Ein mehr als hundertjähriger Itzehoer Dampfer existiert heute noch in Belgien

1920:  'Baurat Bolten'.
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1920: "Baurat Bolten".

"Baurat Bolten": 1906 gebaut / Seit 1996 als "Pannenkoekenboot" ein beliebtes Ausflugsziel / Auszug aus der bislang unveröffentlichten "Itzehoer Schifffahrtschronik" von Herbert Karting

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12. September 2011, 07:06 Uhr

itzehoe | Die Kapitäne Jacob Suhr und Johannes Rüsch aus Cranz hatten im Februar 1905 den alten Raddampfer "Buxtehude" erworben, der drei Jahre zuvor unter dem Namen "Primus" zu trauriger Berühmtheit gekommen war.

Dieses älteste eiserne Passagierschiff der Niederelbe - es befand bereits seit 1839 im Einsatz - war am 21. Juli 1902 gegen Mitternacht auf der Rückreise von Cranz nach Hamburg auf der Elbe mit einem Schlepper kollidiert und gesunken, wobei 102 Personen, größtenteils Mitglieder der Eilbecker Liedertafel "Treue", ihr Leben verloren. Dieser Schiffsunfall erregte damals großes Aufsehen, sogar der Kaiser hatte vom preußischen Handelsminister darüber einen Bericht gefordert, und noch heute erinnert ein Mahnmal nahe Teufelsbrück an die damalige Schreckensnacht. Dieses unglückselige Schiff war nach seiner Bergung und Instandsetzung in "Buxtehude" umbenannt worden, galt aber beim Publikum als Katastrophendampfer und wurde gemieden. Somit entschieden sich die neuen Eigner bereits nach wenigen Monaten für einen Neubau, und verkauften Anfang 1906 den inzwischen fast 70 Jahre alten Veteran zum Abbruch.

Den Neubauauftrag konnte trotz starker Konkurrenz Schiffbauer Johann Heinrich Fack in Itzehoe erringen. Bereits Ende Mai 1906 meldeten die "Itzehoer Nachrichten", dass Meister Fack mit dem "eleganten und solide gebauten Fahrzeug eine Vergnügungstour nach Cuxhaven veranstaltet und mit sehr zufriedenstellendem Ergebnis die Fluthen der Elbe durchfurcht" habe. Und eine Woche später brachte das selbe Blatt die Meldung von der erfolgreichen Übergabe des Schiffes: "Itzehoe, 2. Juni - Der auf der hiesigen Fackschen Werft neu erbaute Zweischrauben-Passagierdampfer Baurat Bolten, welcher als Ersatzschiff für die untergegangene Primus zwischen Cranz a.d. Elbe und Hamburg bestimmt ist, hat heute Itzehoe verlassen und sich nach der Elbe begeben, wo er sich durch den Erbauer und die Auftraggeber unter Zuziehung des Sachverständigen vom Germanischen Lloyd von der St. Pauli Landungsbrücke nach Stade der offiziellen Probefahrt unterziehen wird. Der Dampfer vermag bei voller Ausnutzung acht Tonnen Bunkerkohlen und 260 Personen mit einem Maximaltiefgang von 1,20 Meter aufzunehmen. Er läuft bei 0,9 kg Kohlenverbrauch pro Pferdekraft bei 50 % Füllung zehn Knoten."

Der Doppelschraubendampfer "Baurat Bolten", benannt nach dem damaligen Wasserbau-Inspektor in Buxtehude, war mit seinem ausgeprägten Sprung, steilen Vorsteven und wohlgeformten Heck ein elegantes kleines Fahrzeug, zu dessen gefälligem Aussehen auch die beiden Masten und der schlanke Schornstein mit ihrem achterlichen Fall beitrugen. Der Rumpf war durch vier Schotte in fünf wasserdichte Räume unterteilt. Zwei geräumige Salons unter Deck und der mittschiffs auf dem Hauptdeck stehende Aufbau boten ausreichende und komfortable Unterkunft für die 250 möglichen Passagiere. Diese konnten sich bei schönem Wetter außerdem auf dem offenen Vor- und Achterdeck sowie auf dem Oberdeck ausbreiten.

Das Schiff war bei 27 Metern Länge, 5,75 Metern Breite und 2,35 Metern Raumtiefe zu 97 Bruttoregistertonnen vermessen. Es wurde von zwei Expansionsmaschinen mit zusammen 210 PSi angetrieben, die, ebenso wie die Kessel, Christiansen & Meyer aus Harburg geliefert hatte.

Außer dem Schiffer waren als Besatzung fünf Mann vorgeschrieben: zwei Maschinisten, zwei Seeleute und eine "sonstige Person", womit wohl der Koch oder Steward gemeint war.

Neben Jacob Suhr und Johannes Rüsch gehörten der Schiffer Johann Peters aus Buxtehude und der Gastwirt Paulus Winter aus Hamburg zu den Eignern der als Buxtehude-Altländer Linien eingetragenen Reederei. Eingesetzt wurden deren in Cranz oder Buxtehude beheimateten vier Dampfer, zu denen auch noch "Estebrügge", "Elbe" und "Cranz I" gehörten, als Personen- und Stückgutfahrer im regelmäßigen Fährverkehr von Hamburg über Blankenese nach Buxtehude und zurück.

Die Unsitte, im Alten Land an nahezu jedem Gasthof anzulegen, hatte dazu geführt, dass sich die Reisedauer quälend lange hinzog. So war zwischen 1900 und 1910 die Zahl der Landungsplätze an der Este von elf auf 17 angewachsen, darunter allein fünf in Estebrügge!

Es war abzusehen, dass die Reederei durch die Konkurrenz der pünktlich und zuverlässig fahrenden Unterelbischen Eisenbahn, ferner durch die neu eingeführten Kraftpostlinien und nicht zuletzt durch die zwischen Blankenese und Cranz verkehrende Motorboot-Fähre bald in Bedrängnis kommen würde.

Hinzu kam eine zunehmende Verschlickung der oberen Este, hervorgerufen durch Vertiefung und Regulierung des Elbfahrwassers, die ein Anlaufen Buxtehudes häufig verhinderte. - Das Problem der Elbvertiefung, hat man ja bekanntlich auch hundert Jahre später noch nicht in den Griff bekommen. - Und in der Tat machte sich auch bald ein spürbarer Fahrgastschwund bemerkbar.

Die Buxtehude-Altländer Linie ging 1914 in der Hamburg-Blankenese-Este Linie auf. Der dann ausbrechende Erste Weltkrieg brachte alle weiteren Pläne zum Erliegen, die Jahre danach führten auch zu keiner Besserung, so dass im Winter 1922/23 die Linie am Ende zu sein schien. Im Sommer 1923 war von den fünf Schiffen - die Dampfbarkasse "Pribislav" war 1919 hinzugekommen - nur noch unser "Baurat Bolten" im Einsatz.

1924 endlich schien die Wirtschaftskrise überwunden zu sein, alle jahrelang aufgelegten Dampfer wurden überholt, weitere gebraucht gekauft und sogar noch Neubauten geordert. Die gepflegten weißen Schiffe der "Este-Linie" mit ihren gekreuzten Schlüsseln im Schornstein waren von der Elbe fortan nicht mehr wegzudenken. Erst am 1. Januar 1925 war im Register die Übertragung des Dampfers "Baurat Bolten" auf diese Reederei erfolgt und der Heimathafen von Cranz nach Harburg-Wilhelmsburg verlegt worden.

1938 bestand die Flotte aus zehn Einheiten, die im Kriege wichtige Transportaufgaben übernahmen und diese Jahre allesamt heil überstanden.

1948 erhielt unser Dampfer unter anderem eine feste Verschanzung und weitgehende Verglasung der Aufbauten sowie den neuen Namen "Fritz Reuter".

1960 erfolgte bei Pohl & Jozwiak in Hamburg ein vollständiger Umbau zum modernen Fahrgast-Motorschiff für 400 Personen. Seine Abmessungen betrugen nun 31,08 x 6,19 x 1,50 Meter, die Vermessung lag bei 110 Bruttoregistertonnen, und der Antrieb erfolgte über einen 235 PS starken Viertakt-MWM-Diesel für 10,5 Knoten Fahrt. Umbenannt in "Georg Friedrich Händel" und damit der Reedereitradition folgend, nach der alle neueren Schiffe Namen von Komponisten trugen, fuhr das Schiff noch drei Jahre unter den gekreuzten Schlüsseln. Am 28. Februar 1963 meldete das Hamburger Abendblatt auf seiner ersten Seite: "Die Hadag hat die Hamburg-Blankenese-Este Linie gekauft. Schon morgen wechselt die traditionsreiche Gesellschaft ihren Eigentümer. Damit gibt es in Hamburg keinen Privatbetrieb mehr, der am Fahrgastverkehr auf der Elbe maßgeblich beteiligt ist."

Zwölf Jahre später, am 6. Oktober 1975, verkaufte die Hafen-Dampfschiffahrt A.G. (Hadag) als letztes Schiff der ehemaligen Este-Linie den "Georg Friedrich Händel" an die Rederij Randmeer (Manager K. Höckmann) in Harderwijk, Holland. Umbenannt in "Jacqueline H." wurde es zwischen seinem neuen Heimathafen und Zeewolde für den Zeedierenpark Harderwijk B.V. eingesetzt.

1986 wurde das Schiff von der Stichting Nederlands Rode Kruis erworben, umbenannt in "Prins Johan Friso" und als Erholungsschiff auf dem Rhein eingesetzt. Diesen Dienst versah unser alter Itzehoer Dampfer weitere zehn Jahre, bis er 1996 ein weiteres Mal die Flagge wechselte und seitdem als "Den Diel" in Dessel, Belgien, beheimatet ist.

Abermals gründlich umgebaut, ist abgesehen vom Rumpf und einem Teil der Teakholzverschanzung, von der alten Substanz nicht viel übriggeblieben. Nun kam ein neuer 350 PS starker 6-Zylinder Volvo-Penta in den Maschinenraum, doch wird dieser kaum gebraucht. Das Schiff nämlich hat seitdem einen idyllischen festen Liegeplatz am Kreuzungspunkt von vier Kanälen und ist als so genanntes "Pannenkoekenboot" zum beliebten Ausflugsziel der Belgier geworden. Neben "(h)eerlijke verse soepen", also (h)ehrlichen frischen Suppen, kann man "uit meer dan 260 verschillende pannenkoeken" auswählen! Mehr als 260 verschiedene Pfannkuchen: Das hätten sich damals selbst die Altländer nicht träumen lassen, und Schiffbaumeister Fack aus Itzehoe erst recht nicht!

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