Ein Gesicht für Täter und Opfer

Aussstellungseröffnung mit (v. l.): Martin Kayenburg, Bernhard Flor, Arno Deister, Dietmar Wullweber und Ingo Ulzhoefer.
Aussstellungseröffnung mit (v. l.): Martin Kayenburg, Bernhard Flor, Arno Deister, Dietmar Wullweber und Ingo Ulzhoefer.

Ausstellung „Erfasst, verfolgt, vernichtet: Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“ bis zum 5. Mai im Landgericht

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28. März 2018, 05:00 Uhr

Die letzten Schautafeln zeigen Porträts des berühmten deutschen Künstlers Gerhard Richter (geb. 1932). Er malte in den 60er Jahren seine Tante Marianne sowie seinen Schwiegervater nach älteren Fotografien und wusste damals noch nicht, dass er damit ein Opfer und einen Täter der NS-Medizinverbrechen herausstellte. Dies erfuhr er erst 40 Jahre später, als ein Journalist beide Biografien und ihre Verflechtungen rekonstruierte.

An derartigen persönlichen Schicksalen vermittelt die ergreifende Ausstellung im Itzehoer Landgericht „Erfasst, verfolgt, vernichtet: Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“ anschaulich die lange ausstehende Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels deutscher Geschichte. Sie ist bis 5. Mai zu sehen.

Die ersten Tafeln geben einigen der 200 000 „Euthanasie“-Opfer und rund 400 000 Zwangssterilisierten ein Gesicht, aber auch vielen NS-Tätern, die als Arzt, Krankenschwester, Richter oder Verwaltungskräfte am Patientenmord oder der Sterilisation beteiligt waren. Die meisten verblieben 1945 in ihren Funktionen, während den Familien der Ermordeten als letzte Erinnerung oft nur Fotografien blieben, die in den Anstalten aufgenommen wurden. Erst in den 1980er Jahren begann die öffentliche Beschäftigung mit dem Thema.

„Passt diese Erinnerung in ein Landgericht?“, fragte der Vorsitzende des Vereins Justiz und Kultur, Dietmar Wullweber, bei der Eröffnung, an der auch Justiz-Staatssekretär Wilfried Hoops teilnahm. Wullweber beantwortete dies mit dem Verweis auf den Deutschen Richterbund, der sich 1933 als Berufsstand den Verbrechen untergeordnet habe. „Als Mitglied im Richterbund ist mir besonders daran gelegen, sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, da sie sich nicht wiederholen darf.“

Erst 2007 wurden die Opfer von Zwangssterilisation und NS-„Euthanasie“-Morden als Verfolgte des NS-Regimes anerkannt. Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wurde, nachdem es bis dahin in der Bundesrepublik lediglich außer Kraft gesetzt worden war, abgeschafft. Eine gesetzliche Grundlage zur materiellen Entschädigung der Opfer gibt es jedoch bis heute nicht. Daran erinnerten bei der Eröffnung Martin Kayenburg, der ehemalige Präsident des schleswig-holsteinischen Landtages, und Professor Arno Deister, der die Ausstellung als Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie (DGPPN) mit dem Klinikum nach Itzehoe geholt hat. Deister dankte den zahlreichen Besuchern im Landgericht, dass sie „Verantwortung dafür übernehmen, wie die Psychiatrie mit Menschen umgeht“.

Er berichtete im Anschluss an die Eröffnung, dass er einen persönlichen Bezug zum Thema erhalten habe, als er in den 90er Jahren für mögliche Entschädigungen NS-Opfer begutachten musste. Viele hätten ihn mit ihrer Persönlichkeit trotz eines so schweren Schicksals nachhaltig fasziniert.

Bernhard Flor, Präsident des Landgerichts Itzehoe, ermahnte angesichts aktueller Auswüchse, dass der Rechtsstaat nicht nur in der Türkei und Polen verteidigt werden müsse, sondern immer wieder neu auch in Deutschland.

Die Ausstellung, die parallel in Sydney und Turin gezeigt wird, ist erstmals in Schleswig-Holstein zu sehen und wandert danach nach Flensburg und Lübeck. Sie gibt den Betroffenen Gewicht und Stimme, da viele Zeugnisse vernichtet oder lange verdrängt wurden, und wird mit Veranstaltungen begleitet. So ist am Donnerstag, 19. April, ab 18.30 Uhr im Klinikum Itzehoe der Film „Himmel und mehr“ zu sehen, der die mittlerweile 100-jährige Dorothea Buck vorstellt. Sie wurde zwangssterilisiert und ist heute als Autorin eine bedeutende Stimme der Bewegung Psychiatrie-Erfahrener.

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