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Norddeutsche Rundschau

23. August 2017 | 04:55 Uhr

Oldtimer : Ein Trecker erzählt Geschichte

vom
Aus der Redaktion der Glückstädter Fortuna

Bis 1976 transportierte der alte Deutz die Milch zur Meierei nach Glückstadt. Heute wird er für Ausfahrten und zum Slippen von Booten genutzt

Stolz präsentiert der Bielenberger Reimer Thoke (67) seinen Oldtimer-Trecker der Marke Deutz aus dem Baujahr 1957. Als sich der Wassersportverein Bielenberg vor zwei Jahren auflöste, übernahm Reimer Thoke den Trecker und restaurierte ihn liebevoll, sodass er jetzt wieder eine Straßenzulassung für 20 Stundenkilometer erhalten hat. Genutzt wird das Gefährt für Ausfahrten mit den Enkelkindern, zum Slippen der Boote im Bielenberger Hafen und für Treffen der Treckerfreunde. „In diesem Jahr war ich zum Treckertreff in der Treckerscheune Bahrenfleth und wurde bestaunt.“

Reimer Thoke ist aber nicht nur an der Technik des Treckers interessiert, sondern auch an dessen wechselvoller Geschichte. Auf dem Schild am Motorblock sind die Type F 2 L 612, das Baujahr 1957, die Leistung mit 18 PS und die Motordrehzahl mit 1850 Umdrehungen pro Minute zu erkennen. Auf einem weiteren Schild an der Motorhaube steht als Verkäufer die „Landwirtschaftliche Bezugs- und Absatzgenossenschaft Lüchow, Maschinen Abteilung“. Thoke erklärt: „Leider sind die Fahrzeugpapiere verloren gegangen. Deshalb kann ich den Verbleib von 1957 bis 1965 nicht klären. Ich habe bei Deutz und dem Händler nachgeforscht, aber keine Auskunft erhalten. Das würde mich schon sehr interessieren.“

1965 wurde der Trecker vom Kollmaraner Landwirt Hermann Engelbrecht im Ortsteil Steindeich gekauft. Hermann Engelbrecht (1909 – 1997) führte eine kleine Landwirtschaft mit Gemüseanbau und war seit 1934 als Milchfahrer zur Meierei Thiessen und später zur Meierei Groth in Glückstadt tätig. Die Bauern bezahlten ihm für jeden Liter Milch einen Pfennig. „Im Sommer gaben die Kühe viel Milch, und Hermann Engelbrecht konnte gutes Geld verdienen, im Winter reichte das Milchgeld aber gerade mal so aus“, erzählt seine Schwägerin Marianne Wagner. Die Milch wurde mit Pferd und Wagen transportiert.


Die Meierei lieferte Trinkmilch und Markenbutter


 

Weil Hermann Engelbrecht so gut mit Pferden umgehen konnte, musste er während des zweiten Weltkrieges auf einer Hengststation in Telgte in Westfalen arbeiten. Annemarie Wagner: „Während Hermanns Abwesenheit bekam seine Frau Gertrud einen französischen Kriegsgefangenen mit dem Namen Gaston und später den Serben Dimitri zugeteilt. Beide Männer halfen bei der Landarbeit und haben auch die Milch gefahren. Ein Jahr nach Kriegsende kehrte Hermann Engelbrecht heim und fuhr die Milch wieder höchstpersönlich.“

Die Meierei Groth in Glückstadt wurde 1919 neben dem Schlachthof am Bahnhof als Ein-Mann-Betrieb gegründet. Sie zog 1923 in die Kleine Kremper Straße um und übernahm 1952 die Dampfmeierei Thiessen am Fleth. 1954 wurde Am Batardeau neu gebaut, wo heute das Baugeschäft Schmeelke untergebracht ist. Die Meierei lieferte Trinkmilch, Markenbutter, Joghurt, Quark und weitere Milchprodukte an die Geschäfte der Gegend. Die Meierei von Henry Groth und seinem Sohn Hans-Peter bestand bis 1980.

Hermann Engelbrecht transportierte 42 Jahre lang, von 1934 bis 1976 die Milch der Bauern aus Kollmar, Herzhorn und der Engelbrechtschen Wildnis nach Glückstadt – seit 1965 mit dem Deutz Trecker. Die Milch wurde in 20-Liter Kannen und teilweise schon in transportablen Milchtanks mit einem Fassungsvermögen von 150 bis 200 Litern gesammelt und auf dem Anhänger zur Meierei transportiert. Die letzte Milchtour am 31. Juli 1976 über Bielenberg, Schleuer, Obendeich, Schwarzer Weg und Herzhorner Rhin wurde vom Sohn Volker Engelbrecht mit Super 8 aufgenommen und 2012 von Reimer Thoke und Klaus Karlau digitalisiert und als DVD gebrannt. Darin sind die freundliche Art des Milchfahrers und der herzliche Umgang mit den Bauern zu erkennen. Die Aufnahmen bei der Milchannahme in der Meierei mit Henry und Hans-Peter Groth liefern einen guten Einblick in die Arbeitsweisen dieser Zeit, in der die Milchbehältnisse überwiegend von Hand ausgekippt wurden.


Wassersportverein Bielenberg kaufte 1994 den Trecker


 

Nach der altersbedingten Aufgabe des Milchtransportes im Jahr 1976 – Hermann Engelbrecht war damals 67 Jahre alt – war der Deutz-Trecker noch 18 Jahre auf dem Engelbrecht-Hof im Apfelgarten zum Mähen und Spritzen eingesetzt, bevor der Wassersportverein Bielenberg 1994 den Trecker durch einen Tipp des Schmiedes Erich Lau erwarb. Reimer Thoke war der Jugendwart des Vereins und sein Vater war mit Hermann Engelbrecht befreundet. Thoke: „Wir suchten ein Fahrzeug zum Slippen der Boote und für die Beschäftigung der Jugendlichen.“

In der Werkstatt von Erich Lau an der Ecke B 431/ Deichreihe wurde der Trecker völlig zerlegt und überholt. In über 300 Arbeitsstunden waren die Jugendlichen unter Anleitung von Reimer Thoke, Erich Lau und weitere Mitglieder des Wassersportvereins an der Restaurierung beteiligt. Die Einzelteile wurden gereinigt und teilweise erneuert, das Fahrgestell und das Blechgehäuse wurden neu lackiert – im Deutz-Grün mit dem gelben Schriftzug.

Nach einer Drosselung auf sechs Stundenkilometer und der TÜV Abnahme hatten nunmehr auch Jugendliche die Möglichkeit, Fahrübungen auf dem Parkplatz der Bielenberger Gaststätte „Zum Elbblick“ zu machen und ab 15 Jahren auch die Boote im Hafen zu trailern. Die Aktivitäten des Vereins und die Möglichkeit, Wasserski auf der Elbe zu erlernen, sprachen sich herum. Die Jugendgruppe wuchs in dieser Zeit auf 21 Mitglieder.

2012 wurde der Wassersportverein Bielenberg aufgelöst und der Trecker ging in den Besitz von Reimer Thoke über. Inzwischen hatten sich schon wieder Roststellen gebildet und es erfolgte eine erneute Restauration mit Sandstrahlen der Bleche, Schweißarbeiten und Nachbauten von Einzelteilen unter Mithilfe von Werner Diekwisch sowie die Neulackierung. Auf dem Hof von Horst Greve beteiligten sich die Kinder und Freunde an den Arbeiten und präsentieren den Trecker heute wieder in leuchtenden Farben. Reimer Thoke: „Ich habe mit dem Trecker schon viel Spaß gehabt. Das ist mein Hobby, an dem ich sehr hänge. Irgendwie fühle ich mich für diesen Trecker verantwortlich und möchte, dass er und seine Geschichte noch lange erhalten bleiben.“

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erstellt am 21.Okt.2014 | 17:10 Uhr

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