Ein tierischer Wahlkampf

Will den Wahlkreis Steinburg/Dithmarschen-Süd für die SPD erobern: die Itzehoer Tierärztin Dr. Karin Thissen. Foto: nr
Will den Wahlkreis Steinburg/Dithmarschen-Süd für die SPD erobern: die Itzehoer Tierärztin Dr. Karin Thissen. Foto: nr

Wie die Tierärztin Dr. Karin Thissen die Menschen für sich und ihre politischen Ziele begeistern will / Ein Portrait der SPD-Bundestagskandidatin

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27. Juli 2013, 05:59 Uhr

Steinburg/Dithmarschen | Wer als neue Kandidatin für den Bundestag bei den Wählern punkten will, muss vor allem eines: Aufmerksamheit auf sich ziehen. Der SPD-Bewerberin Dr. Karin Thissen gelingt das auf Anhieb. Wer in diesen Wochen Info-Karten von ihr im Briefkasten findet, sieht die 53-Jährige mit Kühen, Schweinen und Hühnern. Bei einem solch tierischen Wahlkampf will man, so ihre Hoffnung, auch wissen, was sich personell und inhaltlich dahinter verbirgt.

Dass sie auf den Bildern nicht vor Windrädern posiert, hat auch berufliche Gründe. Karin Thissen ist Tierärztin. Dabei hat sie selbst gar keine Tiere mehr. "Meine letzte Katze ist vor einem Jahr gestorben. Außerdem habe ich eine Allergie", sagt sie. Ein bisschen genießt sie jetzt diese Unabhängigkeit. Auch die vier Kinder sind inzwischen erwachsen. Das Thema Tiere bleibt dennoch auch weiterhin der ideale Türöffner für ein Gespräch mit der Sozialdemokratin. Beim Stichwort Tierschutz macht sie unmissverständlich klar: "Die Gesetze sind da. Man muss nur dafür sorgen, dass sie eingehalten werden." Und die Einführung eines Hundeführerscheins? "Hundeschule darf sich doch jeder nennen. Im Zweifel bekommt man da nur eine schöne Urkunde und fertig." Nach ihrer Meinung geht das Problem tiefer: "Die Erziehungskompetenz in unserer Gesellschaft ist verloren gegangen." Ganz gegen eine Schulung von Hundebesitzern ist sie allerdings nicht: "Dann sollte das aber auch etwas Gescheites sein." Dafür könnte man im Gegenzug ja als Anreiz auch die Hundesteuern vermindern.

Geboren und aufgewachsen ist Karin Thissen in Nordrhein-Westfalen. Nach dem Studium der Tiermedizin betrieb sie elf Jahre lange in Kremperheide eine Kleintierpraxis. Seit 2002 ist sie Tierärztin für Verhaltensmedizin in eigener spezialisierter Tierarztpraxis in Itzehoe; daneben auch amtliche Tierärztin beim Kreis Steinburg. Erst spät begann sie sich für Politik zu interessieren. "Ich bin in einem ziemlich unpolitischen Haushalt groß geworden und auch als Jugendliche hat mich das nicht sonderlich interessiert." Dafür ist sie zweisprachig aufgewachsen. "Deutsch habe ich eigentlich erst im Kindergarten gelernt." Die Mutter ist Französin. Das hat auch ihr Familienbild geprägt. "Frauen werden in Deutschland immer noch zu sehr auf die Mutterrolle reduziert. In Frankreich hat man da ein ganz anderes Selbstverständnis. Da hätte es längst eine Revolution gegeben." Mit der Geburt ihres ersten Kindes vor 30 Jahren habe sie das erste Mal gespürt, dass es in Deutschland noch lange keine Gleichberechtigung gebe. Das Thema habe sie seitdem nicht mehr losgelassen. Und ihre Kinder habe sie "wie eine Französin erzogen".

Ihr Leben sei aber zunächst einmal stark von Arbeit und Familie geprägt gewesen. Und dann noch die Promotion zum Thema "Die Geschichte der Veterinärmedizin", eine Fleißarbeit mit 430 Seiten. Den lästerhaften Einwand, ob sie vielleicht auch irgendwo abgeschrieben habe, kann sie lächelnd entkräften: "Zu dem Thema gab es bis dahin noch keine Veröffentlichung, nur ein einziges Buch."

Erst 2007 wurde sie Mitglied in der SPD. "Ich hatte auch eine Freundin bei den Grünen. Die sind manchmal aber sehr fanatisch. Da passte ich überhaupt nicht rein." Den letzten Anstoß gab dann die frühere Steinburger Gleichstellungsbeauftragte Jutta Ohl, die sie immer wieder zu einem politischen Engagement ermuntert habe. Mit den Sozialdemokraten habe sie dann den größten gemeinsamen Nenner gefunden. Eine Bedingung stellte sie damals aber: "Ich wollte gleich mitmachen und nicht erst 15 Jahre lang rote Socken stricken." Kurz darauf wurde sie Ratsherrin in Itzehoe.

