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Norddeutsche Rundschau

20. Oktober 2017 | 17:13 Uhr

Botanik : Ein Leben im Zeichen der Brombeere

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der Itzehoer Werner Jansen ist einer der wenigen Brombeer-Forscher in Deutschland – jedes Jahr entdeckt er zahlreiche neue Arten

von
erstellt am 13.Apr.2016 | 05:00 Uhr

Wenn Werner Jansen seinen Sommerurlaub plant, dann muss er nicht lange überlegen, wo es hingeht. Denn Sommerzeit ist Brombeerzeit, und die verbringt der Itzehoer schon seit einigen Jahren in Hessen. Mit Notizblock und Heckenschere im Gepäck widmet sich der 75-Jährige dort seinem liebsten Hobby: der Brombeer-Forschung.

Das Rosengewächs bestimmt das Leben des früheren Zollbeamten und jetzigen Ruheständlers: Die Sträucher wachsen nicht nur in seinem Garten, auch sein Arbeitszimmer ist voll mit getrockneten Blättern und Stängeln. In den Regalen türmt sich Literatur rund um seine liebste Pflanze und selbst seine E-Mail-Adresse beginnt mit dem Wort „rubus“, der lateinischen Bezeichnung der Brombeere.

Die Pflanzenwelt hatte es dem gebürtigen Kieler schon immer angetan. Zu Schulzeiten fuhr er mit dem Fahrrad in die Hüttener Berge, um die dortige Flora zu erkunden. Als er sich mit der Vegetation der Knicks beschäftigte, stieß er auf „das Nebenprodukt“ Brombeere. Nach einem Seminar im Jahr 1973 ließ Jansen das Thema nicht mehr los. „Brombeeren reizen mich, weil es so viele verschiedene Arten gibt.“ Allein in Schleswig-Holstein seien es über 110, in ganz Deutschland mehr als 400. Grund dafür sei die eigenwillige Fortpflanzungstaktik der Brombeeren. Ohne Bestäubung könnten die Pflanzen Samen ausbilden, sodass sich zufällig entstandene Kreuzungen problemlos vermehren könnten. „So entstehen auch heute noch ständig neue Arten.“

Und die versucht Werner Jansen zu entdecken. Eine Sisyphusarbeit, denn: „Bei jeder Pflanze muss ich zunächst unterscheiden, ob es sich nur um einen einzelnen Strauch oder um eine weiter verbreitete Art handelt.“ Erst wenn Pflanzen mindestens in einem Radius von 50 Kilometern verbreitet sind, sprechen Forscher von einer eigenen Art. „Wenn wir jeden einzelnen Strauch beschreiben wollten, müsste die Brombeer-Forschung resignieren.“ Ganz Schleswig-Holstein hat Jansen bereits nach den Gewächsen durchforstet und brachte 1983 den Atlas der Brombeeren für das nördlichste Bundesland heraus. Danach ging er in Thüringen auf Beeren-Suche, bevor er sich im Jahr 2000 Hessen widmete.

Seine Methode ist einfach: Stößt Jansen auf eine Brombeer-Pflanze, versucht er ihre Art zu bestimmen. Hat sie fünf- oder siebenteilige Blätter? Sind die Stängel behaart oder nicht? Wie ausgeprägt sind die Stacheln? Das sind nur einige der Fragen, denen der Forscher nachgeht. Kennt er die Art nicht, schneidet er ein Stück der Pflanze ab und nimmt es mit nach Hause. Mit Hilfe einer selbst gebauten Presse aus einem alten Hocker, einer Wärmelampe und Wellpappe, dem sogenannten „Brombeer-Grill“, werden Blätter und Stängel getrocknet und später fein säuberlich in ein Herbarium eingeklebt.

Ganz in Ruhe kann Jansen dann die Pflanze unter dem Mikroskop betrachten. Handelt es sich tatsächlich um eine neue Art, bekommt sie in Absprache mit den etwa 20 anderen deutschen Brombeer-Forschern einen neuen Namen. Stück für Stück entsteht auf diese Weise ein Atlas, in dem Jansen genau verzeichnet, wo welche Brombeer-Art vorkommt.

In etwa zwei bis drei Jahren will Jansen die Brombeer-Kartierung in Hessen abschließen. Bis dahin wartet noch viel Arbeit auf den Hobby-Forscher. In seinem Arbeitszimmer liegen noch mehrere Hundert Exemplare, die er noch nicht bestimmt hat. In der kalten Jahreszeit ist er also keinesfalls arbeitslos. Und auch wenn die meisten Brombeeren erst im Juli austreiben, die kommende Saison wirft bereits ihre Schatten voraus: In Jansens Garten steht der erste Brombeer-Strauch, eine besonders robuste Art aus Nordamerika, bereits in Blüte.

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