Papierfabrik bei Nacht : Eintritt in eine andere Welt

Von jeder fertigen Papierrolle werden Proben genommen. Da man sich wegen der Lautstärke der Papiermaschine nicht unterhalten kann, gibt Martin Traczuk Luisa Egge Handzeichen.  Fotos: Strobel
Von jeder fertigen Papierrolle werden Proben genommen. Da man sich wegen der Lautstärke der Papiermaschine nicht unterhalten kann, gibt Martin Traczuk Luisa Egge Handzeichen. Fotos: Strobel

Die Atmosphäre in der Glückstädter Papierfabrik Steinbeis ist extrem: Hitze, Lautstärke und schweres Gerät treffen aufeinander – Tag und Nacht.

von
11. Juli 2018, 05:00 Uhr

In unserer Serie Nachtschicht begleiten wir Menschen, die nachts arbeiten. Heute: In der Papierfabrik Steinbeis läuft die Maschine PM 6 Tag und Nacht. Die Produktion steht nicht still – nur, wenn ein „Abriss“ des Papiers dazwischenkommt. Wir haben die Mitarbeiter bei einer Nachtschicht begleitet.

Seinen Dienst beginnt Schichtleiter Salvatore Lombardo mit einem Rundgang. Seit er 16 Jahre alt ist, arbeitet er als Papiermacher bei Steinbeis. „Ich führe eine Familientradition weiter“, erzählt er. Von der klimatisierten „Kommandozentrale“ geht er hinein in die Hitze. Wärme und Kälte treffen aufeinander und so läuft Lombardo wie gegen eine Wand. Er kramt nach seinem Gehörschutz. Über seinem Kopf befindet sich ein Labyrinth aus Rohren, teilweise sind sie kreideweiß von der Papierfarbe. Durch die Ohrstöpsel und die Hitze fühlt sich Lombardos Gang durch die Fabrik an, als wäre er unter Wasser in einem U-Boot – die Geräuschlosigkeit hüllt ihn in ein Vakuum, wie betäubt wandert er durch die Enge. In der Halle ist es extrem feucht, weil zur Papierherstellung enorm viel Wasser benötigt wird. Lombardo hält an, geht näher an die riesige Maschine heran und verschwindet fast zwischen den Rohren und Metallbarrieren. Dann taucht er wieder auf und marschiert weiter.

Zurück in der „Kommandozentrale“ ist er nass geschwitzt, obwohl er höchstens zehn Minuten unterwegs war. Er rollt einen Bürostuhl herbei, schlürft seinen heißen Kaffee und klickt konzentriert mit der Maus auf verschiedene Bildschirme. 28 Stück hat er davon vor sich. Es sieht aus wie im Cockpit eines Raumschiffes, dabei kontrollieren sie alle nur eine Maschine.

Plötzlich wird Lombardos Kontrolleinsatz jäh unterbrochen. Eine Sirene ertönt, so laut, dass sie über die ohrenbetäubenden Geräusche der Maschine hinweg zu hören ist. Außerdem blinken Alarmsignale in der ganzen Halle. Er springt auf, Kollegin Luisa Egge sprintet bereits an ihm vorbei: „Zuerst muss ich bei Alarm zur Papiertrocknung rennen. Das Papier läuft dort auch über einen Infrarottrockner. Dort kann es auch schon mal schnell brennen, wenn das Papier abreißt“, erklärt sie später. Dann fliegen zahlreiche, extrem lange Papierschlangen durch die Luft. Fetzen werden in die Höhe gewirbelt und landen, wie Schnee auf dem Boden.

Mit Greifarmen und Schutzbrillen nähern sich die Mitarbeiter der Maschine, dann ziehen sie das abgerissene Papier aus den Fängen der Walzen. „Wollen wir mal hoffen, dass das Papier jetzt nicht die ganze Nacht dauernd abreist“, sagt Lombardo, und in der Stimme klingt eine leise Vorahnung. In der Schicht wird es noch vier Mal vorkommen, und das ist oft. „Die Maschine ist immer für eine Überraschung gut.“

Eine neue Charge wird angestellt, die halb fertige Rolle abtransportiert. Über einen Kran lenkt Egge den Papier-Koloss durch die Halle. Sie streichelt im Vorbeifliegen über das Papier. „Die Rollen haben einen Durchmesser von bis zu 2,5 Metern und wiegen über vier Tonnen“, brüllt sie – wegen der Ohrstöpsel ist sie dennoch kaum zu verstehen. Nach der Aufregung bewegen sich die Mitarbeiter wieder in ihrem Vakuum durch die Halle.

Mark Neumann, ein weiterer Gehilfe des Maschinenführers, zieht sich zurück. Mit Proben unter dem Arm verschwindet er im Labor. Dort ist es kühl und hell. Doch nicht lange verweilt er dort, um pH-Wert und Viskosität des Papiers zu überprüfen. Er öffnet eine schwere Tür und stampft mehrere Treppen hinunter, bis er direkt unter der Maschine steht. Dort trifft er auf Lombardo, der seinen Rundgang vorsetzt. Es ist nass, und Feuchtigkeit liegt in der Luft. Fässer mit Chemikalien stapeln sich und über dem Kopf drehen sich unaufhörlich die Walzen der Maschine. Neumann geht bis ans Ende des Kellers und plötzlich steht er draußen. Es ist stockdunkel. Einatmen und zurück in die Maschine – ausatmen.

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen