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Kultur : Einblicke in das Wohnzimmer eines 100-Jährigen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Er spielt und spielt und spielt: Kurz vor seinem großen Ehrentag treffen wir den Itzehoer Walter Wieben – den wohl ältesten Organisten und Kirchenmusiker im Land.

shz.de von
erstellt am 01.Apr.2014 | 17:00 Uhr

Alle zehn Finger sind in Bewegung – und auf nicht einen von ihnen muss Walter Wieben mit seinen fast 100 Jahren verzichten. Mit Leichtigkeit spielt er eine Melodie auf seinem Klavier und stellt unter Beweis, wie wichtig ihm jeder einzige dieser Finger ist. Nicht mehr spielen zu können, ist für den Musiker unvorstellbar. Denn in seinem Wohnzimmer und in seinem Leben steht die Musik im Mittelpunkt.

Walter Wieben ist der wahrscheinlich dienstälteste Organist der Welt, zumindest vermutet das Pastor Helmut Willkomm aus Oelixdorf und staunt über seinen Kirchenmusiker, der mit seinen 99 (fast 100 Jahren) noch immer jeden Sonntag an der Orgel sitzt. Unter der Woche trinkt Walter Wieben jeden morgen seinen Kaffee, lüftet kräftigt durch und setzt sich dann in seinem Wohnzimmer ans Klavier. „Aber nachmittags muss ich raus“, erzählt er.

Sein Terminkalender sei voll. So musiziert er beispielsweise regelmäßig in den umliegenden Altenheimen. Die Musik fülle aber nicht nur sein Leben, ihr verdankt er es auch. Sein Können als Musiker habe ihn heil durch den Krieg gebracht. Wiebens Blick fällt auf eine deutlich sichtbare Narbe auf seinem Arm. „Mein größtes Geschenk war, dass ich nicht in Gefangenschaft geraten bin, das hätte ich nicht überstanden“, betont er.

So gibt es auch dunkle Ecken im Wohnzimmer – und im Leben von Walter Wieben. Heute spricht er darüber. Für Gäste steht der Esstisch bereit und lädt zum Plausch über vergangene Zeiten ein.

Wer tiefer in den Raum eintaucht, entdeckt – fast ein wenig versteckt hinter dem raumfüllenden Klavier – ein Bett. Walter Wieben schläft quasi direkt neben seinem Lieblingsinstrument. Die steilen Treppen zu seinem ehemaligen Schlafraum steigt er nicht mehr hinauf. Auf dem Nachttisch stapeln sich Bücher. Gerade liest er passend zu seinem anstehenden Geburtstag den Roman von Jonas Jonasson „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“. Darüber kann er sich amüsieren.

Selbst will er nicht verschwinden. Seinen 100. Geburtstag hat Walter Wieben genau geplant: Am 6. April wird er, wie an jedem Sonntag, um 10 Uhr den Gottesdienst in Oelixdorf begleiten. Ab 11 Uhr könne man ihm dann öffentlich gratulieren.

Doch auch ein Walter Wieben taucht manchmal ab. Dann zieht es den fast 100-Jährigen nach Büsum. Er fahre allein mit Bus und Bahn. „Das ist das, was ich brauche: frische Luft. Da sitze ich, esse und habe direkt die Nordsee vor der Nase“, schwärmt er.

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