Dunkle Zeiten und neue Stadtteile

Dichtes Gedränge: Konzert der 'Liedertafel' im Herbst 1926. Foto: Kreis- und stadtarchiv (2)
1 von 3
Dichtes Gedränge: Konzert der "Liedertafel" im Herbst 1926. Foto: Kreis- und stadtarchiv (2)

shz.de von
07. Januar 2011, 08:54 Uhr

ITZEHOE | Für die Itzehoer Stadt geschichte sind Jahre mit einer "1" am Ende oft von großer, manchmal herausragender Bedeutung. Ob sich auch 2011 eine "Eins" in der Chronik verdient, wird die Zukunft zeigen. In der Ver gangenheit jedenfalls sorgten die "Einser" für ein lebhaftes Auf und Ab.

Ein "rundes Jubiläum" steht an: Am 28. September 1911 - vor 100 Jahren also - bestimmt Wilhelm II., Deutscher Kaiser und, in diesem Falle, König von Preußen, "dass die Landgemeinde Sude im Kreise Steinburg mit der Stadt Itzehoe desselben Kreises vereinigt wird". Ein ganz wichtiges Datum: Itzehoe, bis dahin knapp 1100 Hektar groß, wächst um stattliche 546 Hektar, statt 16 548 gibt es jetzt fast 20 000 Itzehoer. Vollzogen wird die Eingemeindung, mit der längst nicht alle Suder einverstanden sind, zum 1. November. Gefeiert wird mit einem Fackelzug, der am Abend vorher von Sude zum Itzehoer Rathaus führt. Dort übergibt Gemeindevorsteher (von nun an Stadtsekretär) Holm Bürgermeister Salomon einen vergoldeten Schlüssel. Anschließend marschieren alle zu Rönfeldts Gasthof in Sude, wo das denkwürdige Ereignis mit einem Kommers ausklingt.

Einzigartig ist das Jahr 1881. Vom 13. bis 16. September herrscht Aus nahmezustand. Per Sonderzug kommt Kaiser Wilhelm I. auf Manöverbesuch, mit ihm, was in Preußen Rang und Namen hat. Hohe, höchste und allerhöchste Herrschaften bevölkern die Stadt, die der Monarch auf einer "via triumphales" durch ein Spalier begeisterter Itzehoer durchfährt. "Jubelnd rufen wir Dir zu. Nicht von Sorge mehr beklommen: Deutschlands größter Kaiser Du - König Wilhelm, sei willkommen", heißt es auf einem der zahlreichen Transparente. Ein standesgemäßes Quartier nimmt der Monarch auf dem Westerhof bei Geheimrat de Vos. Der Gastgeber darf später seinem Namen ein schmückendes "von" voranstellen.

Auch schon zehn Jahre zuvor herrscht nationaler Überschwang: Der Deutsch-Französische Krieg ist siegreich beendet. "Friede. 10. Mai 1871" steht auf dem Stein, der mit der "Friedenseiche" vor der St. Laurentii-Kirche noch heute an den Friedensschluss erinnert. 20 Itzehoer kostet der Krieg das Leben. Ihrer ehrend gedacht wird mit dem 1890 am Rande der Malzmüllerwiesen errichteten imposanten Kaiser- und Krieger-Denkmal. Es fällt im Zweiten Weltkrieg der "Metallspende" zum Opfer - "zur Einschmelzung und Neuproduktion der für die Branche typischen Erzeugnisse" (wie Stadtarchivar Friedrich Priewe süffisant formuliert).

Heute kaum noch zu glauben: Lange Zeit ist Itzehoe eine Vier-Sektoren-Stadt. Die Stadt mit lübschem Recht, das Adelige Kloster, die Herrschaft Breitenburg und der kleine Burgbezirk teilen sich das Stadtgebiet. Eine kuriose Grenzziehung durchschneidet Straßenzüge, ordnet benachbarte Häuser unterschiedlichen "Kommünen" zu. Manchmal ist der Besitz auch umstritten. Die Zichorienfabrik von Ottens am Oelixdorfer Weg liegt auf Breitenburger Gebiet, gilt aber als "lübsch", weil die Eigentümer städtische Bürger sind. Es herrschen ganz unterschiedliche Rechtsverhältnisse. Am 1. April 1861 ist es mit der "Kleinstaaterei" zu Ende. Aus den vier "Jurisdiktionen" wird die neue "Stadt Itzehoe". Außen vor bleibt der Klosterhof. Er wird, unter einseitigem Zwang, erst 1935 eingemeindet. Itzehoe erweitert sich damit um stattliche 679 Hektar, 176 Einwohner kommen hinzu.

1851 wird das "Itzehoer Wochenblatt" verkauft. Peter Samuel Schönfeldt, der Gründer und Verleger, gibt entnervt auf und zieht sich nach Hamburg zurück. Der Grund: Die dänische Zensur schlägt hart zu. Schönfeldt, der die schleswig-holsteinische Freiheitsbewegung unterstützt, sieht sich kleinlichen Schikanen ausgesetzt. Immer wieder droht ein Verbot. Nachfolger Gottfried Joseph Pfingsten ergeht es nicht anders. Sein ärgster Gegner ist ausgerechnet ein gebürtiger Itzehoer. Ludwig Nikolaus von Scheel, hoher Beamter in dänischen Diensten, hält das Wochenblatt für "das Hauptorgan der Rebellen gegen die geheiligte Majestät des Monarchen". 77 Wochen lang bleibt Itzehoe ohne Zeitung. Dann, 1857, ein Neuanfang: Pfingsten gründet die "Itzehoer Nachrichten".

