minister im Interview : „Eine Stadt mit eigener Handschrift“

... Innovation wie das  Fraunhofer-Institut ISIT mit dem neuen Reinraum prägen das Bild der Stadt.
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... Innovation wie das Fraunhofer-Institut ISIT mit dem neuen Reinraum prägen das Bild der Stadt.

Innenminister Andreas Breitner (SPD) über seinen Eindruck von Itzehoe – und warum die Einwohner ihre Heimat nicht schlecht reden sollten.

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23. März 2014, 08:00 Uhr

Prinovis, Prokon – Itzehoe hat’s nicht leicht. Doch darauf darf man die Stadt nicht reduzieren, warnt Innenminister Andreas Breitner (SPD). Für ihn hat Itzehoe die richtige Mischung aus Tradition und Moderne.

Bei einem Besuch im Itzehoer Rathaus haben Sie kürzlich gesagt, dass Itzehoe die Stadt ist, in der Sie als Innenminister schon am häufigsten waren. Geht es Ihnen trotzdem noch gut?
Breitner: (lacht) Sehr gut sogar. Ein schlechtes Image der Stadt kann ich nicht wahrnehmen. Auch wenn ich im Land unterwegs bin, habe ich über Itzehoe noch nie negative Äußerungen gehört.

Die Stimmung in Itzehoe selbst sieht leider anders aus. Viele Itzehoer lassen kein gutes Haar an ihrer Stadt, Begriffe wie „Itzetod“ machen die Runde. Können Sie diese Haltung verstehen?
Das kann ich überhaupt nicht teilen. Aber ich war neun Jahre Bürgermeister in Rendsburg, einer Stadt vergleichbarer Größe, und dort gab es das gleiche Phänomen: Die Wertschätzung der eigenen Stadt gegenüber ist sehr viel geringer, als wenn man von auswärts kommt. Ich hatte es ganz oft, dass neun auswärtige Besuchergruppen die Stadt über den grünen Klee gelobt haben – und die zehnte Gruppe waren Rendsburger, und ich hatte hinterher das Gefühl einer beginnenden Depression. Vielleicht spiegeln auswärtige Besucher tatsächlich ein objektiveres Bild wider als diejenigen, die es jeden Tag vor Ort sehen und teilweise auch die Vergangenheit verklären. Ich sage immer: Heute ist die gute, alte Zeit von morgen.

Wie ist denn Ihr Eindruck von Itzehoe?
Die Innenstadt wirkt auf mich reizvoll. Sie hat die gesunde Mischung aus Tradition und Moderne, die man auch braucht. Nur Tradition, nur Freilichtmuseum geht nicht – die Stadt muss ja leben und atmen. Aber auf der anderen Seite ist nur modern und nur Arbeit auch zu wenig. Die Menschen müssen sich auch wohl fühlen. Und diese Mischung hat Itzehoe sich bewahrt. Damit unterscheidet es sich von anderen Städten. Die Stadt ist nicht seelenlos, sondern man spürt eine eigene Itzehoer Handschrift.

Unser Fotograf hat kürzlich in Rendsburg mal eben im Vorbeigehen auf recht begrenztem Raum in der Innenstadt 38 Leerstände fotografiert. Offenbar ist Itzehoe mit seinen Problemen nicht alleine...
Insbesondere dort, wo Sie keine Studenten und keine Touristen haben, gibt es schon einmal Probleme mit der Gastronomie. Und wer fährt nach Itzehoe oder Rendsburg in Urlaub? Da kann man noch so tolle Ideen für Städtetourismus entwickeln – in diese Städte kommen die Touristen, wenn an der Küste schlechtes Wetter ist. Dazu kommt das veränderte Kaufverhalten, das nicht nur die Itzehoer und Rendsburger zeigen, sondern auch die Schleswiger oder Husumer. Ich habe drei kleine Kinder. Meine Frau und ich achten sehr darauf, die Dinge vor Ort zu kaufen. Aber ohne Amazon geht es auch bei uns nicht mehr. Andere kaufen alles im Internet. Auch der Einzelhandel auf der grünen Wiese wirkt sich aus, etwa das Outlet-Center in Neumünster oder der Citti-Park in Kiel. Das sind alles Sachen, die dazu führen, dass es die Innenstädte schwer haben. Das gilt aber für ganz Deutschland.

Wo würden Sie Itzehoe denn im Vergleich mit anderen Städten im Land ansiedeln?
Das ist schwer zu sagen, denn letztlich ist jede Stadt individuell. Itzehoe ist sicherlich nicht die Perle Schleswig-Holsteins, die immer vorgezeigt wird, wenn hoher Besuch kommt. Aber es gibt auch nichts auffällig Negatives. Im gehobenen Mittelfeld ist die Stadt auf jeden Fall. Natürlich gab es in Itzehoe in jüngster Zeit mit Prinovis und Prokon eine Aneinanderreihung von negativen Umständen. Aber niemand verbindet deshalb den Namen der Stadt nur noch mit diesen Krisen. Ich nehme Itzehoe als Zentrum der Region wahr, wo die Leute immer noch gerne hinfahren, nicht nur um zu arbeiten, sondern auch um einzukaufen. Ich war selbst schwer beeindruckt vom Umfang der Einkaufszone. Die richtet sich an weit mehr als die 31 000 Einwohner. Durch den Verkauf und die Wiederbelebung des Hertie-Hauses gibt es Licht am Ende des Tunnels. Andere Städte würden sich alle Finger danach lecken, dass sie einen Eröffnungstermin nennen könnten. Und für mich ist Itzehoe auch immer noch sehr mit Innovation verbunden durch das Innovationszentrum IZET und das Fraunhofer-Institut ISIT. Es gibt durchaus positive Beispiele, durch die Itzehoe in die Region, ins Land und in die Welt ausstrahlt.