Für die nächste Etappe blieb ihr die Ochsentour dann doch nicht erspart. Im Eiltempo klapperte sie alle 47 Ortsvereine im Wahlkreis ab. Ihr Glück: Jörn Thießen als innerparteilicher Mitbewerber hatte aus gesundheitlichen Gründen auf eine erneute Kandidatur für den Bundestag verzichtet. "Das hätte wohl ein Kopf-an-Kopf-Rennen gegeben", meint die 53-Jährige rückblickend. Bei der Wahlkreiskonferenz in Wewelsfleth gab es dann Zustimmung von fast 80 Prozent der Delegierten. Seitdem ist Karin Thissen im Wahlkampf. "Das ist richtig harte Arbeit", urteilt sie, die aber auch möglichst viele Menschen erreichen will. Inzwischen hat sie erkannt, dass ein Einzug in den Bundestag nicht nur von ihr selbst abhängt. "Sagt ein Spitzenpolitiker irgendwas Blödes, kommt das sofort auch unten bei mir an." Was sie vom SPD-Spitzenmann Steinbrück hält? Thissen denkt kurz nach, will auch nichts Falsches sagen und meint dann doch mit gesenkter Stimme: "Ich hätte lieber Hannelore Kraft gehabt." Und ihr Verhältnis zum Wahlkreis-Mitbewerber von der CDU, Mark Helfrich: "Man trifft sich, man kennt sich, man sagt Hallo." Karin Thissen weiß, dass sie im Wahlkreis gegen den christdemokratischen Stimmenvorsprung keinen leichten Stand haben wird. Ihre Hoffnung ruht auf Wolfgang Kubicki. Der prominente FDP-Politiker soll Helfrich möglichst viele Stimmen kosten.

Und der noch unentschlossene Wähler soll für seine Entscheidung am 22. September am besten zwei Fragen beantworten: "Wem traut er das Mandat am ehesten zu? Und wer wird sich für seinen Wahlkreis am stärksten einsetzen?" Klar, dass Karin Thissen sich selbst hier im Vorteil sieht. Gesundheit, Verbraucherschutz, Frauenpolitik. Diesen Themen will sie sich bundespolitisch widmen. Ein persönliches Anliegen ist die Ernährung. Karin Thissen moniert die vielfach "irreführende und aggressive Werbung". "Bei dem, was wir essen, lassen wir uns immer häufiger fremd bestimmen." Sie beklagt die einseitige Ernährung der Menschen in unserem Land und bedauert, dass beim Kochen schon viel Wissen verloren gegangen sei. Gleichzeitig zeigt sie aber auch der Bio-Welle ihre Grenzen auf: "Man kann sich auch mit Bio falsch ernähren." Entscheidend komme es darauf an, dass man bewusst einkaufe. "Wir müssen aber auch bereit sein, für unsere Lebensmittel mehr zu bezahlen." Die Tierärztin findet es fast schon "unethisch, wie billig unsere Lebensmittel geworden sind".

Herausragendes Thema in ihrem Wahlkreis sei die Verkehrspolitik. "Wir brauchen eine gescheite Infrastruktur." Sie fügt auch mit kritischem Blick auf ihre eigenen Genossen hinzu: "Die Westküste wird oft vergessen - auch innerhalb der SPD." Daneben hat sie aber noch ein weiteres Thema, das fast schon eine Herzensangelegenheit ist. Karin Thissen will mehr Menschen mit Migrationshintergrund für die Politik begeistern. "Auch das sind Wähler." Überhaupt, so ergänzt sie, brauche man in Deutschland noch eine gewisse Willkommenskultur. Sie ist überzeugt: "Bei der Gastfreundschaft ist noch einiges machbar."

Sollte es mit dem Einzug ins Parlament klappen, will Karin Thissen der Devise ihres tierischen Wahlkampfes auf jeden Fall treu bleiben. "Ich errege immer Aufmerksamkeit, egal wo ich bin." Das sollen auch die Berliner zu spüren bekommen. Dabei bleibt sie immer auch ihrem wichtigsten persönlichen Thema treu. Karin Thissen hat Patenschaften für je eine Hühner- und eine Schweinerasse übernommen. "Die werden ganz besonders tierschutzwidrig gehalten", begründet sie ihr Engagement. Ansonsten hält sie es mit der Politik wie mit dem Kochen: "Zunächst braucht man eine Anleitung, dann bekommt man auch Lust darauf." Und Kochen gehört schon zu ihren Leidenschaften.

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