Das gesellschaftliche Leben bereichert 1841 ein neuer Verein. Die "Itzehoer Liedertafel" stellt sich die Aufgabe, "den Sinn für Gesang zu beleben und den reichen Schatz deutscher Volkslieder allen Volksklassen zugänglich zu machen". Erster Dirigent ist Stadtmusikus Semler, erster "Wortführer" Lehrer Schröder. Schon nach zwei Jahren hat Itzehoes ältester Männerchor 50 singende und 181 fördernde Mitglieder. Bald gehört es zum guten Ton, in der "Liedertafel" zu sein, auch Bürgermeister Rötger und sämtliche Senatoren der Stadt sind dabei. Der mit Abstand prominenteste "Liedertäfler" aber ist eine Zeitlang der spätere Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke. Allerdings zählt der Graf, der 1842 die Itzehoerin Marie Burt heiratet, zu den "nicht singenden Mitgliedern".

Lange Zeit ist Itzehoe eine finstere Stadt. Eine Straßenbeleuchtung gibt es erst seit 1771. Aber was für eine! Drei trübe Funzeln "erhellen" den immerhin schon 4200 Itzehoern den Weg. Sie stehen an der Langen Brücke, am Delftor und im Sandberg, werden mit Rüböl betrieben und brennen nur winters und in Nächten ohne Mondschein. Wer bei Dunkelheit das Haus verlässt, nimmt eine "Lüch" mit oder vertraut sich einem der zahlreichen Nachtwächter an. Heller wird es 1821. Bürgermeister Detlef Heinrich Rötger fordert die Bürger auf, Beträge für 50 neu aufzustellende Laternen zu zeichnen. Es kommen gut 430 Mark zusammen, das reicht für zunächst 28 Lampen, später sind es 49. In Betrieb sind sie zwischen Oktober und Ende April. Die eine Hälfte erlischt um 23 Uhr, die andere, "wenn die Nachtwächter von der Straße gehen".

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist Itzehoe eine Stadt im Aufbruch. Neue Straßen und Stadtteile entstehen, allein 1951 werden 538 Wohnungen gebaut. Am 21. Juli erhält Itzehoe die lange ersehnte Stadtflagge. Sie zeigt, heißt es im Erlass des Innenministers, "im weißen, an den Rändern der beiden Längsseiten von je einem schmalen weißen und einem etwas breiteren roten Streifen begrenzten Feld das Stadtwappen". Geweiht wird sie am 24. August in einer Sondersitzung der Ratsversammlung. "Möge unsere Itzehoer Stadtflagge uns allen eine frohe, stolze Mahnung und Verpflichtung sein, als Bürger dieser Stadt unser Gemeinwesen zu achten und zu ehren…", so Bürgermeister Joachim Schulz, der die Weiherede hält.

Viele ältere Leser werden sich gewiss noch an die damals stattfindenden Seifenkistenrennen erinnern. Sie sind Großveranstaltungen mit Tausenden von Zuschauern. Die Rennen - manche "Kisten" schon mit High-Tech-Modellen - werden sehr ernst genommen. Erbittert wird um den Sieg gekämpft. Als Hauptpreis winkt ein Fahrrad. Natürlich ist die Norddeutsche Rundschau dabei, als am 13. August 1951 die Startflagge hoch geht: "Wenn auch Petrus nicht sein lachendes Gesicht zeigte, die Itzehoer hatten sich nicht entmutigen lassen. Wohl sechstausend Menschen umsäumten dicht gedrängt die Rennbahn und den Hang des Freudenthaler Berges. Sie wurden Zeugen eines dramatischen Rennens… Im spannenden Endspurt ging der blaue Rennwagen Dieter Lederichs als erster durchs Ziel…."

Im Januar 1981 wird das neue Rathaus eingeweiht. Bis dahin sind die städtischen Dienststellen auf sieben Stand orte verteilt. Das alte Rathaus dient künftig der Selbstverwaltung, dazu Standesamt und Archiv. An dem 1975 ausgeschriebenen Wettbewerb beteiligen sich 68 Architekten, ausgeführt wird der Entwurf der Hamburger Mensinga und Rogalla. 1978 wird der Grundstein gelegt, ein Jahr später ist Richtfest. Der Umzug in die neuen Räume dauert drei Tage, danach gibt es für die Mitarbeiter Erbsensuppe und Freibier. Am 17. Januar ist "Tag der offenen Tür". 10 000 Besucher kommen, sich ihr neues Rathaus anzusehen. Sie äußern, heißt es später im Verwaltungsbericht der Stadt, "zum größten Teil eine sehr positive Meinung".

Ein Jahrzehnt später geht ein weiteres Großprojekt der Vollendung entgegen. Am 6. Mai 1991 wird Richtfest für das theater itzehoe gefeiert. Es ersetzt das alte Stadttheater in der Reichenstraße. Gebaut wird schon seit 1987 nach Plänen des Kölner Architekten Prof. Gottfried Böhm. Am 1. Oktober nimmt Theaterdirektor Siegfried Keuper seine Arbeit auf. Eröffnet wird das Haus mit einem Festkonzert am 26. September 1992.

Noch mehr "Einser"? 1921 gibt die Stadt Notgeldscheine nach Entwürfen von Wenzel Hablik heraus. 1901 wird der Grundstein zur Bismarcksäule gelegt. 1891 eröffnet das repräsentative Bahnhofshotel, heute Kreisverwaltung. 1531 gründet Johann Rantzau die Breitenburg. 1631 wird Itzehoe Garnisonsstadt und bleibt es bis in die Gegenwart. Eine Schnapszahl aus Itzehoes ferner Vergangenheit: Mit Adolf I. beginnt die Herrschaft der Schauenburger, Anno Domini 1111.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen