Dienstags-Interview : Eingriff in den Biorhythmus

Betreut als Betriebsarzt auch Nachtarbeiter: Frank Ballasejus ist Facharzt für Arbeitsmedizin.
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Betreut als Betriebsarzt auch Nachtarbeiter: Frank Ballasejus ist Facharzt für Arbeitsmedizin.

Der Arbeitsmediziner Frank Ballasejus spricht über die Auswirkungen von Nachtarbeit.

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05. Juni 2018, 05:05 Uhr

In unserer Serie Nachtschicht begleiten wir Menschen, die nachts arbeiten. Doch wie wirkt sich Nachtarbeit medizinisch aus? Das erklärt Frank Ballasejus im Interview. Er ist Facharzt für Arbeitsmedizin in der Itzehoer Niederlassung des Werkarztzentrums Mittelholstein. Als früherer Klinikarzt hat der 54-Jährige selbst viele Jahre lang Nachtschichten geleistet. Heute betreut er Mitarbeiter von Brunsbütteler und Itzehoer Betrieben.

Herr Ballasejus, hat Nachtarbeit Auswirkungen auf die Gesundheit?

Frank Ballasejus: Ja, ganz erhebliche Auswirkungen. Nachtarbeit ist ein Eingriff in den normalen Biorhythmus des Menschen. Das kann Schlaflosigkeit hervorrufen, aber auch Beeinträchtigungen der Magen-Darm-Funktion, des vegetativen Nervensystems und des Herz-Kreislaufsystems.

Wie können Betroffene gesundheitlichen Schäden vorbeugen?

Das ist stark von der jeweiligen Tätigkeit abhängig. Grundsätzlich wird empfohlen, während der Nachtschicht eher leichte Kost zu essen. Außerdem sollten Nachtarbeiter dafür sorgen, dass sie tatsächlich wach bleiben und beispielsweise gute Lichtverhältnisse schaffen. So stellen sie sicher, dass sie am nächsten Morgen tatsächlich müde sind und ihren Erholungsschlaf antreten können.

Wie funktioniert der Schlaf tagsüber am besten?

Am wichtigsten ist, möglichst Dunkelheit und eine ruhige Umgebung zu schaffen. Familie und Nachbarn sollten die Betroffenen über ihre Nachtschicht informieren und zum Beispiel besprechen, wann der Rasen gemäht wird.

Wie können Unternehmen die Nachtschichten für ihre Mitarbeiter möglichst verträglich gestalten?

Die Unternehmen sollten Expertenempfehlungen zur Gestaltung des Schichtsystems ernst nehmen. Sie sehen unter anderem eine sogenannte Vorwärtsrotation vor. Das bedeutet: Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht. In dieser Reihenfolge gelingt es am ehesten, den Biorhythmus gewissermaßen zu überlisten. Die einzelnen Schichtblöcke sollen möglichst kurz sein, also zum Beispiel zwei Tage Früh-, zwei Tage Spät- und zwei Tage Nachtschicht. Danach sollten jeweils möglichst mehrere freie Tage am Stück folgen.

Wochenblöcke sind also nicht mehr zeitgemäß?

Zumindest wenden sich immer mehr Unternehmen davon ab. Aber zu beachten ist auch: Das beste Schichtsystem der Welt taugt nicht, wenn die Mitarbeiter nicht mit im Boot sind. Die Unternehmen sollten Veränderungen daher gut mit ihren Mitarbeitern besprechen. Möglich ist auch ein Probelauf für einen begrenzten Zeitraum. Wenn sich dabei herausstellt, dass die Mehrheit der Mitarbeiter lieber mit Wochenblöcken, als mit Zwei-Tages-Blöcken lebt, dann ist es im Zweifel gesünder, dabei zu bleiben.

Wann ist Nachtarbeit nicht mehr zumutbar?

Da gibt es keine vorgeschriebenen Grenzen. Die Entscheidung liegt letztlich im Ermessen des Betroffenen und des behandelnden Arztes, der dann eine entsprechende Empfehlung an den Arbeitgeber aussprechen kann.

Hat Nachtarbeit auch Vorteile?

Aus medizinischer Sicht definitiv nicht. Natürlich gibt es Menschen, die auch nach 40 Jahren Schichtarbeit noch topfit sind. Aber ein Großteil der Nachtarbeiter hat mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen.

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