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Kulturnacht in Itzehoe : Eine Kindheit in den 30er-Jahren

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Gesa Stork erinnert bei der Kulturnacht in einer Lesung an ihr früheres Zuhause: das Haus der Heimat in Itzehoe.

shz.de von
erstellt am 20.Apr.2017 | 05:00 Uhr

Es strahlt heutzutage in hübschem Weiß mit deutlich sichtbarem Fachwerk in der Innenstadt: Das Haus der Heimat beim Klosterhof – oder genauer: Hinter dem Klosterhof 19, wie die Adresse lautet. Das alte Gebäude ist ein deutliches Gegenstück zur heutigen modernen Architektur, die oft schlicht gehalten und mit viel Glas daherkommt. Von 1934 bis 1937 hat Gesa Stork (84) in dem schmucken Gebäude ihre früheste Kindheit verbracht. Dann musste ihre Familie einem Zahnarzt und seiner Praxis weichen. „Ich hätte nie gedacht, dass Sie so ein schlechter Mensch sind und solch eine Idylle zerstören“, soll Storks Vater damals zu dem Arzt gesagt haben.

Gesa Stork hat gute Erinnerungen an das Haus, das früher ein Adelspalais war. Sie verbrachte schöne Tage in dieser Idylle. „Wenn man zwei bis drei Jahre alt ist und ein gutes Zuhause hat, dann ist das das höchste Gefühl der Geborgenheit. Wir waren damals in unserer Entdeckungslust ungebremst“, sagt sie. Die Geräusche in dem Gebäude, das Spielen auf den Treppen oder im Garten mit dem Nachbarskind: Es sind Erinnerungen, die Stork heute mit niemandem mehr teilt, denn alle Bewohner von damals sind verstorben. „Man erhält das alles, wenn man es aufschreibt. Alte Häuser verwahren etwas von dem, was in ihnen gelebt wurde“, begründet sie ihre Motivation, warum sie das damals Erlebte in kleine Episoden niedergeschrieben hat, die sie dem Publikum in der Kulturnacht direkt am Ort des Geschehens vorliest.

Storks Vater habe geahnt, nachdem sie dem Zahnarzt 1937 weichen mussten, dass es einen Krieg geben und Nazideutschland ihn verlieren würde. Nach dem Auszug fing er an zu bauen. „Für die Zeit nach dem Krieg brauchen wir ein Haus, dessen Türen wir für Freunde und Familie öffnen können“, habe er gesagt, erzählt Stork. Sie selbst zog es später nach dem Abitur als Deutsch- und Kunstlehrerin unter anderem nach Köln und Bremen, ehe sie mit ihrem Mann in den 1970er-Jahren in ihr Elternhaus zurückkehrte. Auch in das jetzige Haus der Heimat zog es sie wieder. Heute ist es Kultursitz der Vertriebenenvereinigung „Kreisgemeinschaft Preußisch Holland“, die darin ein Museum eingerichtet hat. Nach Storks Eindruck kümmern sich die derzeitigen Besitzer gut um das Objekt. „Es ergaben sich dort sofort Erinnerungen, es hat sich in dem Haus wenig verändert“, sagt sie.

Viele andere Dinge haben sich hingegen im Laufe der Jahre in Itzehoe gewandelt: „Wir haben uns lange großzügig von dem getrennt, was alt war in dieser Stadt“, sagt Stork. Zwar gebe es vieles, was verkommen war und deswegen hätte weichen müssen, aber dass zum Beispiel die Störschleife 1974 zugeschüttet wurde, hätte sie kaum glauben können. Gut, dass Objekte wie das Haus der Heimat erhalten wurden. Mit moderner Architektur steht Stork nicht auf Kriegsfuß: „Ich interessiere mich brennend dafür, die Gemeinsamkeit von Alt und Neu ist das, was wir brauchen“, sagt sie. „Es sind Erfahrungen, die alle alten Häuser vermitteln können.“ Wer in der Kulturnacht in ihre Lesung kommt, der wird genauestens erfahren, welche Erfahrungen sie persönlich meint.

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