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Druckerei Gruner & Jahr in Itzehoe : Eine Ära und ihr Ende

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

2014 schloss mit der Druckerei Prinovis der einst größte Arbeitgeber Itzehoes seine Tore. Drei ehemalige Mitarbeiter erinnern sich.

von
erstellt am 06.Mai.2017 | 07:00 Uhr

Was wollt ihr denn hier!?“ Jörg Huster staunt. Der Mitarbeiter im China Logistic Center (CLC) hat nicht erwartet, frühere Kollegen an seinem Arbeitsplatz zu treffen: Klaus Hillmer, Sven Guericke und Thomas Gervink sind zu Besuch.

Huster ist einer von zehn ehemaligen Prinovis-Mitarbeiter, die jetzt bei CLC beschäftigt sind.  „Sie werden Einiges nicht wiedererkennen“, sagt CLC-Geschäftsführer Holger Scheibel zu den Gästen. Druckmaschinen und Anlagen für die Weiterverarbeitung sind ersetzt worden durch enorme Regale für das im Aufbau befindliche Logistikzentrum. Waren in Massen lagern bereits in den Hallen. „Ein bisschen komisch“ findet Guericke den Gang durch das frühere Werk. „Es tut schon weh“ – andererseits denke er gern an die Zeit zurück.

Die ältesten Erinnerungen hat Klaus Hillmer (73). 1968 kommt der gelernte Buchdrucker als Druck-Umschüler zu Gruner, ab 1981 ist er Betriebsrat, ab 1989 dessen stellvertretender Vorsitzender und in seinen letzten fünf Arbeitsjahren bis 2006 Vorsitzender. In Spitzenzeiten seien es bis zu 2800 Beschäftigte gewesen, meint er. Die oft genannte Zahl 3000 versieht er mit Fragezeichen.

Zu dieser Zeit sei jede Abteilung fast wie eine eigene Firma gewesen. Kollegialität ist wichtig, auch für Gerd Schulte-Hillen als bestimmendem Mann an der Gruner-Spitze, der die in Europa führende Druckerei formt. Hillmer schildert Betriebsfeste mit Schlagerstar Tony Marschall oder in der Kieler Ostseehalle, „das hat seine Wirkung nicht verfehlt“. Die Belegschaft sei ebenso einsatzfreudig wie verschworen gewesen. Und: „Die Drucker hielten sich für den Nabel der Tiefdruckwelt.“

Diese „gewisse Arroganz“ erlebt auch Sven Guericke: „Die Drucker hatten hier wirklich das Sagen.“ Ab 1992 lernt der heute 41-Jährige erst Drucker, dann Industriemechaniker, genießt eine „super Ausbildung“. Als er in den damals 2400 Mitarbeiter starken Betrieb einsteigt, erlebt er gleich ein Firmenfest im Hamburger CCH und weiß: „Hier bist du gut angekommen. Es war etwas Besonderes, hier einen Ausbildungsplatz zu bekommen.“

Auch zur Jahrtausendwende gibt es mehr als 300 Bewerbungen für eine Lehre als Schlosser oder Elektrotechniker, schildert Thomas Gervink (48). Im Jahr 2000 fängt der Jurist in der Personalabteilung an, das Unternehmen hat noch 1598 Beschäftigte, das Magazin Stern sei mehr als 300 Seiten stark gewesen. Von 2003 bis 2009 arbeitet Gervink in leitender Funktion. Beim Einstieg ist ihm eine Gewinnbeteiligung versprochen worden, und zwar eine üppige. Daraus wurde nichts: „Ich habe sofort gemerkt, dass da Kostendruck ist.“

Der unaufhaltsame Niedergang hat begonnen.

Ein Grund sind über Jahrzehnte entstandene große Überkapazitäten in der Branche. Die Preise fallen. Gedrucktes ist weniger gefragt, die elektronischen Medien übernehmen die Vorherrschaft. Auflagen sinken, viele Kataloge gibt es gleich gar nicht mehr. Und dann kommt ab 2005 der Druckerei-Verbund Prinovis: „Der größte Fehler war, dass sie in Liverpool diese Riesen-Druckerei aus dem Boden gestampft haben“, sagt Hillmer. Das habe Aufträge in Ahrensburg und Itzehoe gekostet.

Ab 2003 habe es Programme gegeben, um Kosten zu reduzieren, sagt Gervink. „In vielen Fällen hatten die Leute keine andere Wahl, als bestimmte Wege mitzugehen.“ Der Umgang sei dennoch gut gewesen, sagen der Ex-Personalchef und die früheren Betriebsräte. Doch als die Führungskräfte „fast inflationär“ wechselten, seien auch einige ohne Gespür gekommen, sagt Hillmer. Das habe das Miteinander in ein Gegeneinander verwandelt.

Einschnitte gibt es schon lange und immer wieder. Zum Beispiel den Schritt im Jahr 2008, unter Tarif zu zahlen, um die Zusage einer Betriebsrente auszugleichen. Das habe funktioniert, sagt Gervink. „Das Problem war nur, dass die Preise im Markt nicht stabil geblieben sind.“ Oder die Ausgliederung der Weiterverarbeitung in eine eigene Gesellschaft 2004 – ausgerechnet in dem Jahr, in dem das 125-jährige Bestehen des Unternehmens bei einem Tag der offenen Tür mit 10  000 Besuchern gefeiert wird. 1265 Mitarbeiter hat Gruner zu diesem Zeitpunkt, druckt 30 Zeitschriften, darunter Spiegel, Stern, Brigitte und Geo, mit einer Gesamtauflage von 500 Millionen jährlich.

Doch die Probleme nehmen zu, immer wieder müssen die Betriebsräte den Kollegen neue Zugeständnisse verkaufen – und bekommen viel Zorn und Frust ab. „Irgendwann war die Belegschaft auch satt“, sagt Guericke. Unter dem Strich reicht es nie – diesen Eindruck hätten viele gehabt, so Hillmer. Zudem habe die weniger am Mitarbeiter orientierte Bertelsmann-Philosophie nie zum Standort Itzehoe gepasst. Hinzu kommt das Selbstbewusstsein der Angestellten, die oft für ihre Interessen kämpfen. Aber Hillmer glaubt nicht, dass mehr Zurückhaltung und mehr Zugeständnisse geholfen hätten: „Das hätte den Prozess nur verzögert.“ Aktuell sei bei Prinovis wieder von erforderlichen Einsparungen in Höhe von 20 Millionen Euro die Rede: „Tiefdruck ist ein Dinosaurier.“

Dass er in Itzehoe ausstirbt, wird am 6. Februar 2013 offiziell verkündet: Im Vergleich zu anderen Standorten habe Itzehoe die „deutlich geringere Wettbewerbsfähigkeit“. Prinovis-Chef Bertram Stausberg bestätigt in einem Interview, dass in Itzehoe weniger investiert worden sei in den Jahren zuvor. „Aber das lag ein Stück weit auch daran, dass die Wirtschaftlichkeit der Investitionen an anderen Standorten besser war.“ Wütende und verzweifelte Aktionen, darunter eine Kundgebung in Berlin und eine Demonstration mit 2000 Menschen in Itzehoe, ändern nichts daran.

Bis zum Schluss sei der Teamgedanke hoch gehalten worden, sagt Guericke: „Ein klasse Miteinander.“ Oft trifft er frühere Kollegen: Die Druckerei sei nicht nur die Arbeitsstelle gewesen, sondern auch das soziale Umfeld – „das fehlt vielen“. Manche seien nach wie vor frustriert, andere entspannt, sagt Hillmer. „Am unzufriedensten sind die, die im grafischen Gewerbe geblieben sind, weil sie es immer vergleichen mit dem, was vorher war.“ Einige hätten auch die Zeit in der Transfergesellschaft nicht genutzt, sagt Guericke. Es sei ein sehr guter Sozialplan ausgehandelt worden.

Viele finden einen neuen Job (siehe unten). Guericke ist nicht nur ehrenamtlicher Ortsbeauftragter beim Technischen Hilfswerk, sondern dort auch angestellt. Gervink arbeitet als Personalchef bei Vishay Siliconix im Innovationsraum. Wie die anderen hat er die Prinovis-Zeit in guter Erinnerung: „Es ist eine Episode, die vorbei ist, bei der ich dankbar bin, dass ich sie miterleben durfte.“ Froh sind sie auch, dass die Hallen durch CLC belebt wurden und kein zweites Alsen entstanden ist. Gervink: „Alles geht weiter – wenn auch anders.“

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