittlerweile ist Westphal schon bis 1974 gekommen, acht Bücher sind erfasst und gebunden, am neunten arbeitet er. Die Buchform ist ihm wichtig – denn gebunden hielten sich die Protokolle 100 Jahre und länger. Bei Computer und CDs wisse man dies nicht. Und warum macht sich Klaus-Dieter Westphal diese mühselige, für ihn aber spannende Arbeit? „Damit andere sehen können, wie Entscheidungen zustande gekommen sind und damit sie ein anderes Verständnis dafür bekommen.“ Parallel zu den Gemeindeprotokollen arbeitete Westphal auch die Protolle des Amtes auf, denn Brokstedt sei ein Teil davon. Dieses 800 Seiten dicke und fertiggestellte Werk beginnt 1889 beim Amt Sarlhusen, wird 1948 mit dem Amt Brokstedt fortgeführt und geht bis 1970, als das Amt Kellinghusen-Land entstanden ist.

Die Arbeit von Westphal hat auch ganz praktischen Nutzen: Durch seine Arbeit wurde die erste Urkunde entdeckt, so dass die Gemeinde 2013 ihre 475-Jahr-Feier ausrichten konnte. „Und ein Verein hat seine Jubiläumsfeier verschoben, weil ich ein anderes Gründungsdatum herausbekommen habe“, betont Westphal.

„Die Arbeit macht mir höllisch Spaß“, sagt der Brokstedter über seine Archivar-Tätigkeit. Die Freude wird allerdings etwas getrübt, denn der 74-Jährige musste bisher immer seine Privaträume und seinen eigenen Computer und Drucker zur Verfügung stellen. „Das Archiv ist nicht mein privates, sondern das Archiv der Gemeinde. Und dies muss auch öffentlich zugänglich gemacht werden.“

Im neuen Plietschhus, das aus der Schule hervorgegangen ist, sollte Westphal eigentlich einen geeigneten Platz für sein Archiv erhalten. Vorgesehen war die Seniorenbücherei, doch da wurde es bald zu eng. Deshalb hat er das Archiv kurzfristig geschlossen. Aber ein anderer Raum, 15 Quadratmeter groß, würde seinen Vorstellungen entsprechen. Dort könnte er die Dokumente und Papiere in Schränken lagern und hätte auch Platz für Computer und einige Ausstellungsstücke. Allerdings müsste die Gemeinde den Raum noch entsprechend herrichten. Und darauf hofft der 74-Jährige. „Denn ein Archiv ist ein Platz für tote Dinge, die wieder zum Leben erweckt werden können.“

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