zur Navigation springen

Geflügelpest : Ein Landwirt verliert seine 34.000 Puten – jetzt kämpft er um seine Zukunft

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Timm Klüver hatte den größten Putenmastbetrieb Schleswig-Holsteins. Doch ein Tag im Januar veränderte alles.

Grevenkop | Schon bei den ersten Schritten in seinem Stall weiß Timm Klüver, dass etwas nicht stimmt. „Es war einfach ein Scheißgefühl, als ich gesehen habe, was da los war.“ Um den Putenmäster aus Grevenkop im Kreis Steinburg liegen viele hundert Tiere – tot. Gestorben an der Geflügelpest. Es ist Sonntag, der 22. Januar, als Klüver zum Hörer greift und das Veterinäramt informiert. „Von da an habe ich nur noch funktioniert – wie ein Roboter.“

Die Veterinäre rücken an, in den toten Tieren wird das tödliche Virus H5N5 gefunden – zum ersten Mal in einem Betrieb in Europa. Zuerst hofft der 41-Jährige noch, dass ein Teil seines Bestandes überleben kann, doch nach ein paar Tagen ist klar, dass alle 34.000 Tiere in dem größten Putenmastbetrieb in Schleswig-Holstein getötet werden müssen – die Existenzgrundlage für Klüver, seine Familie und die der 35 Mitarbeiter auf dem Hof, von denen nun die meisten nur noch Kurzarbeit leisten.

Vier Wochen danach ist um den Hof immer noch rot-weißes Flatterband gespannt. Timm Klüver sitzt mit seinem Vater Hans in seinem Büro, die beiden trinken Kaffee und erzählen, wie es für einen Tierhalter ist, der plötzlich keine Tiere mehr hat. „Wir waren hier alle niedergeschlagen“, sagt Timm Klüver. Um Gerüchten vorzubeugen, gründet sein Betriebsleiter eine WhatsApp-Gruppe für alle Mitarbeiter. „Wir haben immer alle auf dem neuesten Stand gehalten, was die Menschen draußen über uns erzählt haben, das erfahren wir erst jetzt langsam“, erzählt Hans Klüver.

Den Mitarbeitern sagt sein Sohn schon am ersten Tag der Krise: „Es wird weiter gehen.“ Wie und vor allem wann, das ist ihm zu diesem Zeitpunkt wohl auch noch nicht so genau klar. Sein Hof wird abgesperrt, eine Spezialfirma bringt die noch lebenden Puten um. „Die Tötung der Tiere war Tierschutz“, meint Hans Klüver. Die Puten hätten sich ungeheuer gequält. Klüvers Mitarbeiter helfen, die Tiere einzufangen, die in Spezialcontainern im Kohlendioxid sterben – nach fünf Tagen sind alle Ställe leer. „Das hat uns alle belastet, wir haben uns gegenseitig gestützt“, sagt Hans Klüver. Der Schaden geht in die Hunderttausende, Klüver hofft, dass er alles vom Tierseuchenfonds des Landes ersetzt bekommt, in den alle Tierhalter einbezahlt haben. Und der Verdienstausfall? „Wir werden unsere Rücklagen auflösen müssen“, sagt Hans Klüver.

Die beiden Landwirte fühlen sich gut unterstützt von den Veterinären, den Behörden, Feuerwehr und Polizei, die während der Keulung auf dem Hof sind. Auch Landwirtschaftsminister Robert Habeck ruft Hans Klüver an, spricht ihm Mut zu. Was nun passiert, ist laut Seuchengesetz genau festgelegt. Die Ställe werden grob desinfiziert, danach wird das Streu herausgeholt, mit Branntkalk vermischt und 42 Tage gelagert – dann soll davon keine Gefahr mehr ausgehen. Bei den Klüvers fängt ein Haufen Feuer, die Wehren aus der Umgebung rücken an, und löschen den Brand. Die Ställe werden gewaschen, dann genau desinfiziert. „Danach ruht alles sieben Tage lang, dann wird nochmal alles desinfiziert.“ Wenn die 42 Tage um sind, darf Klüver wieder aufstallen.

„Es ist unser großes Ziel, dass wir Ende März hier wieder Tiere haben“, sagt Timm Klüver. Er wird wie immer die Küken von einem Fachbetrieb kaufen, die Hennen 16 Wochen, die Hähne 20 Wochen bis zur Schlachtreife mästen. Und er hofft, dass die Geflügelpest nicht wieder kommt. „Wir haben alle Hygienevorschriften beachtet, sie sogar ab November verstärkt – und wir werden jetzt nochmal alles genau überprüfen.“ Er vermutet, dass das Virus von einem Wildvogel stammt und über das Streu in den Bestand gekommen ist, obwohl die Mitarbeiter die Reifen der Maschinen desinfiziert haben. Dass das keine Garantie ist, weiß Klüver auch. Dass es Mutationen wie das H5N5 Virus gebe, sei Teil der Natur, meint Hans Klüver. Damit müsse man als Landwirt leben. „Wir wissen, dass es uns wieder treffen kann – deswegen bleibt eine gewisse Unsicherheit.“

Ein wenig Angst hat Timm Klüver vor der Ruhe auf dem Hof, wenn nach der Desinfektion keine Arbeiter mehr da sind, wenn er keine Tiere hört. „Das habe ich noch nicht erlebt, ich kenne es nur mit den Puten.“ Für die Klüvers ist der Betrieb alles, seit 50 Jahren werden hier Puten gemästet, geschlachtet und verkauft. Man habe sich einen guten Ruf erworben, sagt Hans Klüver. „Und unsere Kunden halten zu uns, das gibt uns richtig Kraft.“

Er hofft, dass am 1. März zumindest der Hofladen wieder öffnen kann, dort werden sie dann selbst hergestellte Wurst verkaufen. „Das Frischfleisch müssen wir vom freien Markt holen – bis wir hoffentlich im Juli wieder welches aus unserem Bestand anbieten können“, sagt Hans Klüver. „Wir waren ganz unten, aber jetzt kämpfen wir uns wieder nach oben – und haben schon ein gutes Stück des Wegs geschafft“, meint der 72-Jährige. Und sein Sohn? Er schaut ebenfalls positiv in die Zukunft. Doch so richtig glücklich wird er erst wieder sein, wenn er die Tiere hört und im Stall steht. „Wenn die Puten wieder hinter mir herlaufen, dann weiß ich, dass alles wieder in Ordnung ist.“

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 22.Feb.2017 | 00:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen