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Projekt Heimat : Eindrucksvolles Buchprojekt zum Heimatbegriff junger Leute

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Schüler von drei Itzehoer Schulen haben sich mit dem Begriff Heimat auseinandergesetzt – herausgekommen ist ein eindrucksvolles Buchprojekt.

shz.de von
erstellt am 28.Apr.2014 | 04:54 Uhr

Der Heimatverband für den Kreis Steinburg hat ein Buchprojekt initiiert, bei dem Schülerinnen und Schülern von drei Itzehoer Schulen die Möglichkeit gegeben wurde, ihre ganz persönlichen Vorstellungen von Heimat zu formulieren und zu publizieren. Die Texte zeugen von der Vielseitigkeit heutiger Heimatbilder sowie von zunehmender gesellschaftlicher Mobilität.

Die Heimat von Janna aus der sechsten Klasse befindet sich in Itzehoe bei ihren Haustieren sowie in der Sporthalle, obwohl – so schreibt sie weiter – Elmshorn eigentlich ihre Geburtsstadt sei. Aber auch Sylt ist Jannas Heimat, weil sie den Strand so liebt und das rauschende Meer – und nicht zu vergessen: Berlin. Die große Stadt mit ihrem Trubel und der Fülle an neuen Eindrücken hat sie auf einer Reise derart beeindruckt, dass sie sich seitdem auch dort heimisch fühlt.

Janna ist nicht die einzige Teilnehmerin, die in ihrem Text mehrere Heimaten nennt und für die der Begriff mehr bedeutet als nur ein Ort der Herkunft oder des gegenwärtigen Aufenthalts. Viele der Schülerinnen und Schüler, die an dem vom Heimatverband für den Kreis Steinburg angeregten Schreib- und Publikationsprojekt mitgewirkt haben, legen Heimat sehr vielfältig und weitgefasst aus. Häufig werden in den Texten verschiedene Orte als persönliche Heimat beschrieben – ein Hinweis auf die zunehmende Mobilität der Gesellschaft.

Doch nicht allein unterschiedliche Dörfer, Städte und Länder bedeuten den Schülerinnen und Schülern Heimat. Auch Familie, Freunde, Haustiere, Speisen, Sportarten und bisweilen sogar die Schule werden in den Texten als Heimat bezeichnet. Heimat kann eben vieles sein, immer aber ist sie etwas unverwechselbar Persönliches, ein Erlebnisraum der natürlichen und menschlichen Nähe und Vertrautheit, im glücklichen Falle der Geborgenheit, wie der Historiker Christian Graf von Krockow präzise formuliert. Für Marvin aus der achten Klasse ist Heimat beispielsweise dort, wo man ihn kennt und er Unterstützung und Hilfe bekommt.

Kai aus der achten Klasse fühlt sich an Orten heimisch, an denen er Rehe oder Wildschweine beobachten kann. Bayran betrachtet sowohl Deutschland als auch die Türkei als seine Heimat. Pia aus der zwölften Klasse beschreibt Heimat als ein Gefühl der Vertrautheit und für Xenia aus der achten Klasse ist Heimat der Ort, wo man nie weg will, aber meistens weg muss. Heimat ist also überall dort, wo es gut ist – so könnte man in Anlehnung an den Römer Cicero die unterschiedlichen Heimatbilder der Kinder und Jugendlichen ansatzweise zusammenfassen. Allerdings wäre zu ergänzen, dass Heimat in den Texten nicht immer klar verortet wird, sondern beispielsweise auch Personen, Tiere, Gegenstände und Gefühle umfassen kann.


Was betrachten die Menschen im Land als ihre Heimat


Hans Carstens, Zweiter Vorsitzender des Heimatverbands für den Kreis Steinburg, weist darauf hin, dass die ursprüngliche Idee für das Projekt aus den Reihen des Schleswig-Holsteinischen Heimatbunds gekommen sei. Jutta Kürtz, die ehemalige Präsidentin des Dachverbands, habe zu verschiedenen Anlässen die Notwendigkeit einer eingehenden Auseinandersetzung mit dem Heimatbegriff unter den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen der Gegenwart betont und damit die Steinburger zu ihrer Unternehmung inspiriert. Das Hauptanliegen des Schleswig-Holsteinischen Heimatbunds und seiner Ortsvereine besteht in der Bewahrung, Pflege und Förderung der Heimat, so Carstens. Eine zentrale Aufgabe sollte es deshalb sein, herauszufinden, was die Menschen im Land heute überhaupt als ihre Heimat betrachten. Nur so sei Heimatpflege überhaupt erst möglich. Eine besondere Rolle käme dabei der Jugend zu, denn in ihr läge die Zukunft begründet.

Aus diesem Grund sei man an drei Itzehoer Schulen herangetreten. Fehrs-Schule, Klosterhof-Schule und Sophie-Scholl-Gymnasium ließen sich umgehend für das Projekt begeistern. Insgesamt 142 Schülerinnen und Schüler verschiedener Jahrgänge und aus den drei unterschiedlichen Schulformen Grundschule, Gemeinschaftsschule und Gymnasium haben in kurzen handschriftlichen Texten ihre persönlichen Vorstellungen von Heimat formuliert. Die Vorgaben waren denkbar einfach: Der Umfang der Texte durfte nicht mehr als eine Seite des Formats DIN A4 überschreiten. Außerdem sollten die Texte handschriftlich verfasst werden. Nachträgliche Änderungen konnten vorgenommen werden, mussten allerdings mittels Unter- und Durchstreichungen kenntlich gemacht werden. Auf diese Weise wurde der Entstehungsprozess der einzelnen Textbeiträge erfasst und für spätere Leser sichtbar gemacht.

Der Kommunikationsdesigner Michael Herold, welcher bereits an einem erfolgreichen Buchprojekt der Fehrs-Schule beteiligt gewesen war, konnte für die gestalterische Umsetzung gewonnen werden.

Herausgekommen ist dabei eine sowohl inhaltlich als auch ästhetisch ausgesprochen gelungene Publikation, deren grafische Gestaltung nicht Selbstzweck bleibt, sondern insofern für Vertiefung sorgt, als dass Verborgenes und Hintergründiges sichtbar gemacht wird: Die ursprünglich handschriftlichen Textbeiträge der Schülerinnen und Schüler wurden von Herold in Druckschrift gesetzt ohne dabei die individuellen Besonderheiten im Erscheinungsbild der Manuskripte zu übergehen: Streichungen und Umformulierungen wurden von ihm ebenso übernommen wie Eigenheiten des Schriftbildes sowie originäre Platzierungen der Texte.


Starre Vorstellungen werden zugunsten eines zeitgemäßen Heimat-begriffes aufgebrochen


Aktualität, zugrundeliegendes Konzept und gelungene Umsetzung machen das Buch zu etwas ganz Besonderem. Unzeitgemäße, weil starre und unbewegliche Vorstellungen von Heimat werden zugunsten eines zeitgemäßen pluralistischen Heimatbegriffs aufgebrochen, der den Transformationsprozessen der Postmoderne Rechnung trägt – ein längst überfälliges Unterfangen, möchte manch einer meinen. Allerdings erlebt Heimat angesichts einer sich globalisierenden Welt sowie vielfältiger Umbruchsszenarien gegenwärtig in vielen Bereichen der Kultur und des gesellschaftlichen Lebens eine Renaissance unter veränderten Voraussetzungen und mit sich teils wandelnden Inhalten.

Das Wort indes ist alten Ursprungs: Im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm wird der Begriff etymologisch auf das althochdeutsche Wort „heimôti“ zurückgeführt und recht nüchtern als Land oder Landstrich beschrieben, in dem man geboren wurde oder bleibenden Aufenthalt hat. Der Heimatbegriff ist in der Vergangenheit indes vielfachem Wandel unterworfen gewesen. Das Spektrum seiner kulturellen Manifestationen reicht von besonnener und verantwortungsvoller Freude an den Besonderheiten und Schönheiten des eigenen Wohnortes bis hin zu den Abgründen eines fremdenfeindlichen Blut-und-Boden-Chauvinismus. Missbrauch in den Jahren des Nationalsozialismus hat dazu geführt, dass dem Wort Heimat bis in unsere Tage ein übler Beigeschmack anhaftet.

Die vielfältigen Beiträge der Schülerinnen und Schüler zeigen jedoch, dass Heimat etwas völlig anderes sein kann als unreflektierte Lobhudelei des Eigenen und Ausgrenzung des Fremden. Der Volkskundler Hermann Bausinger betrachtet Heimat als Nahwelt, die verständlich und durchschaubar ist, gleichsam als Raum des Vertrauens, der aktiven Durchdringung, der persönlichen Aneignung und nicht zuletzt der Verlässlichkeit.

Diese positive und recht offene Definition von Heimat lässt sich treffend auch auf die Arbeiten der Schülerinnen und Schüler der drei Itzehoer Schulen anwenden. Im November 2013 wurde das fertige Buch im Rahmen einer Veranstaltung im Pädagogischen Zentrum des Sophie-Scholl-Gymnasiums der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt. Anwesend war auch der amtierende Umweltminister von Schleswig-Holstein, Dr. Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen).

Heimat. „Was ist Heimat?‘ – Erhältlich ist das eindrucksvolle und anschauliche Heimatbuch mit der ISBN 978-3-924691-98-1 zum Preis von 10 Euro über die Geschäftsstelle des Heimatverbandes für den Kreis Steinburg e. V. (Telefon: 04821/69235, E-Mail: rave@steinburg.de).

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