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Norddeutsche Rundschau

17. Dezember 2017 | 11:45 Uhr

Justiz : Einsamer Kampf um Gerechtigkeit

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Bernd Bei wollte helfen und wurde schwer verletzt: Das Gericht gibt ihm eine Mitschuld.

Der 9. Juni 2004 ist Bernd Beis Schicksalstag. Der 52-jährige ehemalige Kraftfahrer wollte nur helfen und steht heute vor dem Scherbenhaufen seines Lebens. Seit 2006 ist er erwerbsunfähig und zu 60 Prozent schwerbehindert. Seit elf Jahren kämpft Bei um Schmerzensgeld und Schadensersatz. Jetzt schob das Oberlandesgericht Schleswig Beis Streben nach Gerechtigkeit einen Riegel vor, indem es seinem Antrag auf Prozesskostenhilfe mangels Erfolgsaussicht negativ beschied. Bei wollte gegen ein Urteil des Landgerichts Itzehoe vorgehen. Der dortige Zivilrichter hatte ihm Ende März 2014 zwar 8175 Euro Schmerzensgeld und Schadenersatz zugesprochen, ihm zugleich aber ein gehöriges Maß an Mitverschulden in Höhe von zwei Dritteln attestiert.

Der Reihe nach. 2004 lebte Bei noch mit Frau und Sohn im Eigenheim in St. Michaelisdonn. Ruth R. (Name geändert) war seinerzeit auf der Flucht vor ihrem Ehemann aus Süddeutschland in den Norden gezogen, in die Nachbarschaft von Bei. Die Familie half der Frau, Fuß zu fassen in Dithmarschen. Am Nachmittag des 9. Juni 2004 betritt Ralf R. (53, Name geändert) trotz Hausverbot Beis Grundstück, setzt sich in den dort abgestellten Renault Clio seiner Ehefrau und will losfahren. Bei, seine Frau und sein Sohn schlagen aufs Dach des Clio, fordern Ralf R. zum Aussteigen auf. Der aber fährt rückwärts die Auffahrt herunter. Familie Bei läuft nun zur Vorderseite des Clio, Ralf R. fährt an, Bernd Bei gerät an seinem 60 Zentimeter hohen Gartenzaun in die Enge.

,,Ich musste auf die Kühlerhaube springen“, erinnert sich Bei. Ein Gutachter sagt später, er hätte durch Übersteigen des Zauns ausweichen können. Hieraus resultiert die vom Gericht erkannte Mitschuld Beis an den folgenden Ereignissen: Er hält sich an Antenne und Scheibenwischer fest. Mit quietschenden Reifen fährt Ralf R. los. In der zweiten Kurve an der Ecke Westerstraße/ Zwischenstraße fliegt Bei nach genau 148 Metern Horrorfahrt von der Haube, knallt mit dem Kopf gegen den Bordstein und bleibt mit einer Hirnblutung schwer verletzt liegen. Bis zu 60 km/h schnell soll Ralf R. mit ihm auf der Haube gefahren sein. Gutachter gehen später von 20 bis 30 Kilometern pro Stunde aus. Das Gericht erkennt darin ein Verschulden von Ralf R. Er hätte hupen, anhalten oder nur Schrittgeschwindigkeit fahren können, um Bei nicht zu gefährden, nachdem der auf die Haube gesprungen war.

Strafrechtlich muss sich Ralf R. zunächst im August 2005 vor dem Amtsgericht Meldorf verantworten. Wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr sowie gefährlicher Körperverletzung und Nötigung verurteilte Amtsgerichtsdirektor Christian Korf als Vorsitzender des Schöffengerichts Ralf R. damals zu eineinhalb Jahren Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. „Das war für Herrn Bei bestimmt keine Spazierfahrt; der hat da tausend Tode durchlitten“, erkannte Korf seinerzeit. Ralf R. arbeitet im öffentlichen Dienst. Jedes Urteil über einem Jahr Haft hätte sein berufliches Ende bedeutet. Deshalb mildert das Landgericht Itzehoe in der Berufungsverhandlung im Mai 2006 das Strafmaß auf ein Jahr ab. So kann er seinen Job behalten, auch um Schmerzensgeld zu leisten. „So bitter, wie es ist: Das Opfer spielt im Strafrecht eine Nebenrolle“, konstatierte Strafrichter Jürgen Engelmann.

,,Damals fand ich das Urteil okay, heute finde ich, es ist ein Witz. Meine Hilfe gegenüber der Ex-Frau des Angeklagten hat mir körperlich, psychisch und finanziell mein Leben versaut“, sagt Bernd Bei heute. Er ist psychisch krank und fand lediglich für wenige Jahre noch einen Minijob.

Finanziell geriet seine Familie nach der Tat in große Not. Ihr Haus in St. Michel mussten sie verkaufen, heute wohnen Bernd und Birgit Bei in Brunsbüttel zur Miete. Zwar erhielt er nach dem Unfall 19  000 Euro von der Versicherung der Halterin des Clio. Und 2014 bekam er 8175 Euro vom Landgericht zugesprochen, die Ralf R. zahlen muss. Bei findet, das sei viel zu wenig. ,,8000 Euro hatte ich in den Jahren allein an Zuzahlungen für Medikamente und Ärzte“, sagt er. Der 52-Jährige leidet an Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, darf am Straßenverkehr nicht teilnehmen. ,,Mir wurde mein Führerschein als Folge meiner Zivilcourage entzogen.“ Er kann nicht abschließen, will gerne weiter auf der Suche nach Gerechtigkeit klagen. In einer Sache aber ist Bernd Bei sich sicher: ,,Ich würde mich heute in keine Streitigkeiten mehr einmischen, höchstens noch die 110 wählen.“



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