Was haben die Städte, denen es besser geht, anders – oder richtiger – gemacht?
Einige hatten einfach Lageglück. Eine Ostseestadt mit Hafen hat ganz andere Voraussetzungen. Dorthin kommen auch mehr Touristen, was wiederum deutlich die Innenstädte belebt. Dieses Lageglück hat Itzehoe nicht so stark, damit ist es aber in guter Gesellschaft, das betrifft zum Beispiel auch Rendsburg oder Elmshorn. Dort fahren die Leute am Wochenende eher raus, vielleicht nach Hamburg. Darunter leidet natürlich die Innenstadt. Auch Studenten machen etwas aus. Heide hat zum Beispiel das Glück, die Fachhochschule Westküste zu haben.

Was werden aus Ihrer Sicht für Itzehoe die größten Herausforderungen der näheren Zukunft sein?
Zum einen ist es ganz sicher der demografische Wandel. Dann natürlich Arbeit, Arbeit, Arbeit: Wie gelingt es, Arbeitsplätze zu halten oder neue zu generieren? Außerdem gilt es, die Attraktivität der Innenstadt zu erhalten, insbesondere als Ort der Begegnung und Kommunikation.

Wie kann die Stadt sich darauf vorbereiten?
Das ist schwierig. Zum einen muss man natürlich die Wirtschaftsförderung darauf ausrichten. Und offenbar profitiert Itzehoe noch nicht ausreichend von der Metropolregion Hamburg. Eigentlich müsste in diesem Sog etwas möglich sein. Aber anscheinend kommt er in der Stadt nicht ausreichend an. Im Südosten des Landes, in Reinbek oder Bad Oldesloe, ist er mehr zu spüren. Das kann an den Verkehrsverbindungen liegen. Man muss sich also die Frage stellen: Wie gelingt es, die Region stärker an Hamburg anzubinden?

Kann das Land helfen?
Itzehoe ist für uns Förderschwerpunkt im Bereich der Städtebauförderung – aber Sie wollen ja nicht alles, was wir für Sie haben. Wir machen keine Zwangsbeglückung, sondern das muss schon vor Ort gewollt sein. Und wenn es nicht gewollt ist, wird das seine Gründe haben. Man muss die Menschen auch begeistern für die Dinge. An einer Stelle ist das nicht gelungen, aber das heißt nicht, dass wir Itzehoe in Zukunft nicht mehr unterstützen. Natürlich wollen wir in Schleswig-Holstein attraktive Zentren erhalten, aber gleichzeitig auch den ländlichen Raum nicht aufgeben. Das ist ein Spagat, der nicht leicht zu schaffen ist. Wir versuchen auch, soziale Lasten, die Städte wie Itzehoe zu tragen haben, auszugleichen. Von der Neuregelung des kommunalen Finanzausgleichs wird Itzehoe profitieren.

Sie sprachen es gerade selbst an: War es aus Ihrer Sicht eine vertane Chance, die Pläne für das Alsen-Gelände zu kippen?
Ja, weil der Plan B fehlt. Wenn wir nicht der Meinung gewesen wären, dass sich Plan A positiv auswirkt, hätten wir ihn nicht gefördert. Wir waren von den Planungen sehr überzeugt. Wenn das nicht gewollt wird, akzeptieren wir das. Wir schmollen nicht, sondern stehen weiter mit unseren Hilfsangeboten bereit. Aber ich sehe momentan die Alternative nicht. Es wurde auf Reset gedrückt, und man ist wieder bei Null. Die Stadt muss sich etwas Neues einfallen lassen, es wurde Zeit verloren, und es wurden viele Ressourcen verschenkt.

Was würden Sie den Itzehoern als Wunsch oder guten Rat mit auf den Weg geben?
Ich würde ihnen empfehlen, ihre Stadt wertzuschätzen, weil sie das verdient hat. Itzehoe ist reizvoll und attraktiv. Sicherlich muss es sich gelegentlich noch herausputzen, aber es gibt keinen Grund, sein Licht unter den Scheffel zu stellen. Es ist auf jeden Fall eine Stadt voller Lebensqualität. Das Schlechtreden hat vor allem eine Binnenwirkung, es beeinträchtigt die Stimmung in der Stadt. Ich habe im vergangenen Jahr eine wunderbare 775-Jahr-Feier miterlebt, wo genau das Gegenteil gezeigt, ein ganz anderes Bild gemalt wurde. Daran sollte man sich orientieren. Denn egal, wie optimistisch man auch in die Zukunft blickt: Wenn man immer nur Schlechtes hört, ist man irgendwann auch selbst infiziert von diesem Gedanken. Das ist das Gefährliche. Natürlich: Itzehoe hat Probleme. Aber durch schlechte Stimmung wird nichts besser. Man muss vielmehr die Ärmel hochkrempeln und sagen: Jetzt erst recht!

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