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Norddeutsche Rundschau

19. August 2017 | 00:14 Uhr

SHMF : Eine hammerzarte Interpretation

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Kristian Bezuidenhout spielte in der Glückstädter Stadtkirche und in der Schenefelder Bonifatiuskirche

Mit Kristian Bezuidenhout gastierte im Rahmen des „Schleswig-Holstein Musik Festival” am Wochenende ein Künstler gleich zweimal in Steinburger Kirchen. Er hat sich auf das Hammerklavier spezialisiert.

Kristian Bezuidenhout spielte in der Stadtkirche Glückstadt auf einem knapp 200 Jahre alten Originalinstrument des französischen Klavierbauers Sébastien Érard. Als Konzertthema stellte er Klavierkompositionen des Geschwisterpaars Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) und seiner vier Jahre älteren Schwester Fanny Hensel (1805-1847) vor. Der berühmte Bruder hatte die Kompositionen seiner Schwester lediglich im privaten Kreis gefördert, eine Frau gehörte für ihn zu Herd und Kindern. Fannys Tod jedoch löste bei ihm eine Lebenskrise aus, so dass er, 38-jährig, ein knappes halbes Jahr später starb.

Diese schwierige Geschwisterliebe spiegelte Kristian Bezuidenhout wider, indem er Stücken der Schwester jene des Bruders gegenüberstellte. Er gewährte der Schwester damit jene Gleichberechtigung, die der Bruder ihr einst vorenthalten hatte. Vier Charakterstücke der Schwester (Ma Ms 44) konkurrierten mit drei Studien (op. 16) des Bruders. Nach der Pause antworteten Felix' „Lieder ohne Worte” (op. 19) auf Fannys „Präludium und Fuge e-Moll”. Das Spiel offenbarte aber keine Gegensätze, sondern eher die Einheit der musikalischen Ideen der Geschwister: zarte, traumverlorene Melodien einerseits und vitale und temperamentvolle Wildheit bilden dabei die Pole des Spektrums.

Bezuidenhouts Spiel kostet die romantische Spannung voll aus. Er betont durch eine überlegte Tempogestaltung das Schwelgerische, Verträumte und Zarte der Musik, er präsentiert ihre Schönheit, ohne sich an ihr zu berauschen. Seine musikalischen Farben wirken wie lasiert. Das geht wohl auch auf das Instrument zurück, dessen spezielle Eigenschaft, das Nachklingen der Saiten, die Konturen verschmelzen lässt, ohne sie zu verwischen. Der Künstler lässt sich dabei auch von Raum der von sanftem Kerzenlicht beleuchteten Kirche inspirieren, die dem gewollt langen Nachklang des Hammerklaviers ein intensives Nachfühlen ermöglicht. Das (abgegriffene) Wortspiel trifft den Kern: eine „hammerzarte” Interpretation. Viel Beifall und stehende Ovationen für den Künstler in einem Konzert, das der örtliche Beirat des Festivals diskret und perfekt organisiert hatte.

Diesen Beifall gab es einen Tag zuvor auch in der Schenefelder Bonifatiuskirche. Der Künstler dort begann seinen Vortrag mit der Ouvertüre Allemande und Courante aus Suite C-Dur KV 399 von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791). Er spielte auf dem von Klavierbauer Michael Rosenberger um 1800 in Wien angefertigten Hammerklavier. Die Zuhörer erhielten einen Eindruck von der damaligen Wiener Klassik und der ganz eigenen Klangcharakteristik des Hammerklaviers. Auch bei den nachfolgenden Vorträgen von den Komponisten Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) und Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) eröffnete sich dem Publikum ein Klangerlebnis mit ganz besonderen Hör-Akzenten.

In der Pause hatte es im Altarraum einen kurzen Umbau gegeben, denn der zweite Konzertteil wurde vom Künstler auf einem Klavier von Sébastien Érard präsentiert. Kristian Bezuidenhout widmete diesen Teil ganz dem Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 bis 1847). Die Zuhörer erwartete ein virtuos gespieltes Präludium und später in einer Abänderung des Programms die Sonate in G-moll, op. 105. Faszinierend für das Publikum waren die perfekt intonierten Läufe der Kompositionen und die mühelosen Übergänge von Fortissimo zu Piano. Die Zuhörer genossen den wärmeren Klang dieses Hammerklaviers, auf dem schon der Komponist Mendelssohn selbst gespielt hatte, wie Kristian Bezuidenhout verriet, und dankte dem Künstler mit viel Beifall. Erst nach zwei Zugaben, darunter die wunderschöne Mendelssohn-Komposition „Lieder ohne Worte“, wurde der Künstler vom Publikum entlassen.

Beim späteren Empfang im Gemeindehaus, an dem er gemeinsam mit seinem Team und dem Chefdramaturgen und Konzertplaner Frank Siebert teilnahm, erzählte er, dass er in seiner Karriere erst zweimal eine Zugabe gegeben habe: eine Zugabe in Tokio und jetzt zwei in der Bonifatiuskirche.



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